Über die Kante rutschen, braucht Überwindung: Einsatzkräfte üben Evakuierung von Fahrgästen an Blombergbahn

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Auch die jüngsten Fahrgäste werden sicher zum Boden gebracht. © Blombergbahn

Wie können Fahrgäste in einer Gefahrensituation evakuiert werden? Bergwacht, Feuerwehr und Blombergbahn üben für den Ernstfall.

Wackersberg/Bad Tölz – Um 18.53 Uhr stoppt der Lift. 43 Fahrgäste hängen in den Sesseln der Blombergbahn bis zu zwölf Metern über dem Boden fest. Wenig später gibt es die erste Durchsage: „Achtung, Achtung“, schallt es aus den Lautsprechern. Die Passagiere werden darüber informiert, dass es eine technische Störung gibt und der Betrieb nicht wieder aufgenommen werden kann. „Es besteht keinerlei Gefahr.“ Die Fahrgäste werden aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Und ganz wichtig: „Bitte springen Sie auf keinen Fall von den Sesseln ab.“

Übung zur Evakuierung an der Blombergbahn: Mancher hat Herzklopfen

So beginnt am Freitagabend die Großübung an der Blombergbahn, an der neben den Mitarbeitern der Bergbahn auch die Feuerwehr Wackersberg und die Bergwachten aus Bad Tölz und Lenggries beteiligt sind – und natürlich rund 50 freiwillige „Opfer“. Eines davon ist Peggy Münch. Sie arbeitet in der Tölzer Tourist-Info, über die Stadt hat sie von dem Aufruf, dass Freiwillige für die Übung gesucht werden, erfahren. Sie hat Lust auf die neue Erfahrung. „Ich lebe mein Leben gerne bunt“, sagt sie und lach. Aber, bekennt sie, bevor sie sich am Sessellift anstellt: „Ich habe schon Herzklopfen“.

Im unteren Abschnitt rettet die Wackersberger Feuerwehr die Passagiere über eine Leiter.
Im unteren Abschnitt rettet die Wackersberger Feuerwehr die Passagiere über eine Leiter. © Blombergbahn

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Die beteiligten Rettungsorganisationen und die Bergbahn trainieren Szenarien wie dieses regelmäßig. Die Bergwacht kann dazu auch auf die Anlagen im Rettungszentrum auf der Flinthöhe zurückgreifen. Dass alle gemeinsam üben, passiere „alle fünf bis sechs Jahre“, sagt Blombergbahn-Chef Hannes Zintel. „Zweimal in 53 Jahren“ musste bislang im echten Leben der Bergefall ausgerufen werden. „Je vier Leute mussten gerettet werden. Beide Fälle hatten mit einem Unwetter zu tun“, sagt Zintel. Der Ablauf ist genau festgelegt: Bleibt die Bahn stehen, ist eine halbe Stunde Zeit, um sie wieder in Gang zu bringen. Gelingt das nicht, „stellt der Betriebsleiter den Bergefall fest“, erklärt Zintel. Je nachdem, wie viele Menschen über welchem Gelände festhängen, werden die Retter alarmiert. Innerhalb von zwei Stunden müssen dann alle Passagiere zurück auf dem sicheren Boden sein. „In 99,9 Prozent der Fälle schaffen wir es aber, die Bahn noch leer zu fahren“, sagt Zintel.

Bergbahntrasse wird für Übung in drei Abschnitte geteilt

An diesem Übungstag ist die 1,8 Kilometer lange Bergbahntrasse in drei Abschnitte eingeteilt. Etwa bis zur Mittelstation sind die 16 Kräfte der Wackersberger Feuerwehr im Einsatz. Sie arbeiten mit einer Leiter, die die Bergbahn angeschafft hat und die auch direkt am Sessellift lagert. „Bis zu acht Meter“ können damit überwunden werden, sagt der Zweite Kommandant Tobias Hartmann. Die Leiter wird am Sessel verankert, dann wird der Passagier gesichert, bevor er nach unten steigt. „Bei uns hat das einwandfrei geklappt heute“, sagt Hartmann. Das bestätigen Birgit Pflaum und ihre Tochter Annalena (9). Die Heilbrunnerin hatte beide angemeldet, „weil ich wusste, dass Annalena das spannend findet“. Beide seien durchaus aufgeregt gewesen. „Aber wir haben uns immer sicher gefühlt“, sagt Birgit Pflaum. Überhaupt laufen die Rettungen der Feuerwehr reibungslos. Nur an einer Stelle sei ein Sessel mit der Leiter nicht erreichbar gewesen, da habe dann die Bergwacht übernommen, sagt Hartmann.

