„Ihr gehört weggesperrt“: Entsetzen im Prozess um totgehetzten Miguel (23)

Die Angeklagten werden von der Justiz sorgsam geschützt. Ihre Namen sind der Öffentlichkeit nicht bekannt. Von ihnen gibt es keine Fotos. Nur das Opfer hat ein Gesicht: wache, freundliche Augen, dunkle Wuschelhaare, strahlendes Lächeln. So sieht man Miguel A. auf vielen Fotos, die ihn zu Lebzeiten zeigen.

Miguels Leben endete in einer Juni-Nacht 2025. Der junge Mann starb eines gewaltsamen, qualvollen Todes. Sein lebloser Körper wurde in einem kleinen Bach im thüringischen Zella-Mehlis (12.600 Einwohner) entdeckt. Zunächst war unklar, ob es sich um einen Unfall handelte – oder ein Verbrechen. 

Miguel A. aus Thüringen wurde von Gruppe in den Tod gehetzt

Wenig später stand für die Ermittler fest: Es war Mord! 

Wegen dieses Vorwurfs – Mord durch Unterlassen – müssen sich seit dieser Woche vier junge Menschen vor dem Landgericht Meiningen verantworten. Auf der Anklagebank sitzen zwei 16 und 17 Jahre alte Mädchen sowie zwei junge Männer im Alter von 19 und 20 Jahren. 

Ausriss aus einer Traueranzeige nach dem gewaltsamen Tod von Miguel
Ausriss aus einer Traueranzeige nach dem gewaltsamen Tod von Miguel Fol

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft klingen ungeheuerlich. Demnach sollen die mutmaßlichen Täterinnen und Täter den 23-jährigen Miguel nach einem Streit mit einem Gürtel ausgepeitscht, getreten, mit Pfefferspray angegriffen und schließlich wie ein Tier durch ein Wohngebiet gehetzt haben. Die Angstschreie des schwer misshandelten und nur mit einer Unterhose bekleideten Opfers waren weithin zu hören.

Das schwer verletzte und alkoholisierte Opfer konnte dann wohl in einem Gebüsch verschwinden, stürzte ins Bachbett, brach dort zusammen und ertrank. Das Verbrechen machte deutschlandweit Schlagzeilen, besonders deshalb, weil Miguels mutmaßliche Peiniger so jung waren.

Die Anklagebehörde sieht zwei Mordmerkmale als erfüllt an

Laut Staatsanwaltschaft hätten die Angeklagten dem um sein Leben kämpfenden Miguel nicht geholfen und den später eintreffenden Polizeibeamten den Verbleib und den Zustand des 23-Jährigen verschwiegen. Sie hätten aufgrund der schweren Verletzungen und des Alkoholpegels des Opfers seinen Tod in Kauf genommen.

Die Anklagebehörde sieht zwei Mordmerkmale als erfüllt an: Zum einen die Grausamkeit der Tat, die bis zum Ertrinken führte, zum anderen die Verdeckung einer Straftat, nämlich der vorangegangenen Körperverletzung.

Gleich zu Beginn des Prozesses in Meiningen wurde – sehr zum Unmut der Zuschauer in dem voll besetzten Gerichtssaal – klar: Die Justiz unternimmt alles, damit keine Details über die Tat und die mutmaßlichen Täter bekannt werden. Auf Antrag der Verteidiger beschloss die Kammer noch vor Verlesung der Anklageschrift, die Öffentlichkeit vom kompletten Verfahren auszuschließen.

Die Vorsitzende Richterin Manuela Pallasch begründete das unter anderem mit den Persönlichkeitsrechten der angeklagten Jugendlichen. Ihnen sollten soziale Schwierigkeiten und Nachteile im späteren Leben erspart werden. Gerichtssprecher Hannes Beutel ergänzte: „Es geht im Jugendstrafrecht darum, die Jugendlichen zu schützen.“ 

Tante: „Ich verstehe das nicht, warum das nicht öffentlich ist“

Die Begründung wurde von Anwesenden im Verhandlungssaal mit wuterfüllten Zwischenrufen quittiert. „Ihr gehört weggesperrt!“, brüllte jemand in Richtung der Angeklagten, die Trainingskleidung mit fetten Markenlogos trugen und in Handschellen auf ihre Plätze geführt wurden. „Jeder weiß doch, was ihr getan habt!“, rief eine Zuschauerin laut einem im Saal anwesenden Reporter.

„Ich verstehe das nicht, warum das nicht öffentlich ist. Bei der grausamen Tat waren sie auch alt genug“, äußerte die Tante des Opfers ihr Unverständnis über die nicht öffentliche Verhandlung. „Sie können ihr Leben leben, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben. Miguel kann das nicht. Er kann nicht heiraten, keine Familie gründen.“ Es vergehe kein Tag, an dem sie nicht an Miguel denke. 

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Die Vorsitzende Richterin Manuela Pallasch (rechts) kommt mit Richtern und Schöffen zum Prozess um Miguels Tod dpa

Auch die Großmutter des Opfers ist fassungslos und seit der Gewalttat untröstlich. Gegenüber FOCUS online erklärte sie: „Ich bin fertig mit der Welt.“ Der Vater und die Schwester von Miguel treten im Verfahren als Nebenkläger auf. Für den Prozess sind bis Ende Februar weitere sechs Verhandlungstage angesetzt. Auch die Verkündung des Urteils soll dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen.

Trauerrednerin: Er hatte ein sonniges, immer freundliches Gemüt 

Den beiden Minderjährigen droht eine Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren, den beiden volljährigen Angeklagten eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren bis lebenslänglich. Je nachdem, ob sie als Heranwachsende oder als Erwachsene verurteilt werden. Laut Gericht haben einige der Angeklagten angekündigt, sich zu den Vorwürfen äußern zu wollen. 

Miguel arbeitete als Gerüstbauer im Unternehmen seines Vaters in Zella-Mehlis. Er wollte nach Dubai auswandern und sich im Finanzbusiness eine Existenz aufbauen. Bei seiner Beerdigung im schneeweißen Sarg sagte die Trauerrednerin, Miguel habe ein sonniges, immer freundliches Gemüt gehabt. Er sei deshalb bei seiner Familie, Freunden und Nachbarn sehr geachtet und geschätzt gewesen.