Stiller Wald im Elmauer Tal wächst und wächst: „Es ist wahnsinnig schön hier“

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Versteckt im Wald sind die Gedenktafeln – manche mit Blick auf Elmau und Alpspitze. © Josef Hornsteiner

Über 180 Seelen haben mittlerweile im Stillen Wald ihre ewige Ruhe gefunden. Das darf im Elmauer Tal wörtlich genommen werden: Die Stille und Naturbelassenheit des dortigen Naturfriedhofs begeistern selbst Menschen aus USA oder Japan. Aufgrund des Zuspruchs wächst das Areal nun – ohne, dass es einer merkt.

Mittenwald – Nur Vögel zwitschern. Manchmal hört man den Wind in den Ästen. Sonst ist es still. Die Bäume stehen groß und mächtig in der Sonne. Lediglich eine kaum zu sehende Plakette zeugt davon, das hier ein Mensch begraben wurde. Kein Blumenschmuck. Kein Grabstein. Keine Plastikengel. Nur der Wald, eine kleine, bewusst angerostete Tafel mit Namen sowie manchmal einem Spruch und ein eingeäscherter Leichnam unterm Moos des Waldbodens. Einzig die Kundenbetreuer des Stillen Waldes, Christine Klotz und Matthias Wurmer, wissen, wo sich die Urne befindet.

Selten wird ein Ort seinem Namen so gerecht, wie der Stille Wald im Elmauer Tal. Die Bayerischen Staatsforsten haben auf dem insgesamt 31 Hektar großen Areal vor drei Jahren einen bis dahin einzigartigen Naturfriedhof geschaffen. Ein Erfolgsrezept, dass sich nun auch andernorts durchsetzt. Wer sich dort begraben lässt, genießt wahrlich die ewige Ruhe. Über 180 Bestattungen hat es bislang gegeben und der Zustrom lässt nicht nach. Im Gegenteil, es werden immer mehr. Deswegen ist nun ein weiterer Abschnitt – die Parzelle Wettersteinblick mit beeindruckender Aussicht aufs Wettersteingebirge – erschlossen und eröffnet worden. Somit werden von der Gesamtfläche derzeit 12 bis 13 Hektar genutzt.

Zum Abschied ein letzter Tango

„Es ist schon wahnsinnig schön da“, schwärmt Wurmer. Das sehen auch die Hinterbliebenen und sogar jene, die sich hier selbst zur Ruhe betten lassen wollen, genauso. Chinesen haben sich hier schon bestatten lassen. Mit Duftstäben und Gebeten in fremder Sprache. Spanier, wo bei der Beisetzung Tango getanzt wurde. Mal versammelten sich 60 Gäste. Unüblich, da nur überschaubare Parkmöglichkeiten an der Mautstraße vorhanden sind. „Große Massen, das widerspricht auch dem Konzept“, sagt Wurmer.

Manchmal sind der Bestatter und ein Kundenbetreuer alleine mit der naturverträglichen Holzurne vor Ort. „Hier hat’s quasi alles schon gegeben“, sagt Klotz. Auch Dinge, die sie bis heute traurig machen. Die Erinnerung an einen Witwer zum Beispiel, über 80 Jahr alt, der mit seinem Sohn kam, um eine Grabstelle für seine Frau auszusuchen. Drei Tage später rief der Sohn an, dass nun auch der Vater gestorben sei. Das Ehepaar ruht jetzt gemeinsam unter dem Baum. Auch Kinder mussten schon im Elmauer Tal zu Grabe getragen werden. Bei jenen unter drei Jahren, sogenannte Sternschnuppen oder Sternkinder, übernehmen die Staatsforsten die Grabnutzungsgebühren.

900 Bäume für die letzte Ruhestätte

Bei all der Natur, bei all den Geschichten, vergisst ein Besucher gerne mal, dass ein Friedhof auch eine gewisse Bürokratie mit sich bringt. Die Aufteilung der Parzellen und neuen Grabstätten passiert dabei digital. „Da hat eine Kollegin ein Grabnutzungsbuch entwickelt, das auch online als App zur Verfügung steht“, sagt Wurmer und deutet auf sein Handy. Jeden Baum, den er und seine Kollegin als würdig für eine Bestattung erachten, tragen sie via GPS dort ein. Um den Stamm zeigt die App ein Kuchendiagramm. Verschiedene Farben weisen die Mitarbeiter darauf hin, ob die Grabstelle belegt, reserviert oder frei ist. Mit dieser Technik lässt sich zudem filtern: Interessierte können sich Baumart und -alter aussuchen. Auch, ob sie alleine, mit dem Partner oder der Familie bestattet werden möchten. Die App spuckt dann aus aktuell über 900 potenziellen Grabbäumen die perfekte Ruhestätte aus.

Ein Mann schneidet Äste ab.
Gehölzpflege hoch in den Bäumen gehört auch dazu: Hier schneidet ein Mitarbeiter Äste ab. © privat

Gebucht werden kann diese für 25 oder 50 Jahre. Solange werden die Grabbäume sicher stehen, sagt Klotz. Die Auswahlkriterien sind streng. Der Stamm muss kerngesund sein. Auch kommen nur gewisse Pflanzenarten in Betracht. „Freilich kann man nie was machen gegen Witterungseinflüsse“, sagt Klotz. Der Wald bleibt schließlich bis auf den verkehrssicherungstechnischen Unterhalt und Gehölzpflege nach wie vor ein Wald. Doch selbst wenn es einen Stamm umwirft oder die Krone abbricht, gibt’s verschiedene Lösungen. Entweder pflanzen die Staatsforsten nach oder Mitarbeiter schneiden den Baum auf einer Höhe von etwa zwei bis drei Metern ab. „Dann wird er über Jahre und Jahrzehnte langsam zerfallen und Brutstätte für unzählige Tiere sein“, sagt Wurmer. Das habe fast schon was Philosophisches. Denn letztlich ist es ja auch im Leben der Menschen, die unter den Bäumen ruhen, darum gegangen, Neues zu bewirken und Leben zu schaffen.

Führungen

Wer sich für den Naturfriedhof Stiller Wald im Elmauer Tal interessiert, kann an öffentlichen Führungen teilnehmen. Die nächste findet am Dienstag, 30. April, statt. Treffpunkt ist um 17 Uhr am Parkplatz A (Naturfriedhof Stiller Wald) an der Mautstraße zum Schloss Elmau. Anmeldungen per E-Mail an mittenwald@stillewaelder.de oder unter Telefon 0 88 23/ 325 93 17.

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