Es sind nur noch wenige Tage bis zum Oktoberfest. Früher floss dort sogar Tölzer Bier. Passend zur Wiesn gibt es in Bad Tölz nun ein gemeinsames Festbier der zwei Brauereien.
Bad Tölz – In den Anfangsjahren des heuer zum 190. Mal veranstalteten Oktoberfests erfreute sich das Tölzer Bier dort besonderer Beliebtheit. Über die historischen Hintergründe und wie Bad Tölz mit damals 22 Brauereien auch außerhalb der Festzeit zur „Bieramme von München“ wurde, darüber klärten Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins, und Elisabeth Hinterstocker, Leiterin des Tölzer Stadtmuseums, in einem Pressegespräch auf.
Tölzer Brauereien kreieren gemeinsames Festbier
Dabei wurde auch ein besonderes Novum präsentiert: Die beiden Tölzer Braumeister Michael Pichler vom „Binderbräu“ und Florian Sedlmaier vom „Tölzer Mühlfeldbräu“ brauten ein gemeinsames Tölzer Festbier nach alter Rezeptur. Es wird ab sofort ausgeschenkt, auch beim Bierfest am Vichyplatz, das am heutigen Freitag (19. September) von 17 bis 23 Uhr stattfindet.
Man denkt immer, früher wäre alle anders gewesen: weniger Wettbewerb und mehr Zufriedenheit. Wer in die Geschichte der einstmals 22 Tölzer Brauereien eintaucht und speziell untersucht, wie das vor über 200 Jahren lief mit dem an der Isar gebrauten Bier, der wird feststellen, es ging schon immer um Qualität, Märkte, Transportmöglichkeiten und den zu erzielenden Preis.
Tölzer Bier auf dem Oktoberfest
Verschenkt wurde auch damals nichts, und die Konkurrenz zwischen dem kleinen Ort Tölz am Alpenrand und der aufstrebenden Stadt 50 Kilometer weiter nördlich war keinesfalls kleiner. Der Unterschied: Damals gab es 22 Brauereien in Tölz und die belieferten aufgrund der idealen Transportmöglichkeiten auf der Isar auch die heutige Landeshauptstadt mit ihrem Gerstensaft. Und nicht nur das, ohne das süffige Tölzer Bier, das viele Liebhaber fand, gäbe es wohl das jetzige weltweit größte Bierfest in der Art nicht.
Bescheiden waren die Tölzer ja noch nie, wenn es um ihre Rolle in der Geschichte ging - man denke nur an die Tölzer Bauernschränke und das Bauholz aus dem Isarwinkel, das auf Flößen transportiert wurde, dazu Waren, die so bis nach Wien und ans Schwarze Meer kamen.
Irgendwie lag es da auch in der Vor-Wiesn-Zeit nahe, sich einmal Gedanken darüber zu machen, ob nicht auch eine Verbindung zwischen Tölz und dem Oktoberfest herzustellen wäre. Dieser Aufgabe unterzogen sich in den letzten Wochen Elisabeth Hinterstocker, Leiterin des Tölzer Stadtmuseums, und Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins. Und siehe da, Artikel in alten Zeitungen (die heute weitgehend digitalisiert und daher im Netz abrufbar sind) zeigten auf, dass Tölz einst die „Bieramme von München“ war.
Die Münchner Brauereien, die heute weltweit ihre Produkte vermarkten und die seit vielen Jahren einzig und allein beim größten Volksfest der Welt zugelassen sind, standen damals im Schatten der fast zwei Dutzend Tölzer Brauereien und - zugeben auch einiger anderer aus dem oberbayerischen Raum. Allerdings war es Tölz vorbehalten, das damals noch in der kalten Jahreszeit gebraute „Märzenbier“ in den zahlreichen Tuff-Kellern der Isarstadt so lange lagern zu können, dass es auch zur Oktoberfest-Zeit und später noch trinkbar war.
Dazu kam, dass der Transport der Tölzer Fässer nach München durch die Isarflößerei relativ schnell ging und günstig war, anders als bei der Konkurrenz, die Pferdefuhrwerke einsetzen musste. Allerdings machten die Erfindung der Kühlmaschine 1873 durch Carl von Linde und die Transportmöglichkeiten per Eisenbahn den Tölzer „Vorteil“ bald zunichte, sodass der Ausschank der Tölzer Biere auf dem Fest auf der Theresienwiese bald danach zum Erliegen kam.
