Wer wegen Wegners Tennis-Pause den Rücktritt fordert, sendet ein fatales Signal

Die Empörung ist groß: Der Berliner Bürgermeister Kai Wegner steht unter Beschuss, weil er eine Stunde Tennis gespielt hat – obwohl er dabei nach eigenen Angaben jederzeit erreichbar war. Jetzt machen Rücktrittsforderungen die Runde, als wäre eine kurze sportliche Auszeit ein Beweis für Amtsunfähigkeit. 

Dabei lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Frage, was Führung heute leisten muss – und was nicht.

Die eigentliche Frage: Was wäre ohne Tennis passiert?

Viele Kritiker suggerieren, in der Tennis-Stunde hätte ja Entscheidendes schiefgehen können. War die Lage so zugespitzt, dass wirklich jede Minute die persönliche Präsenz des Bürgermeisters erforderte? 

Wenn dem so wäre, müsste man grundsätzlich hinterfragen, wie belastbar die Strukturen sind. 

Geht ohne Wegner etwa gar nichts? Das wäre ein noch größeres Armutszeugnis

Führung bedeutet schließlich nicht, alles selbst zu tun, sondern Verantwortung zu delegieren – und sich auf eingespielte Teams zu verlassen. 

Würde das heißen, dass in Berlin alles zusammenbricht, wenn Wegner mal eine Stunde nicht im Büro sitzt, wäre das ein noch größeres Armutszeugnis für den Berliner Senat als ohnehin schon.

Wegners Tennis-Auszeit: Prozesse müssen auch ohne permanentes Mikromanagement funktionieren

Interessanterweise stehen die Vorwürfe diametral zu dem, was Managern und Führungskräften seit Jahren geraten wird: Nehmt euch bewusst Auszeiten. Schafft Distanz, um klar zu denken. Baut Organisationen auf, die ohne permanentes Mikromanagement funktionieren. 

  • Veit Etzold

    Bildquelle: Veit Etzold

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Selbst Schmidt und Churchill ruhten sich mal aus

Natürlich gibt es Situationen, in denen Führung so gut wie möglich ununterbrochen gefragt ist. Die Sturmflut 1962, als Helmut Schmidt entschlossen handelte, oder der Angriff Großbritanniens durch Deutschland unter Winston Churchill sind solche Ausnahmen. 

In solchen Momenten muss die „Kommandobrücke“ dauerhaft besetzt sein. Doch auch Schmidt und Churchill ruhten sich sicher mal kurz aus, mit Zigarette oder Zigarre.

Wer jetzt Wegners Rücktritt fordert, sendet ein fatales Signal

Rücktrittsforderungen wegen einer kurzen sportlichen Pause unterstellen ein Maschinenbild von Führung: immer verfügbar, nie müde, niemals abwesend. Das ist unrealistisch – und gefährlich. Entscheidungsfähigkeit entsteht nicht durch Dauerstress, sondern durch Ausgleich. 

Wer nie abschaltet, trifft schlechtere Entscheidungen und verliert langfristig an Wirksamkeit. Und: Würde Kai Wegner sagen, dass er nie Sport treibt, wäre die Kritik auch groß.

Fazit: Der Wegner-Zoff zeigt, wie schwer wir uns mit morderner Führung tun

Die Debatte um Kai Wegner ist mehr als Berliner Tagespolitik. Sie zeigt, wie schwer wir uns noch immer mit moderner Führung tun. Für Unternehmen heißt das: Führungskräfte brauchen Vertrauen, funktionierende Teams und legitime Auszeiten. 

Für Leser und Wähler bedeutet es, Maß zu halten – Kritik am Krisenmanagement ist legitim, die Skandalisierung menschlicher Pausen nicht. Wer Führung ernsthaft verbessern will, sollte nicht Auszeiten bestrafen, sondern Strukturen stärken.

Und niemand ist wirklich so wichtig, dass er 24 Stunden pro Tag ansprechbar sein muss. Die Friedhöfe sind voll mit unersetzlichen Menschen.

Prof. Dr. Veit Etzold ist ein anerkannter Redner, CEO-Coach und Strategieberater mit über 20 Jahren Erfahrung in verschiedenen Branchen. Er lehrt Marketing und Neuromarketing an der Hochschule Aalen. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.