Den Ausbildungsvertrag zur Krankenpflegerin hatte Alicia Ludwig schon in der Tasche. Doch die Starnbergerin überlegte es sich anders und wurde Bäckereifachverkäuferin. Eine Entscheidung, die sie nicht bereute. Heute darf sich die 21-Jährige bundesweit Zweitbeste ihres Fachs nennen.
Starnberg – „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Marmelade und Konfitüre?“ Eine Frage, auf die Alicia Ludwig sofort die Antwort hat. Denn: Im Februar letzten Jahres hat die 21-Jährige ihre Ausbildung zur „Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk mit dem Schwerpunkt Bäckerei“ mit Bravour abgeschlossen. Und sie darf sich in ihrem Bereich zweitbeste Fachverkäuferin Deutschlands nennen – obwohl sie eigentlich Krankenpflegerin werden wollte.
Nachdem Ludwig die Grundschule Percha besuchte und das Gymnasium Kempfenhausen 2019 nach der 10. Klasse mit der Mittleren Reife abschloss, stand für sie fest: Eine Ausbildung zur Krankenpflegerin soll es sein. Der Vertrag mit dem Klinikum Starnberg war schon unter Dach und Fach, aber bis zum Ausbildungsstart waren es noch sechs Monate. So begann Ludwig, die damals noch bei ihrer Familie in Kempfenhausen wohnte, am 15. Januar 2020 einen Job bei der Starnberger Filiale der Bäckerei Aumüller. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und das hat man wohl auch gesehen“, sagt die 21-Jährige schmunzelnd. Denn es dauerte nicht lange, bis ihr dort eine Lehrstelle angeboten wurde. Oft sind Pläne da, um sie zu ändern. Und so begann Ludwig die Ausbildung im September 2020. Einmal pro Woche ging es in die Berufsschule, die restliche Zeit verbrachte sie im Betrieb. „Ich dachte vorher auch: Die verkauft nur Semmeln und Brezen“. Doch es steckt wesentlich mehr dahinter: Ludwig lernt viel über die Mikroorganismen, den Inhalt und die Nährstoffe der Backwaren.
Nach zweieinhalb Jahren, im Januar 2023, stand dann die zweiteilige Prüfung an. In der praktischen Prüfung mussten die Prüflinge nicht nur ein 45-minütiges Verkaufsgespräch führen, sondern auch eine Kreidetafel und Preisschilder beschriften und drei verschiedene belegte Snacks anrichten. Das alles erfolgt in Rahmen eines vorgegeben Themas.
Bei Ludwigs Prüfung war es „Luxus“. „Ist es sinnvoll, im Dezember einen Erdbeerkuchen zu backen?“, fragt sie rhetorisch. Denn die Starnbergerin setzte auf Regionalität, Saisonalität und die passenden Rohstoffe. Eine Strategie, die bei der Jury gut ankam. Alicia Ludwig erhielt für ihren Praxisteil 96 von 100 Punkten. Auch die schriftliche Prüfung mit Fragen zu betriebswirtschaftlichem Handeln, Wirtschafts- und Sozialkunde und dem Umgang mit Waren, Verkauf und Beratung bestand sie mit 92 Punkten und gilt damit insgesamt als Innungsbeste. Doch das war erst der Anfang: Mit ihrem Erfolg qualifizierte sie sich für den Kammerentscheid Oberbayern, wo sie im September 2023 den ersten Platz holte. Darauf folgte der Sieg beim Landesentscheid im Oktober. Im November nahm sie dann am Bundesentscheid teil – und wurde beachtliche Zweite.
Mit Anekdoten über bemerkenswerte Kunden könne sie ein ganzes Buch füllen
„Man kann in dem Beruf schon etwas erreichen, wenn man will“, sagt Ludwig stolz, die mittlerweile nach Starnberg gezogen ist. In der Bäckerei Aumüller trifft man die 21-Jährige nicht mehr an. Sie arbeitet mittlerweile im Außendienst der über zehn Aumüller-Filialen in München als „helfende Hand“. „Ich steh hinter der Theke, wenn man mich braucht. Ansonsten kümmere ich mich um Organisatorisches, führe Bewerbungsgespräche und optimiere Abläufe“, erklärt sie. Dabei sei es vor allem die zwischenmenschliche Komponente, die ihr Freude bereitet: „Die Kunden kennen dich, du kennst sie. Du weißt, was sie trinken möchten und redest mit ihnen über ihr Wochenende.“ Mit Anekdoten über bemerkenswerte Kunden könne sie ein ganzes Buch füllen. In der Starnberger Filiale habe ein Kunde mal ein Brot zurückbringen wollen, da es schimmelte. Ludwig fragte, wie lange er das Brot denn schon habe. Die Antwort: seit drei Wochen.
Alicia Ludwig bereut ihre Entscheidung keineswegs, auch nicht, wenn sie mal früh aufstehen muss. „Es hat alles seine Vor- und Nachteile, aber das Abitur ist keinesfalls verschwendet, wenn man eine Ausbildung macht“, betont sie. So oft habe man ihr schon die Frage gestellt, wieso sie nichts anderes machen würde. „Das klingt, als ob ich nichts anderes gefunden hätte, aber ich habe mich so entschieden.“ Sie findet es schade, dass Ausbildungen nach wie vor nicht mit dem sozialen Ansehen eines Studiums mithalten könnten.
Aber was ist nun eigentlich der Unterschied zwischen Marmelade und Konfitüre? Ludwig: „Marmelade muss aus Zitrusfrüchten, wie Orangen oder Zitronen, hergestellt sein, alles andere ist Konfitüre. Es gibt also keine Erdbeermarmelade.“
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Pia Maurer