Der Vorschlag von Markus Söder, die Wochenarbeitszeit pauschal um eine Stunde zu erhöhen, hat zuletzt die wirtschaftspolitische Wachstumsdebatte neu befeuert. Länger arbeiten, um Wachstum zu erzeugen, die Sozialkassen zu stabilisieren und dem demografischen Wandel zu begegnen – das klingt nach einem einfachen Ansatz.
Doch ob diese Rechnung aufgeht, hängt von mehreren Bedingungen ab. Und Auswirkungen hätte das auch an ganz anderen Stellen. Der Vorschlag berührt einige zentrale Fragen, über die kaum gesprochen wird.
Was bedeutet „eine Stunde mehr“ im Alltag wirklich?
Rechnerisch ist die Sache schnell erklärt: Eine zusätzliche Stunde bei einer 40-Stunden-Woche entspricht einem Plus von rund 2,5 Prozent Arbeitszeit. Nach der Kalkulation der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm, die in der „Bild“ von etwa 41 effektiven Arbeitswochen pro Jahr ausgeht, summiert sich das auf rund 41 zusätzliche Arbeitsstunden jährlich – umgerechnet also etwa fünf Arbeitstage.
Im Alltag ist das kein Systembruch, aber ein spürbarer Einschnitt. Es geht dabei nicht um den Wegfall ganzer Wochenenden, sondern um den schleichenden Verlust von Zeitfenstern. Für viele Beschäftigte bedeutet eine zusätzliche Arbeitsstunde nicht nur, länger im Büro, in der Werkhalle oder im Laden zu stehen. Sie verlängert den gesamten Arbeitstag – neben der in manchen Berufen hinzukommenden körperlichen Mehrbelastung.
Wer pendelt, hängt an diese Stunde noch An- und Abfahrt dran – im Auto im Stau oder im Zug, der ohnehin nicht schneller fährt. Der Feierabend rutscht nach hinten, Anschlüsse im Nahverkehr werden knapper, der Spielraum zwischen Ankunft zu Hause und dem nächsten festen Termin schrumpft.
Besonders spürbar wird das für Menschen mit ohnehin engen Zeitbudgets. Eltern, die ihre Kinder aus der Kita oder von der Ganztagsschule abholen, verlieren Puffer. Pflege von Angehörigen, Ehrenamt, Sport, Weiterbildung oder schlicht Erholung rutschen weiter an den Rand.
Was formal nach „nur“ einer Stunde klingt, verdichtet sich im Alltag zu weniger Flexibilität, späteren Abenden und dem Gefühl, dass der Tag fast vollständig von Arbeit strukturiert ist.
Gerade für Beschäftigte in Ballungsräumen oder Regionen mit langen Pendelwegen ist das keine abstrakte Rechengröße, sondern eine konkrete Verschiebung zwischen Arbeit und Leben.
Führt mehr Arbeitszeit eigentlich auch automatisch zu mehr Lohn?
Theoretisch ja, praktisch nicht zwingend. Wird die zusätzliche Stunde vollständig vergütet, steigt das Bruttogehalt proportional. Bei einem Monatslohn von 3500 Euro wären das beispielsweise rund 85 bis 90 Euro mehr im Monat, also etwa 1000 Euro im Jahr.
Allerdings ist das nur die erste Rechenstufe. Von diesem Bruttozuwachs gehen Steuern und Sozialabgaben ab, sodass netto deutlich weniger übrig bleibt. Hinzu kommt, dass selbst ein moderater Lohnzuwachs in vielen Haushalten durch höhere Lebenshaltungskosten aufgezehrt wird. Steigende Mieten, teurere Energie und anhaltend hohe Verbraucherpreise mindern die reale Kaufkraft selbst dann, wenn das Einkommen nominal steigt.
Doch selbst diese Rechnung greift nur unter bestimmten Voraussetzungen. Viele Tarifverträge koppeln die Monatsvergütung nicht automatisch an eine verlängerte Regelarbeitszeit. Zusätzliche Stunden landen häufig auf Arbeitszeitkonten oder werden pauschal abgegolten.
In einigen Branchen bedeutet eine längere Arbeitszeit daher zunächst: mehr Arbeit bei gleichem Einkommen. Ob Beschäftigte tatsächlich mehr verdienen, ist also keine logische Folge, sondern eine Frage der tariflichen und betrieblichen Ausgestaltung.
Warum ist die Extra-Stunde für Unternehmen kein Selbstläufer?