Im oberen Abschnitt sorgen die Bergwachten aus Lenggries und Bad Tölz für eine sichere Rettung der Passagiere.
Im oberen Abschnitt sorgen die Bergwachten aus Lenggries und Bad Tölz für eine sichere Rettung der Passagiere. Sie werden abgeseilt. © va

Im mittleren Abschnitt evakuieren die Mitarbeiter der Bergbahn selbst die Sessel, zwischen den Stützen 18 und 24 ist die Bergwacht zuständig. 28 Kräfte aus Bad Tölz und Lenggries sind an diesem Abend im Einsatz. Gegen 19.20 Uhr erreichen sie die Passagiere, die kurz vor der Bergstation festhängen. Ausrüstung wird ausgepackt, die ersten Retter sichten die Lage, geben durch, wie viele Fahrgäste zwischen den jeweiligen Stützen festhängen. Dann klettern Einsatzkräfte auf die Stützen. Ein Seil an einer Laufrolle wird verankert und zum Team am Boden geworfen. Von dort wird das Ganze näher an den besetzten Sessel gezogen, dann seilt sich ein Retter zum Passagier auf.

Dieser Moment, wenn man über die Kante rutscht, kostet Überwindung

Jetzt ist Mithilfe gefragt. „Das ist eine Rettungswindel“, erklärt der Bergwachtler und händigt das orangefarbene Stück aus. „Da musst du dich draufsetzen“, erklärt er. Mit geschickten Bewegungen wird der Fahrgast auf das Rettungstuch manövriert, Gurte werden geschlossen und ordentlich festgezogen. „Du ziehst rechts, ich links“, lautet die Anweisung. Dann wird alles noch einmal geprüft. Vom Team am Boden kommen Hinweise. Penibel wird darauf geachtet, dass sowohl Retter als auch Passagier zu jedem Zeitpunkt gesichert sind. „Den Bügel öffnest du erst ganz zum Schluss“, ertönt es vom Boden. Dann ist es soweit: Noch einmal wird geprüft, dass alles richtig sitzt. Dann klappt der Retter den Sicherungsbügel des Liftsessels nach oben. „Jetzt nach vorne rutschen“, sagt er. Dieser Moment, wenn man über die Kante rutscht, kostet Überwindung. Dann baumelt man einige Meter über dem Boden, genießt kurz den Ausblick – und schon gleitet man sanft Richtung Boden.

Von den Stützen aus bringen die Retter der Bergwacht das  Seilsystem an.
Von den Stützen aus bringen die Retter der Bergwacht das Seilsystem an. Danach seilt sich ein Retter zum Fahrgast auf. © va

Angst vor der Bahnfahrt ist weg

Dort wird jeder Gerettete registriert, bevor es mit dem Bergwacht-Fahrzeug ins Tal geht. „Nach 1:32 Stunden war unser Abschnitt geräumt“, sagt Bergwacht-Einsatzleiter Martin Hammerl und klingt durchaus zufrieden. Voll des Lobes ist Simone Böttcher, die mit ihrer Tochter Josephine an der Übung teilnimmt. „Ich hatte immer Angst, mit der Bergbahn zu fahren“, bekennt sie – auch, weil sie nicht wusste, was passiert, wenn es einen Notfall gibt. Als sie auf Facebook die Suche nach Freiwilligen entdeckte, meldete sie sich sofort an. Schon als sie die Bergretter sah, habe sie gewusst, dass die sie sicher wieder auf den Boden bringen. „Das war so perfekt, so toll“, schwärmt sie. Künftig werde sie mit einem deutlich besseren Gefühl in die Bergbahn steigen.

Auch Blombergbahn-Chef Hannes Zintel ist mehr als zufrieden. Sein Team hat auch noch kleine Geschenke für die „Opfer“ vorbereitet. Es gibt Freikarten, Kühlschrankmagnete und vor allem für die Kinder noch Tassen zum Anmalen. Jeder darf sich zudem über eine Brotzeit freuen – und über das gute Gefühl und das Wissen, dass im Ernstfall alles klappt. (va)

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