Hersteller konventioneller Waffen steht gegen ein futuristisches Unternehmen im Wettbewerb um Fördermittel – doch Berlin muss schnell aufrüsten.
Ein Schlagabtausch zwischen deutschen Rüstungsgiganten könnte die Zukunft der europäischen Kriegsführung maßgeblich prägen. In der roten Ecke steht Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender des Panzer- und Artillerieherstellers Rheinmetall, einem Nachfahren eines bereits 1889 gegründeten Waffenproduzenten. Papperger gilt als so wichtig für die Nato-Kriegsplanung, dass Russland versucht hat, ihn zu töten.
In der blauen Ecke steht Gundbert Scherf, Mitgründer des futuristischen Rüstungsunternehmens Helsing, das KI-gesteuerte Waffen und Drohnen entwickelt. 2021 von Scherf, Niklas Köhler und Torsten Reil, einem ehemaligen Videospielentwickler, gegründet, ist Helsing der Newcomer der rasant wachsenden deutschen Rüstungsindustrie.
Während die Bundesregierung einen Aufrüstungsplan mit einem Finanzpaket von 377 Mrd. € ausarbeitet, gerieten die beiden Unternehmen in dieser Woche öffentlich aneinander – es geht darum, wie das Geld in ihrer Branche investiert werden soll.
Wettstreit um Milliarden und strategische Ausrichtung
Das gewaltige Finanzpaket wurde durch Friedrich Merz ermöglicht. Er hob in diesem Jahr die Schuldenbremse für Rüstungsprojekte auf, um sein Ziel zu verfolgen, die „stärkste konventionelle Armee Europas“ aufzubauen.
Für Scherf ist es jedoch ein schwerer Fehler, dass Deutschland den Großteil der Mittel für klassische Waffensysteme wie Panzer, etwa mit Rheinmetall, reserviert. „Wir müssen hinterfragen, ob wir die richtigen Prioritäten gesetzt haben“, sagte Scherf diese Woche und kritisierte ein Verhältnis von „99 zu eins“ zugunsten der Panzer in der Strategie zur Wiederaufrüstung.
Er argumentiert, Merz Entscheidung spiegle nicht die Realität zukünftiger Kriege wider. In der Ukraine werden die heftigsten Kämpfe mit Drohnen in der Luft geführt, nicht mit Panzern am Boden, und bereits in der Frühphase des fast vierjährigen Krieges wurden Hunderte, wenn nicht Tausende, russischer Panzer zerstört.
Drohnen gegen traditionelles Militärgerät
Scherfs Einlassung ist ein wichtiger öffentlicher Vorstoß des Chefs einer neuen, angriffslustigen Generation in der deutschen Rüstungsindustrie, die sich zunehmend mit den traditionellen Unternehmen um lukrative Aufträge misst.
Doch für Papperger von Rheinmetall sind solche Behauptungen „Unsinn“. Wie The Telegraph kürzlich recherchierte, wird Papperger in Verteidigerkreisen aufgrund seiner Neigung, sich die besten deutschen Rüstungsaufträge zu sichern, als „der Krake“ bezeichnet.
In einem Interview mit der deutschen Zeitung Handelsblatt sagte er: „Es ist Fakt, dass die Kriege der Gegenwart mit Panzern und Raketen ausgetragen werden.“ Im Hinblick auf Forderungen der Drohnenhersteller nach mehr Mitteln meinte er weiter: „Derzeit gibt es allerhand Narrative, wonach die Kriege der Zukunft nur noch mit Drohnen geführt werden. Das ist Unsinn.“
Fokus auf traditionelle Rüstung statt Innovation
Eine Analyse veröffentlichter Zahlen zum deutschen Wiederaufrüstungsplan deutet darauf hin, dass Unternehmenschefs wie Scherf sich durchaus ausgegrenzt fühlen können. Ein dem US-Nachrichtenportal Politico zugespielter Entwurf des Ausgabenplans zeigt, dass der Großteil der Gelder in klassische Systeme wie Panzer und Schützenpanzer fließen dürfte.
Dazu zählen 687 Bestellungen von Rheinmetalls Puma-Schützenpanzern und 561 Einheiten des Flugabwehrsystems Skyranger 30 für insgesamt rund 88 Mrd. € – der Löwenanteil von Merz’ Rüstungstopf.
Ein weiteres großes Schwergewicht, Diehl Defence, erhält 17,3 Mrd. € für die Beschaffung von hunderten Iris-T-Flugabwehr- und Raketensystemen. Laut dem durchgesickerten Papier wird Helsing von der Regierung übergangen; stattdessen setzt Berlin auf Israel Aerospace Industries, die einen wohldotierten Munitionsauftrag für ihre Heron-Drohnen erhielt.
Sicherheitslage in Europa und die Rolle von Drohnen
Allerdings hat die Bundesregierung inzwischen eine schnelle Eingreiftruppe gegen Drohnen eingerichtet, um russischen Drohnenflügen über europäischen Flughäfen, wie jüngst in Dänemark und Norwegen, zu begegnen. Diese Einheit wurde zuletzt zur Unterstützung von Truppen in Belgien entsandt, was darauf hindeutet, dass in Berlin durchaus ein wachsendes Interesse an solchen Projekten besteht.
