Mit dem US-Schlag gegen Venezuela und der Festnahme von Staatschef Nicolas Maduro ist der Krieg in der Ukraine zumindest vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Dabei wird Wolodymyr Selenskyj mit Sorge die weitere Entwicklung in Südamerika verfolgen. Dem ukrainischen Präsidenten drohen aus Donald Trumps Aktion nämlich massive Nachteile zu erwachsen – aber bei näherer Betrachtung auch ein Vorteil.
Selenskyjs Sorge: Putins Propaganda wird einfacher
Der wichtigste Effekt: Wladimir Putins Propaganda wird einfacher – und für viele Staaten insbesondere des globalen Südens überzeugender. "Der Westen betreibt auch Regimewechsel", kann der russische Präsident sagen. Und: "Souveränität gilt nur, wenn es passt."
Insbesondere China wird dazu nicken und einen Blick auf Taiwan werfen. Denn selbst in westlichen Hauptstädten wird argumentiert, dass die USA internationales Recht verletzt hätten. Bundeskanzler Friedrich Merz zieht sich aktuell zurück hinter die diplomatische Wolke einer "komplexen" Rechtslage. Dass es immerhin einen Unterschied macht, ob man unter Verweis auf angeblichen "Drogen-Terrorismus" einen Diktator stürzt oder ein Nachbarland erobern und annektieren will, wird in einer solchen Debatte schnell undeutlich.
Mutmaßlich dürfte Putin per Fingerzeig auf das US-Vorgehen auch die tendenziell kriegsmüde Bevölkerung Russlands neu motivieren. Moskau hat es verstanden, die Ukraine als Brückenkopf eines aggressiven Westens zu brandmarken, und nun macht Trump deutlich, wie ein solcher Brückenkopf funktionieren könnte.
USA sind auf ihren "Hinterhof" fokussiert – das kann Russland nutzen
Eine weitere Gefahr für Selenskyj: Derzeit sind die USA völlig auf ihren "Hinterhof" Süd- und Mittelamerika fokussiert. Das könnte Putin dazu bewegen, militärische Aktionen in der Ukraine vorzuziehen: Fakten schaffen, solange die USA anderweitig gebunden sind. Verstärkte Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt, weitere zivile Ziele und auf die Stromversorgung ließen sich aktuell aus Washington kaum glaubhaft verurteilen, nachdem man gerade zu ähnlichen Mitteln in Venezuela gegriffen hat.
Allerdings: eine so professionelle Aktion wie die Entführung des Präsidenten dürfte Russland nicht kopieren können. Moskaus Geheimdienstkomplex aus FSB, SWR und GRU gilt als operativ gefährlich, aber strategisch begrenzt. Er ist gut und risikobereit in Desinformation oder Einschüchterung, aber schon wegen technologischer Mängel nicht überzeugend in zielgenauen Missionen.
Ergibt sich aus Venezuela-Schlag auch ein Vorteil für Selenskyj?
Also schlechte Karten für Selenskyj? Tatsächlich ergibt sich für den Präsidenten der Ukraine auch ein Vorteil aus Trumps Venezuela-Schlag: Putin sieht plötzlich, wozu die USA fähig sind – nicht nur militärstrategisch, sondern auch politisch. Putins tiefste Angst besteht ja entgegen seiner Rhetorik nicht in einer Nato-Expansion, sondern in einer unkontrollierten Machtausübung von außen, die Eliten kippen lässt.
Wenn sogar die Ukraine wiederholt tödliche Sprengstoffanschläge auf russische Generäle in Moskau oder Petersburg durchgeführt hat, könnte dann nicht auch die CIA mit noch besserer Technologie russische Militärs und gar Politiker ins Visier nehmen? Zumindest in einer Situation, in der sich Trump von Putin respektlos behandelt sehen würde? In jedem Fall erinnert der Vorgang in Venezuela autoritäre Systeme daran, dass Schutzräume nicht immer zu erreichen und Schutzmächte nicht allmächtig sind.
Erzählung eines Trump-Putins-Deals hält sich
Das bringt auch andere Erzählungen zu Fall. Hartnäckig hält sich die Erzählung, es habe eine Absprache gegeben zwischen Trump und Putin: Ersterer darf in Venezuela machen, wie ihm beliebt, der zweite bekommt dafür freie Hand in der Ukraine. Das gründet sich auf eine Anhörung von Trumps einstiger Russland-Beraterin Fiona Hill im Oktober 2019 vor dem US-Repräsentantenhaus. Im Jahr zuvor, so sagte Hill dort, hätten die Russen signalisiert, "dass sie eine Art seltsames Tauschgeschäft zwischen Venezuela und der Ukraine anstreben wollten".
Wenn die USA auch nur ansatzweise die Monroe-Doktrin von 1823 durchsetzen wollten, nämlich Russland aus dem gesamten amerikanischen Kontinent herauszuhalten, dann müsste Washington auch den russischen Einflussbereich in der Ukraine respektieren: "Diese Botschaft wurde uns auf informellem Wege übermittelt, in der russischen Presse und von verschiedenen Kommentatoren."
Hill, eine hochangesehene Wissenschaftlerin, wurde nach ihrer glaubhaften Darstellung von der US-Regierung beauftragt, "nach Russland zu reisen, um den Russen im Grunde zu sagen, dass sie damit aufhören sollen. Ich erhielt vom Nationalen Sicherheitsrat in Absprache mit dem Außenministerium einen Sonderauftrag, die Russen zu bewegen, das zurückzuziehen". Zu diesem Zeitpunkt hatte Moskau hundert Agenten entsandt, um die venezolanische Regierung vor einer erwarteten US-Militäraktion zu schützen.
Trump schickt ein Signal an Putin
Mit anderen Worten: Der Deal "Venezuela im Tausch gegen die Ukraine" wurde von den Russen angeboten, aber von den USA zurückgewiesen. Aktuell versucht Trump, die besagte Monroe-Doktrin zu revitalisieren. Niemand außer den USA hat etwas zu suchen in Nord-, Mittel- oder Südamerika, in Washingtons Einflusssphäre, ist die klare Ansage insbesondere an Russland und China.
Aus Panama hat Trump chinesische Unternehmen, die im Betrieb der Häfen engagiert waren, bereits herausgedrängt, und der Venezuela-Coup ergänzt diese Idee einer "Donroe-Doktrin". An Putin schickt Trump damit das klare Signal: Nur weil ich in meinem Hinterhof agieren kann wie ich will, hast du noch längst nicht das gleiche Recht in Ost- oder Mitteleuropa.
Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit "The European".