Erst Pöcking, dann Sicherheitskonferenz: Ein Nato-General spricht Klartext

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Volles Haus im Beccult: 200 Interessierte wollten den Vortrag von Nato-General Christian Badia (3.v.l.) hören. Eingeladen hatte ihn die CSU um (v.l.) Bundestagsabgeordneten Michael Kießling, den Pöckinger Ortsvorsitzenden Wolfram Staufenberg und Fromuth Heene vom Arbeitskreis Sicherheitspolitik. © Dagmar Rutt

Er spielt Szenarien möglicher Kriege durch. Er ist der zweithöchste General bei der Nato, wenn es um die Zukunft geht. Und er wohnt der Münchner Sicherheitskonferenz bei. Christian Badia war zu Gast im Beccult und gab Einblicke in höchste Militärkreise.

Auf Einladung des Arbeitskreises Sicherheitspolitik (ASP) der Landkreis-CSU kam zuletzt der zweithöchste General des Nato-Planungsstabs an den Starnberger See. Christian Badia ist verantwortlich für das Vorausdenken von Konflikten in der Zukunft. Die unweit von Washington beheimatete Nato-Stelle für „Allied Command Transformation“ – etwa Herausforderungs-Anpassung – kürzt sich nicht umsonst im Englischen mit „ACT“ ab. Soll heißen: „Tu(t) was!“ Diese Aufforderung hätte auch als Überschrift für Badias Vortrag gepasst.

Das Interesse im Pöckinger Beccult war mit mehr als 200 Zuhörern – darunter zwei Brigadegeneräle, zwei Bürgermeister, zwei Angehörige des Hauses Wittelsbach, CSU-Bundestagsabgeordneter Michael Kießling sowie Altlandrat Karl Roth – ebenso hochkarätig wie breit gestreut. Der Referent selbst klang durch seine bairische Sprachfärbung ebenso zugänglich wie durch seine Lockerheit. Der 61-Jährige sprach frei und ungezwungen.

Zunächst umriss Badia das Aufgabenfeld seiner Einsatzstelle. Dort analysiere man die möglichen Szenarien künftiger Kriege. Auf dieser Basis entwickle man Handlungsempfehlungen in Richtung „Cash, Capabilities and Contributions“: Finanzierung, neue militärische Fähigkeiten, und welches Land welche Technik und welche Truppenteile beisteuern solle. Zu den traditionellen Dimensionen von Land, See und Luft komme der Cyber-Raum und der Weltraum hinzu, so der 4-Sterne-General. Digitale Angriffe, Störungen von Satelliten, Kappung von Datenleitungen und weiteres zeigten, dass der „hybride Krieg“ eigentlich schon eingeleitet sei. „Russland testet Europa und die Nato, wie weit es gehen kann.“

Russland testet Europa und die Nato, wie weit es gehen kann.

Die aktuelle Weltlage bewertete Badia in unterschiedlichen Dimensionen. Einerseits sei die Wahrscheinlichkeit eines „heißen“ militärischen Konflikts gestiegen. Im Gegensatz zum Kalten Krieg gebe es eine größere Zahl aggressiver Länder und somit eine größere Gefahr für Missverständnisse oder Kurzschlusshandlungen. „Es fehlt das rote Telefon.“ Andererseits sei die Nato nicht so schwach, wie manchmal angenommen. Trotz politischer Differenzen der Mitgliedsstaaten – welche eine Milliarde der Weltbevölkerung repräsentieren – gelinge im Nato-Rat eigentlich immer eine konstruktive Zusammenarbeit. Badia hält einen Austritt der USA nicht für plausibel, selbst wenn diese den Fokus „schon seit Obama“ verstärkt dem pazifischen Raum zuwende.

Folglich wachse die Wichtigkeit des europäischen Standbeins und vor allem des deutschen Beitrags. Deutschland dürfe ruhig etwas mehr Führung in Sicherheitsfragen zeigen, denn: „Egal welche Kriterien man zugrundelegt, Deutschland ist in jeder Hinsicht Nummer Zwei in der Nato.“ Jedoch habe man jahrelang zu wenig investiert und habe daher nun Aufholbedarf, um die erforderliche glaubhafte Abschreckung wieder herzustellen. Zum Aufholen des Rückstands müsste Deutschland eigentlich Militärausgaben von über drei Prozent des BIP anstreben.

Eine Armee kann zwar die Schlacht gewinnen, aber den Krieg gewinnt nur die Nation zusammen.

In Frage stellte Badia die Aussetzung des Wehrdienstes. Eine allgemeine Dienstpflicht für den Staat fände er sinnvoll, sagte er unter dem Beifall der Anwesenden. „Eine Armee kann zwar die Schlacht gewinnen, aber den Krieg gewinnt nur die Nation zusammen“, formulierte er auf Englisch.

In der konstruktiven Diskussion tauchte der mangelnde Rechtsrahmen zur Drohnenabwehr genauso auf wie die schwache Verankerung von Sicherheitsbewusstsein und Militär in der Gesellschaft. „Für eine fundierte Erklärung des Ukrainekrieges auf Deutsch muss man den österreichischen Oberst Reisner suchen“, deutsche Medien mit deutschen Militärs hingegen: Fehlanzeige, kritisierte Badia. Darauf reagierte im Publikum der Münchner Filmproduzent Francis Fulton-Smith und bot an, eine Reihe über die Bundeswehr zu konzipieren. Lebhafter Applaus.

Fromuth Heene vom ASP und der Pöckinger CSU-Ortsvorsitzende Wolfram Staufenberg dankten dem dynamisch-sympathischen General, der das Wochenende über der Münchner Sicherheitskonferenz beiwohnt.

Andreas Bretting

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