Der geheimnisvolle Erdstall von Doblberg umrundet die Welt – ein Kinderbuch übertreibt bei der Geschichte gehörig. Dabei ist das Rätsel aus dem Kreis Ebersberg so schon spannend genug.
Glonn – Die Gschicht mit der Kuh ist halt so eine Sach. Es brauchte neugierige Kinderaugen in Australien, damit die Greithanners im oberbayerischen Doblberg bei Glonn erfahren haben, dass es ihr Erdstall sogar in ein weltweit verbreitetes Kinderbuch geschafft hat. Im „Big Book of Mysteries“, später als „Unheimlich krasse Geheimnisse“ auch auf Deutsch erschienen, dreht sich eine Seite um den wohl über 1000 Jahre alten Stollen mit bis heute ungeklärter Funktion unter der Weide der hiesigen Landwirtsfamilie.
Sieben Sprachen, ein Problem: Das Kinderbuch übertreibt gehörig
Dort ist auf Englisch zu lesen: „Eines Nachmittags, als sich die junge Beate Greithanner in den Bayerischen Alpen, Deutschland, um ihre Kühe kümmerte, verschwand plötzlich eins der Tiere. Ein Loch hatte sich unter der bedauernswerten Kreatur aufgetan und verschlang sie.“ Neben der englischen Erstversion und der deutschen Übersetzung wird die Geschichte auch auf Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Türkisch, Japanisch und Chinesisch verlegt. Nur: Sie stimmt nicht.
Rudolf Greithanner, damals, im Sommer 2005, Besitzer besagter Kuh, sagt heute der Redaktion am Telefon: „Da ist schon viel dazugedichtet worden.“ Die Ebersberger Zeitung sei die einzige Zeitung gewesen, die es richtig erklärt habe: Die Familie habe ein Loch, nicht viel größer als eine Untertasse, auf ihrer Kuhweide gefunden und daraus den Schluss gezogen, dass die Erdschicht wohl von einem ihrer Tiere eingetreten wurde. Weder sei jemand dabeigewesen, noch sei eine Kuh in der Erde gesteckt, schon gar nicht bis zum Hintern. So steht es aber in einem sogar auf Englisch übersetzen Text des Spiegel zu lesen, aus dem der britische Kinderbuchautor anscheinend herauslas, dass das Tier gleich ganz im Untergrund verschwand. Dass Glonn zudem nicht in den Bergen liegt: geschenkt. Auf eine E-Mail-Anfrage der EZ antwortete der britische Verlag „Noisy Crow“ nicht.
Rätsel um den kahlen Stollen: Kinderbuch belebt Forscherneugier neu
Dabei hätte es die ganze Übertreibung gar nicht gebraucht. Die Geschichte vom Erdstall von Doblberg ist so schon spektakulär genug. Schließlich weiß bis heute niemand wirklich, wer und zu welchem Zweck diesen kahlen Stollen in die Erde trieb, der so eng und niedrig ist, dass sich die von den Greithanners herbeigeholten Archäologen nur kriechend und in der Hocke vorantasten konnten.
Nikolaus Arndt rückt dem Geheimnis wegen der Kinderbuchveröffentlichung mit neuem Elan zu Leibe. Der niederbayerische Ingenieur (76) ist begeistert von den menschengemachten Tunneln und arbeitet an einem landesweiten Verzeichnis, dem Erdstallkataster Bayern. Ein rundes halbes Dutzend davon verortet er im Landkreis Ebersberg (siehe Kasten). Er vermutet, dass es „Seelenkammern“ waren – Relikte eines vorchristlichen Totenkults, die angelegt und dann dauerhaft verschlossen wurden. „Es sieht aus, also ob sie gestern gegraben wurden“, sagt Arndt fasziniert über die wiederentdeckten, meist leeren, nackten Stollen ohne Hinweise auf Lagernutzung oder Aufenthalt von Mensch oder Tier.
Das Erdstallkataster
Der Erdstall von Doblberg ist nur einer von rund 150 in Bayern entdeckten Bauwerken, sieben im Landkreis Ebersberg, die aus einer Reihe von sogar 17 vermuteten Erdställen ins Kataster schafften: In Doblberg bei Glonn und Bichl bei Aßling sind sich die Forscher sicher. Als wahrscheinliche Erdställe gelten Funde in Kleinrohrsdorf bei Baiern (zerstört) und in Purfing bei Vaterstetten. Noch ungeklärt, aber für eine Aufnahme ins Kataster ausreichend interessant sind Tunnel in Loitersdorf bei Aßling, in Moosach und bei Anzing. Als gemeinsames Merkmal haben die gedrungenen, bis an die 100 Meter langen Gänge, dass sie ohne Mauern oder Stützen und mit engen Schlupflöchern verbunden ins Gestein gehauen sind – und dass der Zweck der Nischen und Kammern weiter ungeklärt ist. Mehr Infos online: www.erdstall-kataster-bayern.com
Was die Spezialisten über den Erdstall Doblberg sagen
Einem Spezl aus der Region, der mittlerweile in Melbourne, Australien, lebt, sei dort das Kinderbuch mit der Seite über den Kuh-Vorfall von Doblberg zufällig untergekommen – weil er es seinen eigenen Kindern gegeben hatte, ohne den Bezug zur alten Heimat zu ahnen. Nun will Arndt seiner These nachgehen, dass in Doblberg, über dem Erdstall, früher einmal eine mittelalterliche Turmburg gestanden habe – wohl aus Holz, das Domizil eines hiesigen Landadligen. „Da sind wir dran“, sagt der begeisterte Erdstallforscher über die Auswertung von Bodenscans, die auf einstige Fundamente schließen lassen.
Etwas zurückhaltender ist die offizielle Deutung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Roland Linck, Spezialist für Geo-Erkundung, hatte sich bereits vor Jahren aufmerksam in Doblberg umgeschaut und die Umgebung des Erdstalls per Bodenradar erkundet. Wissenschaftlich handfeste Belege für eine Burg an der Stelle sehe er nicht. Wohl aber sei dort eine Kirche gestanden, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Säkularisation nicht überdauert habe. Daraus auf eine religiöse Bedeutung des Erdstalls zu schließen, quasi von der Christianisierung überbaut, ist dem Forscher mangels Beweisen zu gewagt. Archäologen schmunzeln selbst gern über ihren Hang dazu, Konstruktionen ohne erklärlichen Zweck verlegenheitshalber eine kultische Bedeutung zuzuschreiben. Es könne sich auch um schlichte Fluchtgänge aus dem Mittelalter gehandelt haben. Man weiß es halt nicht.
Rudolf Greithanner, unter dessen Wiese der Tunnel nun ungestört weiterschlummert, ist immer noch berührt von dem geheimnisvollen Fund: „Wenn du da unten sitzt, machst du dir schon Gedanken“, sagt er über den ungeklärten Zweck – und einen wuchtigen, roten Sandsteinfindling, der in dem Erdstall liegt. Der Deckel darüber ist aber inzwischen überwuchert. Rudolf Greithanner sagt: „Wir lassen das ruhen.“