Der Tod kommt mit der Schminke: Maximilian Brückners Verwandlung in den Boandlkramer

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Garmisch-Partenkirchen
  4. Oberammergau

KommentareDrucken

Obacht: Hier kommt der Boandlkramer, gespielt von Maximilian Brückner. © Brumbauer

Es ist ein Kult-Stück. Die Inszenierung legendär. Am Wochenende gastierte das Münchner Volkstheater mit dem „Brandner Kaspar“ wieder im Passionstheater Oberammergau. Einmal mehr schlüpfte Brückner dafür in die Rolle des Boandlkramer. Der Schauspieler legte eine Blitz-Verwandlung hin.

Er lässt seinen Blick kurz über den Schminktisch werfen, dann greift sich Maximilian Brückner einen Pinsel. Es riecht nach Farbe. Brückner taucht den Pinsel in ein Döschen mit schwarzer Farbe ein. Der Schauspieler spreizt die Finger, senkt den Kopf. Er malt sich die Nägel an und Streifen zwischen die Finger. Brückner schaut wieder auf, hält die Finger hoch und grinst: „Jetzt wirkt es auf der Bühne, als wären sie ganz lang.“

Dank schwarzer Streifen wirken die Finger lang.
Dank schwarzer Streifen wirken die Finger lang. © Brumbauer
Selbst ist der Mann: Brückner bemalt sich Nägel und Füße.
Selbst ist der Mann: Brückner bemalt sich Nägel und Füße. © Brumbauer

Am Wochenende war es wieder soweit: Das Münchner Volkstheater spielte den „Brandner Kasper“ im Passionstheater Oberammergau. Das bedeutete: Brückner verwandelte sich in den Boandlkramer. Mit blonden Haaren und leichten Dreitage-Bad betrat er den Backstage-Bereich. Nur eine halbe Stunde später spazierte der Tod, mit schwarzen, strohigen Haaren, zähnefletschend hinter der Bühne herum.

Weiße Schminke trägt Brückner als Erstes auf.
Weiße Schminke trägt Brückner als Erstes auf. © Brumbauer
Die Haare werden im zweiten Schritt zurück gegelt.
Die Haare werden im zweiten Schritt zurück gegelt. © Brumbauer

Nur seine schwarze Hose zieht der Schauspieler eben an. Die mit den großen Löchern über den Knien. Schon ist er bereit, sich in den Tod zu verwandeln. Der 45-Jährige pfeift, lacht. Er plaudert, scherzt, wenn die Maskenbildnerin ihm die Perücke festklebt. Er rührt sich keinen Millimeter, wenn sie ihm Augen, Nase und Zähne schwarz schminkt. Der Darsteller legt auch selbst Hand an. Gleich zu Beginn schnappt er sich einen Schwamm, er verteilt auf Arme, Beine, Gesicht und Oberkörper weiße Farbe. Er trägt die rote Grundierung um die Augen auf. Brückner malt sich persönlich die schwarzen Streifen auf Hände und Füße.

Eine Perücke bekommt der Darsteller auch.
Eine Perücke bekommt der Darsteller auch. © Brumbauer
Stillhalten: Das schwarze Haar wird festgeklebt.
Stillhalten: Das schwarze Haar wird festgeklebt. © Brumbauer

Routiniert gehen ihm die Abläufe von der Hand. Das alles kennt er schon. Bereits seit 2005 spielt er die Rolle des Boandlkramer in der Landeshauptstadt. Seit 2008 gastiert das Volkstheater in Oberammergau, daheim bei Intendant Christian Stückl. Doch möglicherweise ist damit nun Schluss. „Es kann sein, dass wir das letzte Mal den Brandner Kaspar hier spielen“, verkündete der Regisseur dem Publikum vor Vorstellungs-Beginn. Für Aufführungen im kommenden Jahr im Passionstheater gibt es keinen Vertrag. „Die Suppe kocht in Oberammergau gerade wieder hoch“, bemerkte Stückl.

Die Unruhe rund um die Suche nach einem Passionsspielleiter bekam auch Brückner mit. „Oberammergau ist für mich ein zweites Zuhause geworden.“ Er genießt die jährlichen Auftritte am Passionstheater. „Das ist wie heimkommen für mich.“ Nun habe auf dem heurigen Gastspiel „dieser Schatten“ gelegen. Dabei war der Schauspieler dieses Jahr besonders stolz, ins Ammertal zu kommen. Das erste Mal sahen ihn seine Kinder in seiner Parade-Rolle. Das machte ihn doch etwas nervös, gestand er.

Bescheißt den Tod: der Brandner Kaspar (Alexander Duda). Die lange Schlüssel-Szene hat‘s in sich für die Darsteller
Bescheißt den Tod: der Brandner Kaspar (Alexander Duda). Die lange Schlüssel-Szene hat's in sich für die Darsteller © FOTOPRESS THOMAS SEHR

Die Kleinen beobachten, wie der Papa über die Bühne sprintet. Barfuß. Zerrupft. Wie er im zweiten Akt, als der Brandner Kaspar partout nicht mit in den Himmel will, durchs Publikum rennt. Wie er auf Tische springt, und dabei ein bisschen wie Gollum aus „Der Herr der Ringe“ aussieht. Mal grinst er von einem Ohr zum anderen, da wirkt er wie ein verrücktes, kleines Kind. Dann strahlt er wieder diese Bedrohlichkeit aus.

Bedrohlich fletscht der „Tod“ die Zähne.
Bedrohlich fletscht der „Tod“ die Zähne. © Brumbauer

Der Boandlkramer fordert Brückner auch körperlich. Vor allem die Schlüssel-Szene, in der der Tod den Brandner das erste Mal holen will, wo der ihn aber mit Kirschgeist abfüllt und beim Kartenspiel um 18 weitere Lebensjahre bescheißt, hat es in sich. „Danach bin ich fertig.“ Die Szene ist lang, der Schauspieler schwitzt brutal, die Farbe läuft aus dem Gesicht. Danach muss er nochmal in die Maske.

Brückner stört das nicht. Er liebt es, zum Boandlkramer zu werden. Auch noch nach 20 Jahren. Das einzige, was ihm nicht taugt, ist die Verwandlung zurück. „Das Abschminken ist nervig“. Manchmal lässt er es und geht verkleidet nach Hause. Am Wochenende schiebt er seine kleine Tochter im Kinderwagen in voller Montur in Oberammergau herum. Familiär geht's zu im Passionstheater. Auch im Umgang der Darsteller. Als Brückner in die Maske geht, trifft er seinen Kollegen Alexander Duda, den Brandner Kaspar. Die beiden umarmen sich direkt. Das Ensemble ist ein eingeschworenes Team.

Augen und Nase brauchen einen schwarzen Anstrich.
Augen und Nase brauchen einen schwarzen Anstrich. © Brumbauer

Der Brandner Kaspar, dieses Kult-Stück, macht den Schauspielern immer noch Spaß. Auch nach unzähligen Aufführungen bleiben Unsicherheiten beim Text allerdings nicht aus, erzählt Brückner augenzwinkernd. Das Spielen im Passionstheater, auf einer anderen Bühne, sei zudem jedes Mal eine Umstellung. Das Publikum merkt davon nichts. Es ist begeistert.

Am belastendsten findet der Schauspieler das Warten auf den Moment, in dem sich der Vorhang hebt. 50 Minuten bleiben Brückner an diesem Samstag, als er die Maske verlässt. Er spaziert herum, vertreibt sich die Zeit. Bis es losgeht. „Dann blende ich alles um mich herum aus.“

Auch interessant

Kommentare