Perfekt für Deutschland: So profitieren Sie vom Mercosur-Abkommen

Die größte Freihandelszone der Welt wird endlich Wirklichkeit. Nach jahrzehntelangen Verhandlungen haben die EU-Staaten mit Mehrheit das Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten gebilligt. Zusammen leben nun mehr als 800 Millionen Menschen im neu geschaffenen Binnenmarkt – einen so großen gibt es nirgendwo anders auf der Welt. Doch was bedeutet das eigentlich für Deutschland und für Ihr tägliches Leben? Wir erklären die wichtigsten Punkte.

Was ist überhaupt Mercosur?

Mercosur ist ein Kofferwort aus „Mercado comun del sur“, spanisch für „Gemeinsamer Markt des Südens“. Es bezeichnet eine Freihandelszone, die vier südamerikanische Staaten bereits 1991 einrichteten. Vereinfacht gesagt können Sie sich das wie die Freihandelszone innerhalb der EU vorstellen. 

Ursprünglich gehörten dem Mercosur Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay an. Bolivien wurde 2023 neu aufgenommen. Daneben gibt es eine Reihe von assoziierten Staaten wie Chile, Peru, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Suriname und Panama. Sie nehmen an der Freihandelszone teil, sind aber nicht stimmberechtigt, wenn es um Änderungen geht. Mexiko und Neuseeland gehören als Beobachterstaaten dazu. Das bedeutet, dass sie an Treffen teilnehmen dürfen. Sie genießen aber keine der Handelsprivilegien oder Stimmrechte. Venezuela war von 2012 bis 2016 Vollmitglied, wurde dann aber dauerhaft suspendiert.

400 Millionen Menschen leben in den Mercosur-Staaten

Ähnlich wie die EU-Staaten haben auch die Mercosur-Staaten alle Zölle untereinander abgebaut und verhandeln Zölle mit anderen Staaten der Erde gemeinsam – wie eben im Fall der EU. Zudem haben sie ihre Gesetze in Gebieten wie Agrarpolitik, Industriepolitik, Geldpolitik, Verkehr und Kommunikation vereinheitlicht. Auch das kennen Sie aus der EU. Es gibt sogar ähnlich aussehende blaue Reisepässe, die den Schriftzug des Staatenbundes tragen.

In den Mercosur-Staaten leben – inklusive der assoziierten Staaten – rund 400 Millionen Menschen auf fast 17 Millionen Quadratkilometern. Zusammen erreichen sie ein Bruttoinlandprodukt (BIP) von rund 4,3 Billionen Dollar. Brasilien macht in allen drei Statistiken rund die Hälfte des Wertes aus und überragt so die anderen Länder deutlich. Um das für Sie einzuordnen: Die Mercosur-Staaten erreichen in etwa das BIP Deutschlands mit fünfmal so vielen Einwohnern auf einer Fläche, die 47-mal so groß ist wie unser Land.

Was handeln wir mit den Mercosur-Staaten?

In der Rangliste der deutschen Handelspartner landen wir südamerikanischen Länder bisher nicht weit vorne. Brasilien steht auf Platz 23 unserer Exportliste mit einem Exportvolumen von 13,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig importieren wir von dort Waren im Wert von 9 Milliarden Euro. Die Zahlen gelten noch für 2024. Alle Mercosur-Staaten zusammengenommen hatten in dem Jahr ein Handelsvolumen von 41,7 Milliarden Euro mit Deutschland. Dabei haben wir einen Überschuss von 4,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Auf der Liste der wichtigsten Handelspartner landet Mercosur damit etwa auf einem Level mit Dänemark, Schweden und Rumänien.

Wichtiger ist nicht, wie viel, sondern welche Güter wir mit Südamerika handeln. Tatsächlich sind es die wichtigsten deutschen Exportbranchen, die am meisten von dem Abkommen profitieren. So sieht der Vertrag vor, dass die Mercosur-Staaten ihre Zölle auf 90 Prozent aller industriellen Waren aus der EU abschaffen.

Europäische Autobauer freuen sich

Am meisten freut das die Autoindustrie. Ihre Produkte – Autos wie Bauteile – werden derzeit mit 35 Prozent Zoll belegt. Nicht umsonst machte der europäische Autobauer-Verband ACEA schon vergangenes Jahr Druck, dass die EU das Abkommen möglichst schnell abschließen solle. Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) betonte in Presse-Statements die großen Chancen, die er für die deutschen Auto-Konzerne in den Abkommen sieht.

