Provokation, harte Sprache, Wir-gegen-die-Prinzip - „Das kommt bei der Klientel an“: Was so viele Deutsche an Alice Weidel fasziniert

Im Herzchenpullover wendet sich AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel an Silvester an die Wähler. Der Inhalt ihres Videos: weniger herzlich. Weidel wettert gegen Parteien, „die Bürger gängeln und bevormunden und ihnen den Mund verbieten“, und kündigt an: „Es wird ein harter Wahlkampf sein und es wird auch hässlich werden.“

Während die übrigen Parteien weitgehend Fairness vereinbaren, macht Weidel Stimmung – gegen Politiker, gegen Geflüchtete. Bei vielen Wählern kommt das an. Mehr als 40.000 Herzchen kassiert die AfD-Chefin für dieses Video. Warum eigentlich?

„Als Anführerin bedient Weidel typische Stilmittel des Populismus, also Provokation, harte Sprache, das Wir-gegen-die-Prinzip. Das kommt bei der Klientel an“, sagt Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky.

„Nach außen wirkt sie stark. Sie hat es geschafft, sich als das Gesicht der Partei durchzusetzen.“ Sie sei eine sehr gute Rhetorikerin und strahle Rationalität und analytische Kühle aus. „Das kommt als Gegenentwurf zum groben Draufhauen gut an. Gleichzeitig geht sie, auch früher schon, immer auf Angriff. Das ist klassischer Populismus: Weidel und mit ihr die AfD stellen sich als Stimme einer vermeintlich unterdrückten Mehrheit dar und transportieren Aggressivität und Härte, eine widerständige Haltung.“

In einer INSA-Umfrage lag Weidel kürzlich sogar auf Platz eins bei der Frage, welchen Kandidaten die Befragten direkt zum Kanzler wählen würden. In der Sonntagsfrage liegt die AfD relativ stabil bei um die 19 Prozent, zuletzt in dieser Woche bei Forsa.

Als Anführerin bedient Weidel typische Stilmittel des Populismus, also Provokation, harte Sprache, das Wir-gegen-die-Prinzip. Das kommt bei der Klientel an.

Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler

Populismusforscher Lewandowsky warnt jedoch davor, die Zustimmung zu Weidel überzubewerten. „Die Beliebtheitswerte von Alice Weidel sind nicht unabhängig von Parteipräferenz zu sehen. Die Zustimmung vieler bezieht sich auch auf die Inhalte der AfD, nicht nur darauf, dass ausgerechnet Alice Weidel sie vertritt.“

Lewandowsky argumentiert: „Weidel hat sich in einer konfliktgebeutelten Partei und in internen Kämpfen – die ehrlicherweise heute nur noch zwischen Radikalen und Extremisten stattfinden – durchgesetzt.“

Einen Tag nach dem Video zum hässlichen Wahlkampf postet die Parteivorsitzende ein weiteres. Der Herzchenpullover ist Blazer und Perlenkette gewichen. An Neujahr kritisiert Weidel die „Abholzung ganzer Wälder für ineffiziente, hässliche Windräder“ und verspricht, Energie wieder bezahlbar zu machen.

Die deutschen Windräder wird die AfD-Kandidatin bei ihren Reisen durchs Land sehen. Mit ihrer Familie wohnt Weidel dagegen in der Schweiz, mit zwei Söhnen und ihrer Partnerin, die in Sri Lanka geboren ist. Elon Musk argumentierte in seinem Gastbeitrag für die „Welt“ kürzlich: „Die Darstellung der AfD als rechtsextrem ist eindeutig falsch, wenn man bedenkt, dass Alice Weidel, die Vorsitzende der Partei, eine gleichgeschlechtliche Partnerin aus Sri Lanka hat! Klingt das für Sie nach Hitler? Ich bitte Sie!“

Queer- und transfeindlich statt homophob

Doch so einfach ist es natürlich nicht: Politikwissenschaftler Lewandowsky erklärt: „Auch in rechten Kontexten spielt Anti-Homosexualität eine abnehmende Rolle. Da geht es mittlerweile eher gegen Queer- und Trans-Positionen.“ Der Populismusforscher fügt hinzu: „Weidel selbst nimmt ihre ungewöhnliche Lebenssituation ja sogar auf und argumentiert, sie sei lesbisch, aber nicht queer.“ Ansonsten würden Lebensumstände, die nicht ins Bild passten, ignoriert.

„Beim designierten US-Präsidenten Donald Trump ist das ähnlich: Den wählen Evangelikale, weil sie darauf hoffen, dass er sich für ihre Interessen einsetzt, nicht weil er einen vorbildlichen christlichen Lebensstil pflegt.“

Anfang Dezember hatte die AfD Weidel offiziell als ihre Kanzlerkandidatin vorgestellt. Die Kandidatin war bei einer Pressekonferenz eingestiegen mit den Worten: „Heute ist ein großer Tag für die Partei und ein großer Tag für Deutschland.“ In erster Linie war es ein großer Tag für Alice Weidel. Wie lange kann sie ihre Position halten in einer Partei, die für ihre Häutungen, Radikalisierungen und den Austausch ihrer Vorsitzenden bekannt ist?

Politikwissenschaftler Lewandowsky ist skeptisch: „Die AfD ist keine führungszentrierte Partei wie vergleichbare Parteien etwa in den Niederlanden oder Frankreich“, sagt der Forscher. „Selbst Führungsfiguren wie Björn Höcke sind mittlerweile in ihren eigenen Landesverbänden umstrittener als früher. Für Weidel wird entscheidend sein, wie die AfD bei der Bundestagswahl abschneidet.“

Von Stefanie Witte

Das Original zu diesem Beitrag "Gnadenlos gegen alle anderen: Was fasziniert so viele Deutsche an Alice Weidel?" stammt von Tagesspiegel.