Der 8. Mai 1945, an dem das Hitler-Regime kapituliert, bedeutet vor 80 Jahren nicht nur das Ende des bestialischen Zweiten Weltkriegs (1939 bis 1945), sondern auch eine Zeitenwende im zertrümmerten Deutschland. Wie haben die Kleinen von damals diese schicksalshafte Zeit erlebt – und verarbeitet? Dieser Frage geht das Tagblatt in seiner mehrteiligen Serie „Kriegsende mit Kinderaugen“ nach. In Teil eins erzählen wir die Geschichte von Anton Fütterer aus Mittenwald.
Eigentlich will der kleine Toni nur nach dem Hasen schauen. Er steht am Fenster des Hauses am Kusenberg, blickt hinab auf den Ort – und sieht in genau diesem Moment, wie eine amerikanische Bombe auf den Ort hinab fällt. „Wie ein nasser Sack. Ganz langsam“, erinnert sich Anton Fütterer (Schah) später an diese surreale Szene, die sich vor seinen Augen abspielt, als er sieben Jahre alt ist. Er sieht das Geschoss aufschlagen – doch es explodiert nicht. Ein Blindgänger. Am Kusenberg hat Fütterer quasi einen Logenplatz. Er kann viel beobachten. Die Bombardements einen Tag bevor die US-Army nach Mittenwald einrückt. Die Krater der Phosphorbomben, die ein Pilot aus seinem angeschossenen Flugzeug am Karwendel unter einer Schneedecke detonieren lässt, um den Ort zu verschonen. Oder ein Sturzkampfbomber (Stuka), der am Kaffeefeld zerschellt.
Anton Fütterer erinnert sich, als wenn es gestern gewesen wäre
Anton Fütterer ist heute 86 Jahre alt. Vieles von dem, was er vor zwei oder drei Jahren erlebt hat, ist ihm bereits entfallen. Doch die Ereignisse von 1945, die er mit den Augen eines Kindes sieht, haben sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. „An die erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.“ Es funkeln seine Augen, wenn der Vater von den zwei Söhnen Toni und Michael sowie Opa von vier Enkelkindern seine Geschichte erzählt.
Fütterer wird am 9. Juli 1938 in seinem Elternhaus am Kusenberg geboren. Als er aufwächst, ist der Krieg weit weg – zumindest vorerst. Bis zu jenem Spätsommertag im Jahr 1943. Am Kaffeefeld tritt der kleine Toni Heu im Stadel nieder, als es plötzlich fürchterlich laut kracht. Ein deutsches Sturzkampfflugzeug, ein sogenannter Stuka, stürzt auf dem Feld ab – nur einen Steinwurf entfernt von jenem Heustadel, in dem Fütterer sich aufhält. „Sofort stürmte die Feldpolizei herbei und untersuchte das Wrack.“ Doch der Pilot ist spurlos verschwunden.
Vermutlich ist die Maschine irgendwo nördlich von Mittenwald getroffen worden. Der Pilot hat versucht, sich per Schleudersitz in der Nähe des Tennsees zu retten. „Doch er war zu spät dran“, erzählt Fütterer und beruft sich auf die Erzählungen seines Großvaters, der zu jener Zeit als Bahnangestellter nicht an die Front muss und daher zu Hause arbeitet. „Der Fallschirm öffnete sich nicht mehr rechtzeitig. Der Pilot hing tot in einem Baum.“
Die wollten die Bahnlinie zerstören, die Infrastruktur lahmlegen.
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Einmal entkommt Fütterer selbst nur knapp dem Tod. Im gleichen Sommer fährt er mit seiner Tante Lisl und seinem Cousin Otto Schandl mit dem Zug nach Tirol, um Bauern um Erlaubnis zu bitten, Äpfel ernten zu dürfen. Auf dem Weg nach Innsbruck wird ihr Zug von Kampfflugzeugen beschossen. Mit Müh und Not gelingt es dem Zugführer, noch in den Tunnel der Martinswand zu rollen – doch das letzte Abteil bleibt im Freien. „Es wurde völlig zerschossen“, erinnert sich Fütterer. Wie viele Menschen ums Leben kommen, weiß er nicht mehr. „Die wollten die Bahnlinie zerstören, die Infrastruktur lahmlegen.“ Die Gleise zwischen Nord und Süd gelten als strategisch wichtig. Nach dem Angriff fährt der Zug bis vor den Innsbrucker Hauptbahnhof, den es zu dieser Zeit jedoch schon gar nicht mehr gibt. „Der war völlig zerstört.“ Mit einem Fuhrwagen werden sie nach Flaurling gebracht, wo sie bei einem Bauern Äpfel ernten dürfen. Bis heute erinnert sich Anton Fütterer an die kleinen Rucksäcke von ihm und seinem Cousin, die randvoll mit Äpfeln gefüllt sind.
Buben durchsuchen verlassene Kasernen
Wenige Tage vor Kriegsende, am 27. April 1945, werden er und sein Bruder Luggi von ihrer Neugier getrieben. Die Kasernen im Norden Mittenwalds und jene am Luttensee sind bereits leer, die Soldaten abgezogen. „Da schlichen wir uns heimlich in jene am Luttensee und schauten, was es dort noch gab.“ Fütterers Bruder, damals zwölf Jahre alt, entdeckt ein verwaistes BMW-Motorrad und schnappt es sich sofort. Toni nimmt im Beiwagen Platz. „Dann fuhren wir damit auf den Landstraßen herum.“ Kleine Freuden in einer entbehrungsreichen Zeit. Doch als sie auf dem Gröblweg auf Höhe der Gröblalm ankommen, geraten sie in die Hände eines deutschen Offiziers. Der stoppt sie und brüllt sie an. „Wir dachten, jetzt sind wir geliefert.“ Doch der Offizier zieht die Burschen nur vom Motorrad, setzt sich selbst darauf und braust Richtung Schmalensee davon. „Vermutlich ist er einfach heim gefahren.“
Am 30. April 1945, einen Tag bevor die amerikanischen GIs nach Mittenwald einrücken, sieht der siebenjährige Lausbub Fütterer vom Kusenberg schwere Bombardements auf seinen Ort herab hageln. Die Alliierten versuchen, mit Granaten die Infrastruktur, vorrangig die Isarbrücken, zu zerstören – erfolglos. Erst nach Verhandlungen zwischen Mittenwalder Parlamentären und den US-Truppen endet der Beschuss. Am 1. Mai 1945 marschieren die Truppen kampflos in den Ort ein.
Schneeballschlacht mit amerikanischen Soldaten
Als die Amerikaner Mittenwald besetzen, sieht Fütterer zum ersten Mal in seinem Leben dunkelhäutige Menschen. Diese beobachten, wie Toni und Cousin Otto gerade eine Schneeballschlacht beginnen. „Die beiden hatten eine Menge Gaudi, formten selbst Schneebälle.“ Ihr Ziel: Ein Jeep mit weichem Lederdach, der einem amerikanischen Offizier gehört. „Sie haben gut getroffen.“ Als die Schneebälle aufs Fahrzeug prallen, stürmen plötzlich vier bis an die Zähne bewaffnete Soldaten heraus. „Sie dachten, sie würden angegriffen.“ Doch sowohl die beiden Brüder als auch die anderen Soldaten krümmen sich vor Lachen. „Wir hatten eine wirklich schöne Zeit, die waren alle sehr freundlich.“ Und dann darf der kleine Toni zum ersten Mal einen Kaugummi essen. So werden schnell aus Feinden Freunde.