Ein flaues Gefühl vor dem Arbeitsbeginn, innere Unruhe im Büro oder ständiges Grübeln über Fehler und Erwartungen: Arbeitsplatzbezogene Ängste sind kein Randphänomen. Viele Betroffene sprechen jedoch nicht darüber – aus Sorge, als wenig belastbar zu gelten. Dabei sind Ängste rund um die Arbeit weit verbreitet und gut erklärbar. Entscheidend ist, sie ernst zu nehmen und zu wissen, welche Möglichkeiten es gibt, mit ihnen umzugehen.
Bis zu 30 Prozent kennen die Angst am Arbeitsplatz
Arbeitsplatzbezogene Angst bezeichnet anhaltende Sorgen, Anspannung oder Furcht, die im Zusammenhang mit der Arbeit stehen oder durch sie ausgelöst werden. Allein schon der Gedanke an
- den Arbeitsplatz,
- bestimmte Aufgaben,
- Personen, zum Beispiel der Vorgesetzte,
- oder Situationen wie Meetings, Telefonate und E‑Mails
können bei Betroffenen starke Angst bis hin zu Panik auslösen. Anders als kurzfristige Nervosität vor einem Termin ist arbeitsplatzbezogene Angst nicht auf einzelne Situationen begrenzt, sondern begleitet Betroffene über längere Zeit und tritt im allgemeinen Kontext von Arbeit auf.
Je nach Definition schwanken die Häufigkeiten dieser Ängste, aber Schätzungen zeigen, dass in Europa zwischen rund ein bis zwei Prozent eine arbeitsbedingte Angst‑/Stressstörung haben, während bis zu 30 Prozent der Beschäftigten von arbeitsbezogenem Stress, Depression oder Ängsten berichten. Es ist gut möglich, dass die Dunkelziffer höher liegt, da viele Menschen ihre Ängste aus Scham verschweigen.
Das sind die Ursachen und Auslöser dieses Phänomens
In den seltensten Fällen gibt es nur eine einzige Ursache. Arbeitsplatzbezogene Ängste entstehen meist durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, wie etwa
- Leistungsdruck,
- Zeitmangel,
- unklare Erwartungen,
- Konflikte im Team
- oder Angst vor Bewertung und Kritik.
Auch unsichere Arbeitsverhältnisse oder Umstrukturierungen können Ängste verstärken.
Hinzu kommen persönliche Faktoren wie ein starkes Pflichtgefühl, Perfektionismus oder frühere negative Arbeitserfahrungen. Oft sammeln sich Belastungen über Monate oder Jahre hinweg an, bis das innere Stresssystem dauerhaft aktiviert ist. Die Angst entsteht dann nicht mehr nur durch einzelne Situationen, sondern durch die Erwartung, dass Arbeit generell überfordert oder bedroht.
Welche Symptome ruft die Angst hervor?
Arbeitsplatzbezogene Angst zeigt sich sowohl psychisch als auch körperlich. Typisch sind
- ständiges Grübeln um die Arbeit,
- innere Unruhe,
- Konzentrationsprobleme
- oder das Gefühl, nie abschalten zu können.
Viele Betroffene zweifeln zunehmend an sich selbst und erleben ihre Arbeit als kaum noch bewältigbar.
Körperlich äußert sich die Angst häufig durch
- Schlafstörungen,
- Herzklopfen,
- Magen-Darm-Beschwerden,
- Muskelverspannungen
- oder schnelle Erschöpfung.
Auch Vermeidungsverhalten ist verbreitet: Aufgaben werden aufgeschoben, Gespräche gemieden oder Krankmeldungen häufen sich. Je länger diese Muster bestehen, desto größer wird die Belastung.
Der Unterschied zur Arbeitsplatzphobie
Von einer Arbeitsplatzphobie spricht man, wenn die Angst eine klinisch relevante Ausprägung erreicht. Das ist der Fall, wenn der persönliche Alltag durch die Ängste zunehmend eingeschränkt wird – beispielsweise wenn allein der Gedanke an den Arbeitsplatz starke Angstreaktionen auslöst oder Betroffene den Arbeitsplatz zunehmend vermeiden, zum Beispiel durch häufige Krankschreibungen.
Häufig sind auch die körperlichen Symptome sehr stark ausgeprägt, bis hin zu Panikattacken. Im Unterschied zu allgemeinem Arbeitsstress ist die Angst hier klar auf den Arbeitsplatz als solchen fokussiert. Die Betroffenen wissen oft, dass ihre Angst übersteigert ist, können sie jedoch nicht kontrollieren. Spätestens dann sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.
Grenzen, Pausen und Jobwechsel: Was Betroffene tun können
Ein Jobwechsel ist nicht automatisch die Lösung. In vielen Fällen bleibt die Angst bestehen, wenn die zugrunde liegenden Muster nicht bearbeitet werden. Wichtig ist zunächst, die eigene Angst ernst zu nehmen und einzuordnen. Kleine Schritte können bereits entlasten: klare Pausen, realistische Erwartungen, offene Gespräche über Arbeitsbelastung oder das Setzen von Grenzen.
Wenn die Ängste an bestimmte Personen wie zum Beispiel Vorgesetzte gebunden ist, oder sogar problematische Verhaltensweisen wie beispielsweise Mobbing im Raum stehen, hilft es auch, sich durch die Personalabteilung Unterstützung zu suchen. Je früher Betroffene gegensteuern, desto besser sind die Chancen, die Situation zu stabilisieren. Wenn die Arbeitsbedingungen jedoch dauerhaft krank machen und sich nicht verändern lassen, kann ein Wechsel sinnvoll sein.
Behandlung: Psychotherapie kann bei dieser Angst helfen
Bei anhaltender arbeitsplatzbezogener Angst oder einer Arbeitsplatzphobie sind psychotherapeutische Verfahren sehr wirksam.
Besonders bewährt haben sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, die helfen, angstauslösende Gedanken zu hinterfragen, wiederkehrende Muster zu erkennen und schrittweise neue Erfahrungen zu machen. Ergänzend können Stressbewältigungsstrategien, Entspannungsverfahren und – je nach individueller Situation – auch eine zeitlich begrenzte medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein.
Wichtig ist eine professionelle Einschätzung und frühzeitige Unterstützung. Die gute Nachricht: Angst ist sehr gut behandelbar, insbesondere dann, wenn sie nicht ignoriert wird.
Fazit: Arbeitsplatzbezogene Ängste sind kein Zeichen von persönlichem Versagen. Wer ihre Ursachen erkennt und rechtzeitig handelt, kann viel Leid vermeiden und wieder mehr Sicherheit im Berufsalltag gewinnen.
Über Eva Elisa Schneider
Dr. Eva Elisa Schneider ist Psychotherapeutin und Expertin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. Sie arbeitet als Speakerin und Trainerin mit internationalen Unternehmen im Bereich Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung zusammen. Zuvor hat sie umfassende Erfahrungen als Führungskraft in einem HealthTech Unternehmen gesammelt und war viele Jahre in der Wissenschaft sowie im Gesundheitswesen tätig. Hier geht es zu ihrer Webseite.