Rubios Rede endet im Applaus – aber zwischen Trump und China steht Deutschland düpiert da

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Ein Mann aus Trumps Orbit bekommt in München Applaus. Aber gerade Deutschlands Problem ist groß, analysiert Experte Alexander Görlach.

Die Welt ordnet sich neu – nicht in einem großen Knall, sondern in höflichen Reden, diplomatischen Floskeln und stehenden Ovationen. In München, auf der Bühne der Munich Security Conference, wurde dieser Prozess greifbar. Dort entwarfen Amerikas Außenminister Marco Rubio und Chinas Chefdiplomat Wang Yi ihre konkurrierenden Entwürfe einer Welt.

Wang Yi und Marco Rubio (re.) haben am Samstag unbequeme Siko-Reden gehalten – jeweils auf ihre Weise. Große Aufgaben für Friedrich Merz, meint Experte Alexander Görlach. © Montage: Kay Nietfeld/Sven Hoppe/picture alliance/dpa/dpa-Pool/fn

Rubio sprach von der engen Verbindung zwischen Europa und den USA. Mehr als einmal nannte er die Europäer „Freunde“. Es war der Versuch, eine transatlantische Erzählung zu reparieren, die sein Parteifreund J.D. Vance ein Jahr zuvor beschädigt hatte. Damals hatte Vance Europa belehrt und beschimpft, ihm mangelnde Redefreiheit und zu geringe Unterstützung für rechtsradikale Parteien vorgeworfen. Kurz vor Beginn der diesjährigen Konferenz wurde er bei den Olympischen Winterspielen in Italien ausgebuht; seinen geplanten Auftritt in München sagte er nach diesem PR-Desaster kurzerhand ab.

Rubio in München: Professionell, diplomatisch, freundlich – doch der Dissens bleibt

Rubio wählte einen anderen Ton als Vance. Er beschwor die „westliche Zivilisation“, das Christentum, das aus Europa nach Amerika gewandert sei. Er sprach vom gemeinsamen Erbe – und ließ die dunklen Kapitel dieser Geschichte unerwähnt: Kolonialismus, Entrechtung der indigenen Völker, Sklaverei, Rassentrennung. Seine Rede war professionell, diplomatisch, freundlich – und sie endete im Applaus. Eine kurze standing ovation für einen Mann aus dem Orbit Donald Trumps. Doch hinter der Rhetorik blieb der Dissens bestehen. Denn Rubio fügte hinzu: Sollte Europa dem amerikanischen Kurs nicht folgen, werde Washington notfalls allein die „Rettung des Westens“ übernehmen.

Wenig später trat Ursula von der Leyen ans Pult. Ihre Trias lautete anders: Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit. Das ist die europäische Selbstvergewisserung in einer Zeit, in der Amerika sich durch extremen Nationalismus und der fatalen Überhöhung der „weißen Rasse” seiner selbst zu vergewissern sucht. Europäische Vertreter betonten, man müsse – ungeachtet aller Freundschaftsbekundungen – unabhängiger von den USA werden. Donald Trumps erratische Handelspolitik und seine „Un-Politik“ insgesamt haben einen Prozess beschleunigt, der langfristig nicht nur Europa emanzipieren, sondern die Vereinigten Staaten schwächen dürfte.

In diese Lücke stößt China. Wang Yi verstand es, den transatlantischen Riss als Einladung an die Volksrepublik zu formulieren, ihren Einfluss in der freien Welt auszubauen. So pries Wang Yi die Vereinten Nationen – eine Organisation, die Washington durch ausbleibende Beitragszahlungen an den Rand der Handlungsunfähigkeit bringt. Sollten die Gelder weiter ausbleiben, könnten die UN im Sommer gezwungen sein, ihre Arbeit in New York einzustellen. Ohne die USA ist China größter Beitragszahler. Multilateralismus als strategisches Instrument.

Während Washington rund hundert Botschafterposten unbesetzt lässt – auch in Schlüsselstädten wie Brüssel oder Berlin –, verfügt Peking über 274 diplomatische Vertretungen weltweit. Diplomatie ist für China kein Beiwerk, sondern Infrastruktur der Macht. Und doch zeigte auch Wang Yi die Grenzen seiner Charmeoffensive: Kaum war das Lob der UN verklungen, warf er Japan „neo-koloniales“ Verhalten vor – eine Anspielung auf Tokios Bereitschaft, Taiwan gegen eine Invasion aus Peking zu verteidigen. Auch viele Europäer betrachten Taiwan als Partner und, wenn überhaupt, dann China selbst als neo-imperiale Kraft in Asien.

Zwischen Trump und China: Deutschland steht düpiert da

Peking weiß: Der geopolitische Schwächemoment des Westens ist eine historische Gelegenheit. Europäische Regierungschefs – darunter der britische Premier Keir Starmer, Friedrich Merz wird im Februar folgen – reisten in diesem Jahr bereits nach Peking. Die Europäer suchen Absatzmärkte, Stabilität, Verlässlichkeit angesichts eines amerikanischen Präsidenten, der Strafzölle als politisches Druckmittel gegen Freunde und Alliierte einsetzt. Doch China will Handel ohne Werte. Die Zeiten, in denen westliche Politiker in Peking Menschenrechte einfordern konnten, sind vorbei.

Vielleicht kam die klarste Analyse von Alexander Stubb, dem finnischen Ministerpräsidenten. Er prognostizierte, die neue Weltordnung werde vom globalen Süden getragen. Staaten wie Nigeria oder Indonesien würden dann neben Brasilien und Indien den Lauf der Dinge bestimmen, besonders dann, wenn sie lernen, gemeinsam zu agieren. Peking hat deshalb in die BRICS investiert und die Shanghai Cooperation Organisation. Dort umwirbt die Kommunistische Partei Chinas diese Länder systematisch, verknüpft sie wirtschaftlich und politisch mit sich auf das Engste. Donald Trump hingegen will ein Amerika, das sich, isoliert, selbst genügt. 

Deutschland schließlich steht angesichts dieser Entwicklungen düpiert da. Achtzig Jahre lang war es bequem, im Windschatten Washingtons zu segeln. Nun fehlt die strategische Debatte: über die Bedeutung des globalen Südens, über die Aufarbeitung von vier Jahrhunderten europäischer Ausbeutung und Gewalt, bis hin zu Deutschlands beziehungsweise Europas Rolle in einer multipolaren Welt.

China kann die USA nicht einfach ersetzen. Eine Supermacht, die ihren Bürgern Freiheit und Selbstbestimmung verweigert und ihre Nachbarn mit Drohungen überzieht, taugt nicht als ordnende Kraft. Doch ebenso wenig kann ein Amerika führen, das an sich selbst zweifelt. Die Welt ordnet sich neu. Die Frage ist nicht, wer sie anführt. Sondern wer lernt, in ihr zu bestehen. (Dr. Alexander Görlach unterrichtet Demokratie-Theorie an der New York University)