Anfangs lag das heutige weltbekannte Oktoberfest, das erstmals 1810 anlässlich einer Promi-Hochzeit veranstaltet wurde, noch gar nicht auf Münchner Flur, sondern im Bereich von Sendling, der Ausschank auf der heutigen Theresienwiese kam erst im Laufe der Zeit dazu. Wie kolportiert wird, lag der Schwerpunkt des Festes ursprünglich beim Pferderennen, erst später rückte der Genuss des süffigen Gerstensaftes in den Mittelpunkt.
Dabei ging’s natürlich auch immer um den Preis, den Tölzern gelang es laut früherer Zeitungsartikel aufgrund der Qualität sogar, meist einen Kreutzer mehr zu verlangen als das Gebräu anderer Wirte. Auf einen „Stundenlohn“ schätzt Claus Janßen den damaligen Bierpreis für die Mass, etwas, wofür ein Mindestlohnempfänger auch heute noch mindestens 60 Minuten arbeiten muss.
Heute haben die in den beiden Tölzer Brauereien Mühlfeldbräu und Binderbräu hergestellten Biersorten keine Chance, beim Oktoberfest ausgeschenkt zu werden. Hier haben sich die Münchner Brauer längst ihre Pfründe gesichert, auch wenn Löwenbräu und Co. inzwischen längst in den Händen internationaler Konzerne sind.
Tölzer Biergenuss zur Wiesenzeit
Verzichten muss man auf den Tölzer Biergenuss zur Wiesenzeit aber dennoch nicht, es wurden von den beiden Brauereien 15 Hektoliter Festbier gebraut, das erstmals an diesem Wochenende beim Tölzer Bierfest am Vichyplatz zum Ausschank kommt. Es wird in kleinen Flaschen angeboten und kann vom heutigen Freitag an auch am morgigen Samstag von 17 bis 23 Uhr sowie am Sonntag ab 12 Uhr vor Ort - zusammen mit den Produkten weiterer örtlicher Brauereien - getrunken werden.
An Rohstoffen hat man dazu drei verschiedene Hopfensorten aus der Hallertau verwendet, es entstand daraus ein unfiltriertes Bier, das, wie früher, nur begrenzt haltbar ist, es ist bernsteinfarben mit leichter Hopfennote. Angeboten wird es in 0,33-Liter Flaschen mit eigens entworfenen Etikett. Es hat eine Stammwürze von 13,5 Prozent und ist damit nicht „übertrieben stark“, wie die beiden Braumeister betonen, schließlich waren die früheren Biere auch nicht so stark. Ohnehin lassen sich die Produkte, die vor 100 oder 200 Jahren gebraut wurden (und natürlich nicht mehr vorhanden sind) nicht mit dem heutigem Bier vergleichen, da sich die Zutaten (Hopfen und Malz, Hefe usw.) qualitativ deutlich verbessert haben.
Wirtschaftsförderin Sandra Hermann hat für das Produkt „Ein echtes Tölzer - Das Festbier für wahren Genuss“ auch schon die entsprechenden Eigenschaften herausgefunden, die im Einklang mit den Markenwerten von Bad Tölz stehen, unter anderem „heimatverbunden“ und - in Maßen getrunken - „vitalisierend“. Davon kann sich ab sofort jeder überzeugen und ein bisschen Wiesn-Feeling auch in der Tölzerstadt erleben.
Da 15 Hektoliter beim Mühlfeldbräu in Verbindung mit dem Binderbräu gebraut wurden, wird das Flaschenbier auch in den beiden angeschlossenen Gaststätten und über Getränkemärkte vertrieben, unter anderem in einem handlichen „Sixpack“.
Beim Pressetermin im Tölzer Stadtmuseum, wo Bürgermeister Ingo Mehner im Beisein der Brauer am Donnerstag das erste Fass anzapfte, zeigten sich jedenfalls alle vom Geschmack begeistert und auch die Farbe des Getränks kam gut an.
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