Bei etlichen Regimewechseln der Vergangenheit war es so: Ein honoriger, vom Diktator übervorteilter, demokratischer Oppositionsführer wird interimsweise eingesetzt. Dieser Logik folgend hätte der venezolanische Oppositionspolitiker Edmundo González Urrutia Nachfolger von Nicolás Maduros werden sollen.
Trump setzt auf Maduros mächtigste Frau
So jedenfalls sehen das die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado und auch der französische Präsident Macron. Schließlich hatte Gonzales nach Auffassung der USA und der EU die meisten Stimmen bei der Präsidentenwahl 2024 erhalten, war aber von Maduro ausgebootet worden.
Überraschend setzt Donald Trump jetzt nicht auf Gonzales, sondern offenbar ausgerechnet auf eine Frau, die dem abgesetzten Diktator Nicolás Maduro – abgesehen von dessen Ehefrau – am nächsten steht: die 56-jährige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez. Dabei ist sie selbst vom US-Finanzministerium seit Jahren mit Sanktionen belegt, weil sie zum "Inner Circle" des Maduro-Regimes zähle.
Trump und Rodríguez: Zwei Botschaften, die nicht zusammenpassen
Nach der Verhaftung von Maduro wurde Rodríguez vom Obersten Gerichtshof Venezuelas kurzerhand zur Interimspräsidentin erklärt und von Trump freudig mit einem Statement begrüßt: "Sie ist grundsätzlich willens, all das zu tun, was in unseren Augen notwendig ist, Venezuela wieder groß zu machen", sagte Trump laut "New York Times".
Kaum zwei Stunden später fährt die von Trump gelobte Politikerin dem US-Präsidenten höchst offiziell in die Parade. Die USA seien "illegale Invasoren": "Wir sind dazu bestimmt, frei zu sein und das, was sie Venezuela angetan haben, ist eine Barbarei." Damit machte sie Trumps seltsamer Charmeoffensive den Garaus.
Die Botschaften von Trump und von Rodríguez passen also keineswegs zusammen. Oder hat sich Trump womöglich schon jetzt verzockt? Glaubt man Anja Dargatz, Leiterin der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas, greift die alleinige Festnahme Maduros zu kurz. In der ARD sagte sie: "Schon seit Jahren regiert da eine Gruppe – von Regierungsmitgliedern als auch Parlamentsmitgliedern, die sowohl die Politik als auch die Armee als auch die Polizeikräfte kontrollieren. Und nur den Kopf davon auszutauschen, ändert an dieser Struktur gar nichts."
Rodríguez hat eine sozialistische Bilderbuchkarriere hinter sich
Tatsächlich hat Rodríguez eine sozialistische Bilderbuchkarriere hinter sich, die mit dem Mindset eines Donald Trumps so gut wie nichts gemein haben dürfte.
Die Marxistin und Juristin wurde von Nicolás Maduro zunächst zur Kommunikationsministerin und später zur Außenministerin gemacht, bevor sie ganz nach oben rückte: als Vizepräsidentin und Präsidentin der "Volksversammlung" – eines Scheinparlaments.
Trump dürfte entsprechend gar nicht gefallen, was Rodríguez kurz nach seiner eigenen Rede behauptete: Die USA hätten nur ein Ziel verfolgt – einen Regimewechsel. Und zwar einen aus vorgeschobenen, niedrigen Beweggründen: "Dieser Regimewechsel würde auch die Beschlagnahmung unserer Energie-, Mineral- und Naturressourcen ermöglichen. Das ist das wahre Ziel, und die Welt und die internationale Gemeinschaft müssen das wissen", so Rodríguez. Das ist reiner Maduro-Sprech.
Und es klingt nach genau dem Gegenteil der üblichen Trumpschen Vorstellungen von einem Deal. Den hatte Trump bei seiner Pressekonferenz wie üblich mit einer Drohung garniert: Die venezolanischen Führer müssten den Vereinigten Staaten gehorchen, sonst würde es ihnen schlecht ergehen.
Trumps Drohung scheint Venezuelas Führung nicht zu beeindrucken
Und: "Alle politischen und militärischen Persönlichkeiten müssen sich bewusst sein, dass ihnen dasselbe passieren kann wie Maduro", so Trump in seiner Pressekonferenz. Seine Drohung scheint allerdings eben jene Führung in Caracas nicht sonderlich beeindruckt zu haben.
Denn Rodríguez hielt ihre Rede kurz darauf im Rahmen des sogenannten "Nationalen Verteidigungsrates" – im Beisein des Verteidigungsministers und Generalstaatsanwalts. Alle drei kritisierten bei der Gelegenheit scharf die US-Militäraktion.
Ein echter Regimewechsel sieht anders aus
Während das venezolanische Staatsfernsehen sie artig als "Vizepräsidentin" untertitelte, sagte sie, dass Maduro der "einzige Präsident" Venezuelas sei.
Ein echter Regimewechsel mit darauffolgenden freien Wahlen sieht anders aus. So steht für Venezuela zu befürchten, dass Trump seine Drohungen einer zweiten, weit gravierenderen, Angriffswelle demnächst wahrmachen wird.