Ähnlich positiv sind der Maschinenbau und die Chemie-Branche gestimmt, insbesondere die Pharma-Industrie. Für sie galten bisher Zölle von 14 bis 20 Prozent je nach Produkt. Zudem werden für sie in Südamerika Zulassungsverfahren vereinfacht oder europäischen Standard angeglichen, so dass weniger Bürokratie-Aufwand beim Export anfällt. In der Pharma-Branche verbessern die Mercosur-Staaten zudem ihre Gesetzgebung zum Patentschutz und dem Schutz klinischer Daten. Das reduziert das Risiko für deutsche Unternehmen dort.

Die EU geht davon aus, dass das Abkommen innerhalb der Union 440.000 Arbeitsplätze sichert oder schafft. Heruntergerechnet auf Deutschland wären das immerhin rund 110.000 Stellen.

Für Deutschland gibt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) an, dass rund 12.500 Unternehmen Waren in die Länder des Mercosur exportieren. Davon sind der überwiegende Teil kleine und mittlere Betriebe. 

Wie werden Sie das Abkommen merken?

Wenn Sie nicht gerade in einer der genannten Branchen leben, wird das Mercosur-Abkommen für Ihren Alltag nur eine geringe Rolle spielen. Emotional diskutiert wurden medial vor allem die Bedingungen für die Landwirtschaft. Schließlich ist Südamerika ein wichtiger Produzent günstigen Rindfleischs, aber auch von Zucker, Geflügel, Käse und anderen Agrarprodukten. 

Gerade Landwirtschaftsverbände schürten deswegen die Angst, dass mit dem Mercosur-Abkommen der deutsche Markt mit Billigfleisch aus Südamerika geflutet werden könnte, welches auch noch geringeren Umweltschutz- und Tierschutzstandards genügt.

Für landwirtschaftliche Produkte gibt es keinen komplett freien Handel

Tatsächlich ist diese Angst aber unbegründet. Für landwirtschaftliche Produkte gibt es keinen komplett freien Handel. Zollfrei sind hier nur bestimmte Mengen. Für Rindfleisch liegen diese etwa 99.000 Tonnen höher als bisher. Das macht nur rund 1,6 Prozent des Rindfleischkonsums in der EU aus. An Käse dürfen 30.000 Tonnen zusätzlich zollfrei in die EU geliefert werden, für Geflügel, Schweinefleisch, Zucker und Ethanol gibt es ebenfalls Quoten. Regionale Spezialitäten wie Parmesan oder Feta bleiben rechtlich geschützt und werden weiterhin nur aus Italien und Griechenland stammen.

Im Supermarkt werden Sie deswegen nicht plötzlich eine Flut von argentinischem Rindfleisch oder brasilianischem Käse bemerken. Allerdings könnten die Ketten ihr Angebot in diesen Kategorien um eben diese Produkte ergänzen. Dass diese deutsche oder europäische Konkurrenzprodukte verdrängen, ist aber unwahrscheinlich, weil auf südamerikanische Agrarprodukte eben wieder hohe Zollsätze angewandt werden, sobald die zollfreien Quoten überschritten werden.

Wozu brauchen wir das Abkommen?

Die positiven Effekte des Abkommens auf Ihr Alltagsleben dürften zu vernachlässigen sein. Auch die Wirtschaft wird nur minimal davon profitieren. Studien aus den Niederlanden und Österreich gehen von einem zusätzlichen BIP-Wachstum von 0,02 bis 0,06 Prozent pro Jahr aus. Das wären für Deutschland rund zwischen 0,9 und 2,6 Milliarden Euro.

Stattdessen ist das Mercosur-Abkommen mehr eine Form von Schadensbegrenzung. In Zeiten, in denen sich etwa die USA mit hohen Zöllen abschotten, Russland durch die EU-Sanktionen als Absatzmarkt weitgehend wegfällt und auch der Wettbewerb mit China immer härter wird, eröffnet es deutschen Unternehmen einen neuen Absatzmarkt. Während das also vielleicht nicht zu großartigen Sprüngen bei unserem Wirtschaftswachstum führt, schützt es umgekehrt aber davor, dass dieses weiter absinkt. „Angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ist die deutsche Wirtschaft darauf angewiesen, neue Märkte zu erschließen“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier in einem Statement.

Endgültig in Kraft ist das Abkommen übrigens immer noch nicht. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa werden demnächst nach Paraguay reisen, wo die Verträge dann offiziell unterzeichnet werden.