Diese Frage führt zu einem oft in der Debatte verschwiegenen Kernproblem: Aus Unternehmenssicht entscheidet nicht die Länge der Arbeitszeit über den Erfolg, sondern deren Produktivität.
Darauf weist auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, in der „Bild“ hin. Zwar würde „eine Stunde Mehrarbeit pro Woche die Zahl der insgesamt in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden um 2,5 Prozent erhöhen“, wegen geringer Nachfrage würden Sozialkassen und Bruttoinlandsprodukt jedoch weniger zulegen als die Arbeitszeit.
Heißt: Unternehmen sind nur dann bereit, höhere Löhne zu zahlen, wenn die zusätzliche Stunde mehr Wert schafft, als sie kostet. Genau hier liegt das Risiko. In einer schwachen Konjunktur fehlt oft die Nachfrage, wie Krämer beschreibt. Mehr Arbeitsstunden bedeuten dann nicht automatisch mehr Absatz.
Die Folge: Die Produktionskapazität steigt, der Umsatz aber nicht. In solchen Phasen kann längere Arbeitszeit sogar die Profitabilität drücken, statt sie zu erhöhen. Die Extra-Stunde wirkt also nur dort, wo Auftragslage, Auslastung und Marktbedingungen stimmen.
Was bringt die Söder-Stunde der Volkswirtschaft in Euro?
Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind die potenziellen Effekte groß genug, um politisch relevant zu sein. Bei einem Bruttoinlandsprodukt von rund 4,31 Billionen Euro reichen die Schätzungen von moderat bis ambitioniert.
So kalkuliert Veronika Grimm, dass bereits zwei zusätzliche Arbeitstage, wie sie 2026 zu leisten sind, da zwei Feiertage auf ein Wochenende fallen, einen Wachstumseffekt von rund 0,3 Prozent auslösen könnten. Das entspräche einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von knapp 13 Milliarden Euro.
Andere Ökonomen sind optimistischer. Gunther Schnabl, Direktor des Flossbach von Storch Research Institutes, hält bei einer flächendeckenden Stunde Mehrarbeit pro Woche sogar ein Plus von über zwei Prozent für möglich, sagte er zu „Bild“. Das entspräche rund 80 Milliarden Euro.
Selbst die vorsichtigeren Schätzungen erreichen damit eine Größenordnung, die politisch relevant ist. Es geht nicht um Kleingeld, sondern um Summen, die mit den Jahresetats ganzer Bundesministerien vergleichbar sind. Auf dem Papier ist die zusätzliche Arbeitsstunde also kein Mini-Effekt.
Wächst dann der Wohlstand garantiert für alle oder nur für den Staat?
Selbst wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt, heißt das nicht automatisch, dass der individuelle Wohlstand spürbar zunimmt. Für den Staat ist der Effekt klarer: Mehr Wirtschaftsleistung bedeutet höhere Steuereinnahmen und zusätzliche Beiträge für Renten-, Kranken- und Pflegekassen. In einer alternden Gesellschaft ist das kurzfristig durchaus eine spürbare Entlastung.
Für viele Beschäftigte bleibt der Nutzen aber indirekt. Lohnzuwächse werden durch Steuern, Abgaben und Inflation relativiert. Gleichzeitig ist der Verlust an Freizeit sofort spürbar. Der Wohlstandsgewinn zeigt sich eher in stabileren Sozialkassen als im eigenen Portemonnaie – zumindest kurzfristig.
Was bleibt für die Mehrarbeiter unterm Strich?
Die Bilanz fällt nüchtern aus:
- Mehr Arbeit: sicher
- Mehr Staatseinnahmen: sehr wahrscheinlich
- Mehr Lohn: möglich, aber unsicher
- Mehr Wohlstand: statistisch im BIP sichtbar, im privaten Lebensstandard oft nur indirekt
Die zusätzliche Arbeitsstunde erhöht ziemlich sicher das Arbeitsvolumen und sehr wahrscheinlich auch die Staatseinnahmen. Ob sie zu höheren Löhnen führt, ist offen. Und ob sie den individuellen Wohlstand spürbar steigert, ist fraglich.
Die „Söder-Stunde“ ist damit kein ökonomischer Taschenspielertrick, aber auch kein Allheilmittel. Sie kann Zeit kaufen und finanzielle Spielräume schaffen. Das grundlegende Problem der deutschen Wirtschaft – die schwache Produktivitätsdynamik – löst sie jedoch nicht. Entscheidend bleibt weniger, wie lange gearbeitet wird, sondern wie viel Wert in jeder einzelnen Stunde entsteht.