Steckte die Stasi dahinter? Katrin (13) wollte zur Schule, dann verschwand sie

Im Januar 1989 sahen ihre Angehörigen sie zum letzten Mal. Seitdem fehlt von der 13-jährigen Katrin Jarosch jede Spur. Axel Petermann will herausfinden, was mit dem Mädchen passiert ist.

Er leitete jahrelang die 1. Mordkommission in Bremen und gilt inzwischen als einer der bekanntesten deutschen Kriminalisten und Fallanalytiker. Heute, mit 72, ist Petermann pensioniert und hat einige Bücher geschrieben. Ungelöste Kriminalfälle beschäftigen ihn nach wie vor.

Katrin Jarosch kam nie in der Schule an

Bei einer Lesung lernte er Katrin Jaroschs Vater kennen, sagt der Kriminalist im Gespräch mit FOCUS online. "Er sprach mich in der Pause an und fragte, ob ich mir den Fall seiner Tochter anschauen könnte." Petermann entschied sich dafür. "Es ist eine spannende Geschichte", sagt er. "Das Mädchen verschwand zu DDR-Zeiten."

Über den letzten Tag, an dem Katrin Jarosch lebend gesehen wurde, sind einige Details bekannt. Das Mädchen lebte auf dem Hof seiner Großmutter in der Gemeinde Karbow im Osten des Landkreises Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. 

Am 21. Januar 1989 wollte die 13-Jährige mit dem Fahrrad zur Schule fahren, heißt es in mehreren Medienberichten. Geplant war demnach, erst ihre Großcousine Sabrina abzuholen und dann gemeinsam weiterzufahren. Doch Katrin kam nie bei ihr an. Dabei wohnte Sabrina nur wenige Meter entfernt. Auch in der Schule tauchte Katrin nicht auf.

"Es war eine heile Welt", sagt Petermann

"Es war eine heile Welt, die plötzlich durch das Verschwinden eines Mädchens erschüttert wurde", sagt Petermann. "Karbow hatte nur ein paar hundert Einwohner. Es war ein winziger Ort, in dem sich die Leute kannten."

Die Häuser, in denen Katrin und ihre Familienmitglieder wohnten, standen Petermann zufolge etwa einen Kilometer vom Ortskern entfernt. Heute sieht der Hof, auf dem die 13-Jährige lebte, aus wie ein Geisterhaus. Bilder zeigen ein heruntergekommenes Backsteinhaus mit teils zerbrochenen Fenstern und schmutzigem Fachwerk.

Die Gemeinde Karbow-Vietlübbe mit den Ortsteilen Hof Karbow, Karbow, Vietlübbe sowie Sandkrug gibt es in der damaligen Form nicht mehr. Sie ging im Januar 2014 in der neu gebildeten Gemeinde Gehlsbach auf.

Als klar war, dass Katrin nicht bei Sabrina und auch nicht in der Schule angekommen war, starteten DDR-Beamte eine Suchaktion. "Im Rahmen der damaligen Maßnahmen konnten unter anderem das Fahrrad sowie weitere persönliche Gegenstände der Vermissten gefunden werden", teilt Jonas Krüger, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Schwerin, auf FOCUS-online-Nachfrage mit. 

Eine Nachbarin erinnerte sich im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung daran, wie Suchtrupps die Umgebung durchkämmten, Meter für Meter. "Aber leider wurde das Mädchen nicht gefunden", so die Frau. Sie sei immer noch traurig darüber.

Fall Katrin Jarosch: Es gibt keine Leiche

Alle zur Verfügung stehenden Beweismittel seien auf "Ermittlungsansätze zum Verbleib der 13-Jähringen hin untersucht" worden, sagt Krüger. Bis heute hat sich aber, so der Staatsanwalt, kein Hinweis darauf ergeben, wo sich Katrin aufhalten könnte. Es gibt auch keine Leiche.

