Am Walchensee geht eine Ära zu Ende: Revierleiter Karlheinz Wohlmann verabschiedet sich nach 30 Jahren in den Ruhestand. Er übergibt sein Revier, das in Deutschland seinesgleichen sucht, an Tim Brommer.
Kochel am See - Es dürfte kaum ein Forstrevier geben, das mehr Facetten hat, als das am Walchensee. 3800 Hektar Wald zählen dazu, aber auch 1500 Hektar Seefläche und ein Dienstboot. „Der Walchensee gehört nicht der bayerischen Seen- und Schlösserverwaltung, sondern der Forstverwaltung. Das ist eine Besonderheit“, sagt Revierleiter Karlheinz Wohlmann (64) vom Tölzer Forstbetrieb der Bayerischen Staatsforsten. „Jede Regatta, jede Filmaufnahme – alles bis auf die Fischereirechte läuft über meinen Schreibtisch.“ Noch bis 1. August wird sich Wohlmann um diese Angelegenheiten kümmern. Dann geht er nach 30 Jahren als Revierleiter am Walchensee in den Ruhestand. Zurück lässt er ein wohl bestelltes Haus mit einer erfolgreichen Schutzwaldsanierung am Fahrenberg und zahlreichen Naturschutzprojekten.
Ein Herz für den Naturschutz
Wohlmann brennt für das Thema Naturschutz. 25 Jahre lang kümmerte er sich um die Naturschutzausbildung bei der Bergwacht Ohlstadt. In seinem Revier gibt es etwa 20 Einzelflächen, die durch aufmerksame Pflege unter anderem zu blütenreichen Oasen im Wald geworden sind. Eine am Griesberg zeigt er beim Ortstermin. Überall summt und brummt es. Auf der einen Seite wachsen Heidelbeeren, die wichtig sind fürs Auerwild, daneben locken Blüten Schmetterlinge an, ein Stück weiter wogt weißes Wollgras im Wind.
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Am wichtigsten sei es gewesen, erst einmal die richtigen Flächen zu identifizieren. „Naturschutz macht dort Sinn, wo die Grundlagen da sind“, sagt Wohlmann. Dabei hilft, dass alle zehn Jahre die Reviere genau kartiert werden. Auf dieser Basis wählte er die Flächen. „Wir haben ganz unterschiedliche Standorte – von eher trocken bis hin zu zwei Feuchtbiotopen.“ Die Wiese am Griesberg wurde erst einmal geschwendet, also vom groben Bewuchs und damit von zu viel Schatten befreit. So konnte sich die Artenvielfalt mitten im Wald entwickeln. Seitdem wird sie nur noch einmal im Jahr gemäht.
Tim Brommer als Nachfolger
Die Nachfolge von Karlheinz Wohlmann als Revierleiter am Walchensee tritt Tim Brommer an. Der 33-Jährige lebt mit seiner Familie in Eschenlohe. Dorthin wird künftig auch das Büro des Forstbetriebs verlegt. Wie kam Brommer zur Forstwirtschaft? „Nach der Realschule hat mich meine Mutter gefragt, was ich machen will. Ich hatte keine Ahnung“, erinnert sich der 33-Jährige. „Dann hat sie mich gefragt, was mir Spaß macht: Und das einzige, was mir eingefallen ist, war: Brennholz machen.“ Brommer machte erst einmal eine klassische Ausbildung zum Forstwirt. „Schon da habe ich festgestellt, dass das wirklich Spaß macht.“ Aber Brommer wollte noch tiefer in die Materie einsteigen. Also holte er sein Abitur nach und studierte Forstwirtschaft. Zuletzt war er bei Landsberg im Einsatz, derzeit lernt er sein neues Revier am Walchensee kennen. Die Vielseitigkeit sei es, was ihn hier reize. „Außerdem war ich schon immer sehr bergaffin.“ Dass ihn sein Vorgänger einarbeiten kann, sei hilfreich. „Es ist total spannend, mit ihm unterwegs zu sein und zu sehen, wo er überall Initialzündungen gemacht hat.“ Er sehe, mit welchem Herzblut Wohlmann bei der Sache gewesen ist. Brommer: „Ich versuche, das so fortzuführen.“
Intensive Zusammenarbeit mit dem „Bergwaldprojekt“
Ebenfalls am Herzen liegt Wohlmann das Bergwaldprojekt. Seit 28 Jahren arbeitet er mit dem gleichnamigen Verein zusammen. Jedes Jahr kommen Freiwillige für ein bis zwei Wochen an den Walchensee, um dort unter anderem bei Pflanzaktionen mitzuarbeiten. Das hilft dem Forstbetrieb und vermittelt im Gegenzug den Freiwilligen ein tieferes Verständnis für das Thema Wald und nachhaltige Waldbewirtschaftung. „Die Leute kommen freiwillig, sind mit Begeisterung dabei und nehmen auch an, was man ihnen erklärt“, sagt Wohlmann.