Anblick und Geräusch von Drohnen, ob über ukrainischen Städten schwebend oder auf russische Soldaten in den Schützengräben herabstürzend, prägen Putins Krieg maßgeblich. Nahezu alle Nato-Bündnispartner, auch Großbritannien, beobachten den Aufstieg der Drohne im Krieg genau und überlegen, ihre eigenen Flotten massiv zu vergrößern.
Al Carns, britischer Verteidigungsminister, sagte diese Woche, Britannien habe aus dem Ukrainekrieg nicht ausreichend „Lektionen“ gezogen und dass ein neues Finanzpaket von 4 Mrd. £ – also 4,73 Mrd. € – speziell für Drohnenanschaffungen dies nun ändern solle.
Bewertung der Drohnen im Vergleich zu konventionellen Waffen
Hochrangige Sicherheitskreise in Deutschland betonen jedoch, dass trotz der unbestreitbaren Rolle von Drohnen deren Bedeutung teilweise überschätzt werde. Vergleiche man die Fähigkeiten der Nato mit denen der Ukraine zu Beginn von Russlands Invasion 2022, zeige sich: „Wir erwarten einen ganz anderen Krieg, als wir ihn in der Ukraine sehen ... und er würde ganz anders geführt, weil wir viel besser in der Lage sind, die Aggression zu absorbieren.“
Deutschland verfüge über äußerst leistungsfähige Kampfjets und Kriegsschiffe sowie hervorragend ausgebildete Piloten – mit Kiews Ausgangslage zu Kriegsbeginn sei das nicht zu vergleichen. Man habe zudem „von unseren ukrainischen Freunden viel darüber gelernt“, wie man mit Drohnenangriffen umgeht, einer bevorzugten Taktik Russlands und seines wichtigsten Verbündeten Iran – was wiederum die Tür für künftig mehr deutsche Investitionen in Drohnentechnologie öffnet.
Stark unterausgestattet und Nachholbedarf bei Innovationen
Ein deutscher Industrievertreter meint jedoch, Deutschland bewege sich insgesamt zu langsam und halte zu sehr an überholten Vorstellungen der Rüstungsbeschaffung fest. „Drei Dinge sind für unsere Verteidigung entscheidend: Tempo, Kostenbewusstsein und Masse“, sagt er. „Die Debatte um entweder Drohnen oder Panzer greift zu kurz. Bestehende Flotten müssen modernisiert und in allen Bereichen durch unbemannte, autonome und KI-fähige Systeme ergänzt werden.“
Ulrike Franke, Sicherheitsexpertin beim European Council on Foreign Relations, bemerkt, die Bundeswehr sei jahrzehntelang schwer unterausgerüstet gewesen und fange jetzt erst an, umzusteuern. „Sogar die Vorstellung, militärische Mittel zu haben oder am Tisch zu sitzen, war vor der Zeitenwende eigentlich gar nicht Teil des deutschen Selbstverständnisses ...“, sagte sie im The Telegraph-Podcast Battle Lines diese Woche.
Sie bezog sich auf die „Zeitenwende“, eine Rede des einstigen Kanzlers Olaf Scholz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, in der er verkündete, dass Deutschland Moskau endlich als entscheidende Bedrohung anerkenne. Mit dieser Rede wollte Scholz jahrzehntelange Unterfinanzierung der Bundeswehr sowie das sicherheitspolitische Desinteresse beenden. Nun trägt Merz die Fackel weiter, nachdem er im Februar die Bundestagswahl gewonnen hatte.
Grundlagen statt High-Tech: Deutschlands Verteidigungsfähigkeiten
Franke erklärt: „Wir sind gerade in einer Nachrüstungsphase, in der wir lediglich das beschaffen, was ohnehin Standard sein sollte – wie Olaf Scholz sagte, ‚Flugzeuge, die fliegen, U-Boote, die tauchen‘ – also die Grundausstattung einer einsatzfähigen Armee.“ Und wenn Europa sich schützen wolle, so Franke, „braucht es Deutschland“.
Mit anderen Worten: Der Bundeswehr fehlt es an elementarer Ausrüstung; hochmoderne Drohnenbestellungen könnten für ein Land, das bei einer Nato-Übung einst statt Maschinengewehren mit Besen kämpfte, schlicht zu früh sein.
Im Gegensatz dazu verkündeten die USA am Freitag, man wolle in den nächsten zwei bis drei Jahren mindestens eine Million Drohnen beschaffen und könnte danach zwischen einer halben Million und mehreren Millionen pro Jahr ordern. Für Helsing und Scherf verheißt das wenig Gutes. Doch da Drohnen auf dem ukrainischen Schlachtfeld nach wie vor eine Schlüsselrolle spielen, könnte es sein, dass Scherf eines Tages noch einen Knockout-Sieg gegen seine tonnenschweren Rivalen landet. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk)