Sie ist rund 460 Kilometer lang, mittlerweile 75 Jahre alt und sollte nach dem zweiten Weltkrieg helfen, Deutschland für Urlauber attraktiver zu machen: Mittlerweile hat sich die Romantische Straße, an der auch sechs Landkreisgemeinden liegen, zu einem bedeutenden Tourismusfaktor im Pfaffenwinkel entwickelt.
Von den Weinbergen Würzburgs bis zur Alpenlandschaft hinter Füssen: Die Romantische Straße führt auf rund 460 Kilometern an besonders schöne Flecken in Süddeutschland. Für die 29 anliegenden Orte in Bayern und Baden-Württemberg ist die Ferienstraße, die sich per Auto, Rad oder zu Fuß erkunden lässt, seit Jahrzehnten ein bedeutender Tourismusfaktor – auch im Pfaffenwinkel. Heuer feiert die Romantische Straße ihr 75-jährigen Bestehen: Ein guter Anlass, um einen Blick auf das Erfolgsmodell aus der Nachkriegszeit zu werfen, das man bis nach Asien und Südamerika kopiert hat.
Eine, die die Romantische Straße aus Sicht einer Touristikerin kennt, ist Susanne Lengger. Die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Pfaffenwinkel hat beruflich seit rund 30 Jahren mit der Ferienstraße zu tun. Wie sie sagt, sei die Romantische Straße „etwas ganz Besonderes“ – und wesentlich dafür verantwortlich, dass der Pfaffenwinkel mit seiner schönen Gegend über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. „Die Romantische Straße war für uns schon immer ein Aushängeschild im Ausland“, erklärt Lengger mit Blick auf die sechs Anrainergemeinden Hohenfurch, Schongau, Peiting, Rottenbuch, Wildsteig und Steingaden. Und genau das internationale Interesse sei das Ziel gewesen, das man mit dem Etablieren der „Qualitäts-Ferienstraße“ vor 75 Jahren erreichen wollte.
Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte man im Ausland kein gutes – oder gar touristisches – Bild von Deutschland. „Das wollte man ändern“, erklärt Lengger. Deutschland sollte als Urlaubsland attraktiv werden; der Tourismus als Wirtschaftszweig wachsen. Der naheliegende Gedanke der Verantwortlichen war, die mittelalterlichen Städte, Sehenswürdigkeiten und reizvollen Landschaften herauszustellen, die Süddeutschland zu bieten hat – und alles durch eine lange Route miteinander zu verbinden.
So etwas wie eine „Aneinanderreihung von Perlen vom Main bis an die Alpen“ sei daraus entstanden, sagt Andreas Schmid und lächelt. Schmid, der ebenfalls beim Tourismusverband Pfaffenwinkel arbeitet, hat noch länger mit der berühmten Ferienstraße zu tun als seine Kollegin Susanne Lengger: 35 Jahre lang war der Peitinger beim Tourismusverband für die Romantische Straße zuständig.
Für ihn ist klar: „Ohne der Romantischen Straße würde im Ausland niemand den Pfaffenwinkel kennen.“ Man habe es der Ferienstraße, die sich als Arbeitsgemeinschaft international gut vermarkte und beispielsweise auf großen Messen vertreten ist, zu verdanken, dass seit Jahrzehnten Touristen aus aller Welt in die Region kommen. Ende des letzten Jahrhunderts waren das vor allem Gäste aus Japan. „In den 1990er-Jahren waren hunderte japanische Reisegruppen in Peiting“, erinnert sich Schmid.
Internationale Freundschaften
Die internationalen Kontakte, die durch die Romantische Straße geknüpft wurden, pflegt man bis heute. So gibt es immer wieder gegenseitige Besuche zwischen dem Pfaffenwinkel und Brasilien oder Japan. Rottenbuchs Altbürgermeister Andreas Keller flog 2009 mit einer Delegation aus Deutschland nach Brasilien, um dort die Rota Romântica zu bereisen. Die Erlebnisse sind ihm noch sehr präsent, wobei ihn überraschenderweise vieles an seine Heimat erinnert habe, wie er erzählt. „Dort leben viele mit deutschen Wurzeln, die an der deutschen Kultur festhalten.“ Auch zwischen Peiting und Japan hält die Freundschaft: Wie Andreas Schmid erzählt, hat sich im Rahmen des Jubiläums der Präsident der Romantischen Straße in Japan für einen Besuch angekündigt.
Wie Lengger ergänzt, hätten sich die Hotels im Pfaffenwinkel schon speziell auf die Bedürfnisse der Asiaten eingestellt, da diese einen so bedeutenden Teil der Touristen ausmachten. „Kultursensibilität war damals ein großes Thema.“ Auch heute noch bereisen gerne asiatische Gäste die Romantische Straße, wenn auch individualisierter als vor 30 Jahren. Der Name „Romantische Straße“ steht auf vielen Straßenschildern auch auf Japanisch geschrieben.
Tatsächlich führte die Begeisterung der Japaner für die Ferienstraße sogar dazu, dass sie eine Nachahmung davon in ihrer Heimat etablierten: In Japan existiert seit 1982 eine Romantische Straße nach deutschem Vorbild. Seit 1998 gibt es mit der Rota Romântica außerdem eine brasilianische Variante, die deutsche Auswanderer dort errichtet haben. Der südkoreanische Ableger wurde 2009 eröffnet, und auch in Taiwan gibt es eine Romantische Straße.
Dass eine Ferienstraße selbst internationale Freundschaften knüpfen kann, beweisen die Partnerschaften im Pfaffenwinkel mit Orten, die die Romantische Straße adaptiert haben. So besteht seit vielen Jahren etwa eine Partnerschaft zwischen Rottenbuch und Ivoti in Brasilien, die Gemeinden Peiting und Tsumagoi in Japan sind ebenfalls freundschaftlich verbunden (siehe Kasten).
Bis vor rund zehn Jahren konnten Gäste auch mit dem extra eingesetzten Fernbus in den Pfaffenwinkel anreisen, dem „Romantic Road Coach“, der regelmäßig von Frankfurt am Main bis nach Füssen fuhr. Weil die Auslastung abgenommen habe, sei die Busroute im südlichen Teil der Romantischen Straße inzwischen aber eingestellt worden, erklärt Schmid. Er weiß, dass auch Einheimische den Bus immer wieder gerne nutzten.
Generell hat sich die Romantische Straße über die vergangenen 75 Jahre immer wieder verändert. Nicht nur die Straße als solche, „die teils dreispurig ausgebaut wurde und dort alles andere als romantisch ist“, wie Lengger schmunzelnd anmerkt, – auch das Reiseverhalten der Touristen ist heute anders als Ende des vergangenen Jahrhunderts. Beispielsweise habe man darauf reagieren müssen, dass die Menschen im Urlaub wieder mehr wandern und Rad fahren wollen, erklärt Lengger. Verschärft wurde dieser Trend nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie.
Blick auf Radler und Wanderer
Entlang des Routenverlaufs sind also immer mehr Rad- und Wanderwege ausgeschildert worden, auf denen sich die Romantische Straße ebenso gut erkunden lassen soll wie mit dem Auto oder Wohnmobil. Zu diesen Routen gehört auch die „Romantische Tour“: Ein Fernradweg, der Bestandteil des Bayernnetzes für Radler und des Radnetzes Deutschland (D9) ist und sich über insgesamt 424 Kilometer erstreckt.
Auch für die Jubiläumsfeierlichkeiten, die die Mitgliedsgemeinden der „Romantischen Straße“ diesen Sommer über dezentral ausrichten, hat man sich im Pfaffenwinkel fürs Radeln entschieden: Gemeinsam fährt man ein Stück der „Romantischen Tour“ (siehe Text unten).