Für Pistorius‘ Kriegstüchtigkeit investiert Deutschland massiv in die Bundeswehr. Doch Ökonomen schlagen wegen teurer Beschaffung Alarm.
Kiel – Für die von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) angestrebte Kriegstüchtigkeit erhöht Deutschland seine Verteidigungsausgaben massiv. Doch Experten warnen vor ineffizienten Investitionen und veralteten Beschaffungsstrategien. Kritiker fordern eine stärkere Orientierung auf moderne Technologie und autonome Systeme, statt teure Altsysteme nachzukaufen.
Der Kieler Ökonom Moritz Schularick vom Kiel Institut für Weltwirtschaft betonte im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa), dass Deutschland aktuell rund 500 Milliarden Euro bis Ende des Jahrzehnts für Verteidigung ausgeben wolle, ohne die Abhängigkeit von den USA wesentlich zu reduzieren. Schularick schlägt einen Strategiewechsel vor: Statt Panzer aus den 1990er-Jahren zu kaufen, sollte Deutschland in die nächste Generation von Militärtechnik investieren. So ließen sich sowohl wirtschaftliche als auch technologische Chancen nutzen.
Hohe Rüstungsausgaben für teure Produkte: Bundeswehr investiert Milliarden in Ausrüstung
Die Bundesregierung plant, die Bundeswehr schnell wehrfähig zu machen, und genehmigte laut Spiegel allein im vergangenen Dezember Großprojekte im Umfang von knapp 50 Milliarden Euro. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius setzt dabei auch auf große Mengen an Ausrüstung und Bekleidung, darunter Schutzwesten, Helme und Badepantinen – ohne eine Neuausschreibung, sondern mittels Direktauftrag an die bisherigen Auftragnehmer. Ein komplettes Soldaten-Set kann bis zu 32.000 Euro kosten.
Bei dem Bundesrechnungshof sorgte die Entscheidung für Kritik. Ohne Wettbewerb bestehe die Gefahr, dass Beschaffungen überteuert und qualitativ minderwertig ausfallen könnten. Auch wenn es nachvollziehbar sei, dass das Ministerium angesichts des angestrebten Wachstums auf rund 460.000 Soldaten Engpässe vermeiden wolle, begünstige das Vorgehen „die Rüstungsinflation“. Gemeint ist damit ein Preisanstieg bei militärischen Gütern.
Ökonom Guntram Wolff vom Think Tank Bruegel wies laut Spiegel darauf hin, dass der Druck, das Verteidigungsbudget auszugeben, groß sei. Aber: „Wenn man auf die Preise sieht, die dabei bezahlt werden, muss man sich fragen, ob die Beschaffer von allen guten Geistern verlassen sind.“
Beschaffung für die Bundeswehr: Wettbewerb entscheidend für Preise – Nicht-deutsche Anbieter im Blick haben?
Im Auftrag des Spiegel hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft die Entwicklung ausgewählter Produkte aus der Waffenbranche untersucht. Bei den Geländefahrzeugen des Typs BvS10 ließ sich ein deutlicher Preisanstieg feststellen, von 2,9 Millionen Euro pro Stück Ende 2022 auf je etwa vier Millionen nur wenige Monate später – trotz höherer Stückzahl. Bei den Kampfpanzern des Typs Leopard 2 A8 funktionierte der Mengenrabatt: Im Mai 2023 lag der Preis bei 28,2 Millionen pro Stück für 18 Panzer. Im Juli 2024 wurden 105 Panzer bestellt, der Stückpreis: 27,6 Millionen Euro.
Die Ergebnisse legen nahe, wie wichtig Wettbewerb ist. Gesetze zur beschleunigten Beschaffung für die Bundeswehr könnten diese Problematik verschärfen. Oft wird auf etablierte, deutsche Unternehmen zurückgegriffen, wobei Start-ups und europäische Wettbewerber ausgeschlossen bleiben. Der Leopard-Panzer des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS könnte beispielsweise mit der französischen Alternative Leclerc oder dem italienischen Kampfpanzer Ariete konkurrieren, so heißt es im Spiegel.
Ökonom empfiehlt Beschaffungsstrategie für Bundeswehr: Drohnen, KI und einfachere Systeme
Auch durch die Stückzahlen könnte am Preis gedreht werden, zum Beispiel durch größere Mengen weniger komplexer Systeme. Unter anderem der Ukraine-Krieg zeigt, wie Drohnentechnologie an Bedeutung gewinnt. „25 Millionen Euro teure Panzer können von Drohnen kampfunfähig gemacht werden, die vielleicht 50.000 Euro kosten“, sagte Schularick. Der Ökonom plädiert deshalb für Investitionen in unbemannte Systeme, KI-gesteuerte Fahrzeuge und Drohnentechnologie, um Sicherheit und wirtschaftliche Chancen zu verbinden. So habe man die Chance, „eine ganze Generation von Technologie zu überspringen“, so wie China bei den Elektroautos.
„Der Ausbau der Verteidigungsfähigkeiten in Europa ist historisch – doch mehr Geld allein schafft noch keine größere Schlagkraft“, erklärte der Ökonom Rodrigo Carril beim Kiel Institut für Weltwirtschaft, in einer Pressemitteilung. Er stellte einen entsprechenden Report des Instituts gemeinsam mit Schularick bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor. (Quellen: dpa, Spiegel, eigene Recherche) (lismah)