Die EU öffnet sich wirtschaftlich stärker nach Südamerika. Das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay steht kurz vor der Unterzeichnung. Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen geht es nun nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Für Verbraucher, Unternehmen und Landwirte in Europa bringt das Abkommen greifbare, wenn auch unterschiedlich verteilte Folgen.
Mit dem Abkommen entsteht mit mehr als 700 Millionen Menschen die größte Freihandelszone der Welt. Ziel ist es, Zölle und andere Handelshemmnisse schrittweise abzubauen. Wichtig dabei: Fast nichts ändert sich sofort. Viele Zollsenkungen greifen erst über Zeiträume von zehn bis 15 Jahren. Das Abkommen ist auf langfristige Marktöffnung ausgelegt, nicht auf einen schnellen Konjunkturimpuls.
Was können Verbraucher in der EU erwarten?
Einige Lebensmittel dürften tendenziell günstiger werden. Die EU senkt Zölle auf ausgewählte Agrarprodukte aus Südamerika, darunter:
- Rindfleisch und Geflügel
- Zucker und Ethanol
- Kaffee, Soja und Zitrusfrüchte
Da diese Produkte in Südamerika oft deutlich günstiger produziert werden, kann das preisdämpfend wirken, vor allem nach den inflationsbedingt stark gestiegenen Lebensmittelpreisen der vergangenen Jahre.
Allerdings gilt: keine völlige Marktöffnung. Für sensible Produkte sind Mengenbegrenzungen (Quoten) vorgesehen. Nur innerhalb dieser Kontingente gelten die Zollvorteile. Ziel ist es, extreme Preisschwankungen und Marktverwerfungen in der EU zu vermeiden.
Welche Entlastung kommen für Industrie und Exporteure?
Für die europäische Industrie ist das Abkommen strategisch besonders wichtig. Die Mercosur-Staaten zählen zu den am stärksten abgeschotteten großen Märkten weltweit. Derzeit gelten dort unter anderem:
- 35 Prozent Zoll auf Autos
- 14 bis 20 Prozent auf Maschinen
- bis zu 18 Prozent auf Chemieprodukte
Diese Zölle sollen schrittweise abgebaut werden. Das bedeutet für europäische Unternehmen, dass ihre Produkte in Südamerika künftig deutlich konkurrenzfähiger werden, da sie nicht mehr durch hohe Abgaben verteuert werden. Dadurch ergibt sich Spielraum für niedrigere Endpreise für die Kunden vor Ort. Zugleich verbessern sich die Chancen, dauerhaft größere Marktanteile zu gewinnen und Exporte langfristig auszubauen.
Ein konkreter Nutzen für Verbraucher und Produzenten in Europa ist der Schutz geografischer Herkunftsbezeichnungen. Das Abkommen schützt laut Germany Trade and Invest (GTAI) Hunderte EU-Produktsiegel, darunter auch deutsche Klassiker wie „Dresdner Christstollen“, „Lübecker Marzipan“ oder „Schwarzwälder Schinken“. Für Käufer wird damit klarer, was echt ist, und Hersteller können sich besser gegen Nachahmungen wehren.
Die EU-Kommission rechnet damit, dass EU-Exporte in die Region um bis zu 39 Prozent steigen könnten. Besonders stark profitieren dürften Autohersteller, Maschinenbauer und die Chemieindustrie. Das sind alles zentrale Branchen für Deutschland.
Was bringt das Abkommen für Europas Landwirte?
Die Landwirtschaft ist der politisch sensibelste Teil des Abkommens. Bauernverbände, vor allem in Frankreich und Italien, warnen vor einem Preisdruck durch billigere Importe aus Südamerika. Dort sind Produktionskosten oft niedriger, unter anderem wegen größerer Betriebe und anderer Umwelt- und Klimabedingungen.
Um den Widerstand abzufedern, hat die EU mehrere Schutzmechanismen eingebaut:
- Notfallklauseln: Bei starkem Preisverfall oder Importanstieg können Zollvorteile wieder ausgesetzt werden.
- Marktüberwachung: Besonders sensible Produkte werden laufend kontrolliert.
- Zusätzliche Hilfen: Ab 2028 sind weitere Milliardenhilfen für Landwirte vorgesehen.
Formell betont die EU zudem, dass EU-Standards bei Lebensmittelsicherheit und Pflanzenschutz nicht abgesenkt werden. Kritiker bezweifeln jedoch, ob diese Gleichwertigkeit in der Praxis vollständig durchgesetzt werden kann.
Welches strategische Ziel verfolgt die EU?
Neben ökonomischen Effekten verfolgt die EU auch ein strategisches Ziel: neue Partnerschaften jenseits von USA und China. Das Abkommen gilt als Signal gegen Protektionismus und für regelbasierten Handel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht Mercosur ausdrücklich als geopolitisches Projekt, nicht nur als Handelsvertrag.
Das Abkommen dürfte für Verbraucher also tendenziell günstigere Import-Lebensmittel bringen, ohne jedoch abrupte Preisschocks auszulösen. Die Industrie profitiert vor allem langfristig von deutlich besseren Exportchancen in bislang stark abgeschottete Märkte.
Für Landwirte bedeutet Mercosur mehr Wettbewerb, allerdings flankiert durch Schutzklauseln und finanzielle Hilfen. Insgesamt entfaltet das Abkommen seine Wirkung aber nur schrittweise über viele Jahre. Unterm Strich ist Mercosur damit kein kurzfristiger Gamechanger, sondern eine strategische Weichenstellung mit klaren Gewinnern, spürbaren Risiken und erheblichem politischem Sprengstoff.