Sein wichtigstes Einsatzgebiet ist für alle sichtbar: die Schutzwaldsanierung auf der Südseite des Herzogstands, unterhalb des Fahrenbergkopfs. Als Wohlmann anfing, war die Situation desolat. Jedes Jahr im Winter musste die B11 mehrfach gesperrt werden, weil Lawinen abgegangen waren. Am darüber liegenden Steilhang gab es veraltete Baumbestände, Naturverjüngung kam nicht auf, weil viel zu viel Wild in der Fläche unterwegs war. Am Boden verhinderte zudem dichter Grasfilz, dass Samen bis zum Boden gelangten. „Teilweise waren Bereiche auch noch beweidet“, sagt Wohlmann. Dass warme Föhnwinde immer wieder gegen den Hang prallten, verschlechterte die Situation zudem. Der Schnee fand keinen Halt und rutschte einfach Richtung Bundesstraße ab. „Es gab zwei Möglichkeiten: entweder die B11 komplett mit Galerie-Bauwerken schützen oder eine Lawinenverbauung am Hang“, sagt Wohlmann.
Erfolgreiche Lawinenverbauung
Man entschied sich für Letzteres. Wohlmann fuchste sich in die Aufgabe hinein. Zugute kam ihm dabei, dass er sein Forstwirtschaftsstudium als Diplom-Ingenieur abgeschlossen hatte. „Und man braucht Mitarbeiter, die was können – und die hatte ich. Zum Teil waren im Sommer bis zu 20 Arbeiter hier.“ Wer heute mit der Herzogstandbahn fährt, sieht eigentlich nur gut gewachsenen Wald, Bäume verschiedener Generationen. An einigen Stellen fällt der Blick auf die Verbauungen, die nicht nur von den Staatsforsten, sondern auch vom Straßenbau- und Wasserwirtschaftsamt stammen. 15 Millionen Euro wurden insgesamt investiert. Tatsächlich funktioniert die Naturverjüngung mittlerweile so gut, „dass wir vielleicht auf einen Teil der Verbauung verzichten können, wenn sie ersetzt werden müsste“, sagt Wohlmann. Lediglich in der Mitte des Hangs sei noch ein wenig Luft nach oben, ergänzt Robert Krebs, Leiter des Tölzer Forstbetriebs. „Wir haben den einen oder anderen Rückschlag verkraften müssen. Aber in der Summe sind wir da gelandet, wo wir hinwollten“, sagt Wohlmann. Rückschläge waren vor allem die Brände im Januar 1990 und im März 2011. Aber auch sonst drohen Gefahren. Im Moment läuft eine Untersuchung, inwieweit ein Pilz die Kiefern am Hang bedroht. „Es gibt eigentlich nichts, was hier noch nicht getestet worden ist“, sagt Wohlmann mit einem Schmunzeln.
Das erwartet Tim Brommer
Seinem Nachfolger Tim Brommer werden die Herausforderungen nicht ausgehen. Der Wald muss so umgebaut werden, dass er dem Klimawandel trotzen kann. Die Schutzwaldsanierung ist nie abgeschlossen, und die Naturschutzflächen können auch nicht sich selbst überlassen werden. Dazu kommt der zunehmende Freizeitdruck, der gerade auf dem Revier am Walchensee lastet. „Die Rücksichtslosigkeit hat zugenommen“, sagt Wohlmann. Einige würden Naturschutzverstöße aus Unwissenheit begehen. Würde man sie darauf hinweisen, „versteht das ein Teil und nimmt es an, ein anderer Teil denkt: ,Red du nur‘, und immer mehr reagieren aggressiv.“
Der Ohlstädter selbst geht aber mit einem zufriedenen Gefühl in den Ruhestand. Den genießt er mit seiner Frau – beim Berggehen oder auch beim Reisen.