In Bad Tölz wird aktuell die Rolle des Unternehmers und NS-Kommunalpolitikers Hans Hoeflmayr neu beleuchtet. Eine Ausstellung, ein Vortrag und eine Regatta erinnern an sein Wirken und werfen Fragen nach seiner historischen Einordnung auf.
Bad Tölz – Mitunter geht man unnachsichtig mit Menschen um, die sich in der Zeit des Dritten Reiches behaupten mussten. So wurde der bekannte Kinderbuchautor Oswald Preußler, Schöpfer des „Räuber Hotzenplotz“, als Namensgeber eines Gymnasiums abgelehnt, weil er als siebzehnjähriger Jungautor seine Erlebnisse bei der Hitlerjugend beschönigt hatte. Andererseits sind Schulen nach Johann Tilly benannt, dem obersten Heerführer der Kaiserlichen, der das schlimmste Massaker an der Zivilbevölkerung während des Dreißigjährigen Krieges, die „Magdeburger Bluthochzeit“, zu verantworten hat.
NS-Vergangenheit: Wie Tölz mit Erbe Hans Hoeflmayr umgeht
Auch in Bad Tölz stellt sich aktuell die Frage nach Schuld und Verantwortung: Wie soll man sich zu Hans Hoeflmayr (1893 – 1975) positionieren, der als erfolgreicher Fabrikant, NS-Kommunalpolitiker und SA-Mitglied in Erscheinung getreten ist? Im Jahr 1925 gründete er in einem ehemaligen Brauereigebäude an der Osterleite seine „Pionier Faltbootwerft“, die mit der Produktion von wendigen und zerlegbaren Paddelbooten, Pionier-Zelten und Outdoor-Kleidung großen Erfolg hatte. Die Stadt erinnert mit einer von Elisabeth Hinterstocker kuratierten Ausstellung im Stadtmuseum und einer Regatta auf der Isar an sein Wirken.
Das Museum hat das Bild von Hans Hoeflmayr nun mit einem gut besuchten Vortrag abgerundet. Die Historiker Dr. Susanne Meinl und Dr. Michael Holzmann unternahmen den Versuch, sich differenziert mit Hoeflmayrs spannender Biographie und seinem politischen Wirken von 1933 bis 1945 auseinanderzusetzen. Dabei rückte auch seine Ehefrau Auguste in den Fokus. Im Spruchkammerverfahren 1948 wurde Hoeflmayr als „Belasteter“ eingestuft, eine Einstufung, die das Berufungsverfahren 1949 revidierte und ihn lediglich als „Mitläufer“ einstufte. Es stellt sich die Frage: Was spricht gegen ihn, was für ihn?
Politische Karriere und Rückzug: NSDAP und SA-Mitgliedschaft
Hoeflmayr kehrte als dekorierter Soldat aus dem Ersten Weltkrieg zurück und strebte anfangs eine militärische Laufbahn an, da er seine Heimat vom Bolschewismus bedroht sah. Im November 1928 trat er der NSDAP bei und wurde 1929 zum Tölzer Stadtrat gewählt.
1933 ernannte ihn die Partei zum Nachfolger des abgesetzten zweiten Bürgermeisters und BVP-Politikers Anton Wiedemann sowie zum Bezirkskommissar der paramilitärischen SA. Laut Dr. Holzmann trat Hoeflmayr bald darauf auf eigenen Wunsch von beiden politischen Ämtern zurück, blieb aber SA-Brigadeführer „zur Verfügung“, was de facto ohne Funktion bedeutete. Am 30. Juni 1934 entledigte sich Adolf Hitler der SA und ließ deren Führungsspitze um Ernst Röhm in Bad Wiessee verhaften und ermorden, wodurch die SA nahezu bedeutungslos wurde.
Von 1934 bis 1940 war Hoeflmayr auch Vertragslehrer für das Pionierwesen an der Tölzer SS-Junkerschule. Sein florierender Betrieb wurde „kriegswichtig“ und belieferte die Wehrmacht. Dafür wurden ihm auch Zwangsarbeiter aus Osteuropa zugeteilt, die auf dem Firmengelände in Baracken wohnten. Im Oktober 1944 erfolgte seine Ernennung zum Kreisstabsleiter des „Volkssturms“, zu dem alle waffenfähigen Männer von 16 bis 60 Jahren eingezogen werden sollten. Bei Kriegsende unterband Hoeflmayr jedoch sinnlose Kampfhandlungen dieses letzten Aufgebots.
Familiengeheimnis und Nachkriegszeit: Auguste Hoeflmayrs Herkunft
Der Rückzug Hans Hoeflmayrs von der politischen Bühne im Jahr 1934 erfolgte aufgrund von Gerüchten und Denunzierungen gegen seine Ehefrau Auguste, die als gelernte Opernsängerin nicht in das biedere Provinzmilieu passte. Hoeflmayr gelang es, ihre Herkunft und Identität zu verschleiern. Erst bei seiner Internierung nach Kriegsende offenbarte er den Alliierten, dass Auguste einen jüdischen Vater hatte und als nichteheliches Kind in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten war sie somit „Halbjüdin“ und mit dem Tod bedroht.
Susanne Meinl und Elisabeth Hinterstocker betonten unabhängig voneinander, dass das Ehepaar extrem unter Druck stand. Sie waren „ein besonderes Paar, das alle Ängste und Belastungen gemeinsam durchstand“ und dafür möglicherweise einen hohen Preis zahlte, denn Auguste starb viel zu früh an Krebs. Dem Ehepaar wurde hoch angerechnet, dass es seine Zwangsarbeiter gut behandelte; einige blieben nach dem Krieg in Bad Tölz und pflegten ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen.
Hoeflmayrs Vermächtnis und das Ende einer Ära
Michael Holzmann äußerte am Schluss: „Ich habe vor diesem SA-Mann eine gewisse Hochachtung.“ Elisabeth Hinterstocker ergänzte: „Ein Nazi? Ein Urteil ist nicht einfach, es gibt viele Grautöne.“ Im Publikum befand sich auch Hans Hoeflmayrs Enkelin Alexandra Felts, die mit ihrem Großvater viele Gespräche über sein Leben führen konnte. Sie versicherte, dass er über seine Rolle im Dritten Reich offen und selbstkritisch gesprochen habe: „Er war ein Mitläufer, aber kein überzeugter Nazi.“
Nach dem Krieg neigte sich die Blütezeit der Faltboote dem Ende zu. Im Jahr 1969 verkaufte Hoeflmayr das Unternehmen, blieb aber noch Geschäftsführer. Der Verkauf von Booten, Campingartikeln und Bekleidung kam bald danach zum Erliegen. Heute befinden sich in den Räumen die Werkstätten des ReAL-Verbunds, der die Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und sozialen Einschränkungen fördert.
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