In Donald Trumps neuer Weltordnung verkommt Europa zum unwichtigen Zuschauer

In der aktuellen geopolitischen Lage offenbart sich eine grundlegende Verschiebung der internationalen Machtverhältnisse, die insbesondere durch die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA unter Donald Trump geprägt ist. 

Während europäische Politiker in der Vergangenheit versuchten, durch Anpassung und Zugeständnisse das Verhältnis zu Washington zu stabilisieren, macht das aktuelle Strategiedokument deutlich, dass solche Unterwerfungsgesten allenfalls einen zeitlichen Aufschub, aber keine dauerhafte Sicherheit bringen.

Die Logik der Einflusssphären

Das US-Sicherheitsdokument kann als implizite Befürwortung von Einflusssphären gedeutet werden. Die Vereinigten Staaten beanspruchen die Führungsrolle auf dem amerikanischen Kontinent und in ihrer Nachbarschaft, während Russland und die Europäische Union für die Angelegenheiten in Europa zuständig sein sollen. 

China wiederum wird ein erheblicher Einfluss auf die Zukunft Asiens eingeräumt, sofern dieser innerhalb akzeptabler Grenzen bleibt.

Die Trump-Regierung vertritt dabei eine klar realistische Sichtweise: „Der überproportionale Einfluss größerer, reicherer und stärkerer Nationen ist eine zeitlose Wahrheit der internationalen Beziehungen.“ 

Auch wenn der Begriff „Einflusssphären“ offiziell oft vermieden wird, ist die zugrundeliegende Logik – regionale Dominanz der Großmächte – klar erkennbar.

Implikationen für die globale Ordnung

Die US-Strategie impliziert eine stillschweigende Akzeptanz, dass Großmächte ihre Regionen dominieren dürfen, solange das internationale System insgesamt stabil bleibt. 

Besonders Chinas Einflussnahme in Asien wird toleriert, solange sie keine globalen Normen verletzt oder US-Kerninteressen bedroht. Machtpolitik wird so als unumgängliches Element der internationalen Beziehungen dargestellt – als Realität, nicht als Problem.

  • Josef Braml

    Bildquelle: Josef Braml

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Diese Haltung spiegelt sich auch in der US-Position zum Ukraine-Krieg wider. Für Trump stellt der Krieg vor allem ein wirtschaftliches Problem dar: „Krieg ist schlecht fürs Geschäft.“ 

Die Aufteilung Europas in Einflusszonen – mit Ansprüchen der USA und Russlands – war bereits in früheren Friedensplänen angedeutet, in denen eine Teilung der Geschäftsinteressen in der Ukraine zwischen beiden Mächten vorgesehen wurde.

Europas strategische Herausforderung

Angesichts der veränderten US-Strategie sind die europäischen Autonomiebestrebungen dringlicher denn je. Die USA betrachten Europa nicht mehr als Partner, sondern zunehmend als „Risiko“ und „Krisenfall“. 

Sicherheitsgarantien werden an wirtschaftliche Zugeständnisse geknüpft, wodurch das Fundament der Nato erodiert und ein „Pay-to-Play“-System entsteht.

Für Europa bedeutet dies einen Verlust an strategischer Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Die Lockerung der US-Sicherheitszusagen schwächt die transatlantische Bindung – ein Umstand, den Russland ausnutzen könnte. 

Seit Trumps Wiederwahl müssen Europäer mehr in die eigene Verteidigung und den Wiederaufbau der Ukraine investieren, da die Nato und das US-Schutzversprechen an Wert verlieren.

Ohne eigene Abschreckung droht Europa zum nächsten Opfer einer sich wandelnden Weltordnung zu werden. Die Umsetzung der vielbeschworenen „strategischen Autonomie“ erfordert erhebliche Investitionen in Verteidigung und Technologie.

Globale Verschiebungen und Europas Handlungsbedarf

Da China als militärischer Rivale der USA aufsteigt und Washington seinen außenpolitischen Fokus verstärkt auf den indopazifischen Raum ausrichtet, sollte Europa eigenständige Verteidigungsfähigkeiten aufbauen. 

Aus amerikanischer Sicht erscheinen europäische Probleme zunehmend als zweitrangig. Die Beendigung des Ukraine-Kriegs zu US-konsistenten Bedingungen ist Teil einer Strategie zur Sicherung eigener geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen.

Die im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der USA gesteht China zwar implizit eine eigene Einflusssphäre zu. Allerdings bergen solche Sphären das Risiko von Instabilität, besonders wenn deren Grenzen umstritten sind.

Risiken umstrittener Einflusssphären

Unklare oder umstrittene Grenzen führen zu Nullsummenrivalitäten, bei denen Zugewinne einer Macht als Verluste einer anderen wahrgenommen werden. Auch kleinere Staaten bleiben vom Ringen um Einflusssphären nicht verschont. Die Hierarchie dieser Sphären bedeutet, dass Großmächte Kontrolle über die Politik schwächerer Staaten anstreben. Damit geraten die Souveränität kleinerer Staaten und regionale Stabilität in Gefahr – sichtbar etwa in der Ukraine seit 2014. 

Solche Auseinandersetzungen bleiben selten lokal begrenzt und haben das Potenzial, regionale Sicherheitsstrukturen zu destabilisieren und Wettrüsten zu befeuern.

Im sino-amerikanischen Kräftemessen ist Europa nur Zuschauer

In der heutigen multipolaren Welt führen überlappende Einflusssphären – beispielsweise zwischen den USA und China in Ostasien – zu dauerhaften Konfliktherden wie im Südchinesischen Meer oder der Taiwanstraße. Hier verbinden sich territoriale Streitigkeiten mit Ressourcenwettbewerb, was Kompromisse erschwert.

Umstrittene Sphären beeinträchtigen zudem Handelsrouten und globale Investitionsflüsse, wie Risikoanalysen zeigen. Die daraus resultierende wirtschaftliche Fragmentierung fördert Ungleichheiten und befeuert Populismus, der wiederum die Innenpolitik und internationale Zusammenarbeit destabilisiert.

Donald Trumps neue Weltordnung

Im aktuellen sino-amerikanischen Kräftemessen ist Europa bislang nur Zuschauer. Ohne entschlossenes Handeln droht ihm jedoch, zum zentralen Verlierer zu werden. Die EU betont seit Jahren ihre Bestrebungen nach Unabhängigkeit von den USA in Politik, Wirtschaft und Sicherheit. 

Doch symbolische Szenen, wie das scheinbare Akzeptieren von US-Forderungen durch Spitzenpolitiker, untergraben das Bild eines souveränen Europas. Dies hinterlässt den Eindruck eines Machtgefälles und schwächt die Position der EU gegenüber anderen Großmächten.

Wer in einer von Einflusssphären und harten Interessen geprägten Welt als globaler Akteur auftreten will, muss Souveränität nicht nur verkünden, sondern auch praktisch umsetzen. Andernfalls bleibt die „Sprache der Macht“ ein leeres Versprechen, und Europa verliert an Glaubwürdigkeit und Einfluss – auch über seine eigene Zukunft.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.