Krüger sagt: "Erfolgsversprechende Ermittlungsansätze auf eine Person, die für das Verschwinden verantwortlich sein könnte, liegen ebenfalls nicht vor." Sein Fazit fällt ernüchternd aus. Momentan sei eine Klärung des Sachverhalts unwahrscheinlich.

Katrins Vater will das nicht so hinnehmen. Deswegen hat er Petermann um Hilfe gebeten. Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Tochter quält ihn seit Jahrzehnten. Der "Bild"-Zeitung sagte Reinhardt Jarosch 2024: "Ein unfassbarer Schmerz, nicht zu wissen, was passiert ist. Ich finde keine Ruhe, will Gerechtigkeit!" 

Journalisten des Boulevard-Blattes begleiteten ihn und Petermann bei einer Aktion der Freiwilligen Feuerwehr. Deren Mitglieder pumpten einen Teich ab, in dem Katrins Leiche vermutet wurde. Allerdings ohne Erfolg. Sie fanden keine menschlichen Knochen oder ähnliches.

Petermann: "Katrins Vater gibt nicht auf"

"Mich beeindruckt das Engagement des Vaters. Es ist ein paar Wochen her, da haben wir telefoniert. Er gibt nicht auf. Er will bis zu seinem Lebensende noch etwas über das Schicksal seiner Tochter erfahren", sagt Petermann. Und auch die Menschen vor Ort erlebt er als tatkräftig. Sie hätten immerhin geholfen, den Teich abzupumpen.

Mecklenburg-Vorpommern
Symbolbild: Aus einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern verschwand 1989 die 13-jährige Katrin Jarosch. Imago

"Wir hatten auch mal eine private Hundestaffel aus dem Saarland da, das waren auf Leichen spezialisierte Hunde. Ich habe so eine Einsatzbereitschaft selten erlebt", sagt der Fallanalytiker. Petermann glaubt, dahinter verbergen sich zwei Motive. Zum einen, dem Vater dabei zu helfen, Gewissheit über den Verbleib seiner Tochter zu erlangen.

Zum anderen die Angst, dass der Täter einer von ihnen ist - "auch, wenn viele Katrin nicht mehr kennen." In der Gemeinde hält sich außerdem ein hartnäckiges Gerücht um das Verschwinden der 13-Jährigen. 

Im Ort kursiert ein düsteres Stasi-Gerücht

Konkret soll die Stasi damals einen geheimen Stützpunkt in Karbow betrieben haben. "Womöglich hat Katrin etwas mitbekommen, das sie nicht hätte mitbekommen sollen, munkeln frühere Bewohner", sagt Petermann. Allerdings hält er die Vermutung, die Stasi könnte sie entführt und in ein Heim gesteckt haben, für unrealistisch. 

Denn wie hätte eine Jugendliche dem DDR-Überwachungsapparat gefährlich werden können? Das ist die eine Frage. Die andere: "Warum sollte sie sich, wenn sie noch am Leben ist, nicht bei ihren Angehörigen melden? Die DDR gibt es nicht mehr", so der Kriminalist. 

Eine weitere Theorie besagt, dass jemand Katrin getötet und ihre Leiche versteckt hat. Für Petermann wäre - sollte es so gewesen sein - ein Täter aus dem nächsten Umfeld am wahrscheinlichsten.

"Ich frage mich, was die Großmutter von ihrer Routine abhielt"

Er hält einige Abläufe am Tag, an dem die 13-Jährige verschwand, für merkwürdig. Es sei eiskalt und dunkel draußen gewesen, sagt Petermann, und die Großmutter hätte ihrer Enkelin nicht wie sonst beim Heraustragen des Fahrrads aus dem Haus mit der Taschenlampe den Weg geleuchtet.

"Ausgerechnet an diesem Tag schaut die Oma nicht aus dem Fenster und sieht, wie Katrin und ihre Cousine zusammen wegfahren. Das hat sie sonst immer gemacht", so der Fallanalytiker. Natürlich kann das Zufall gewesen sein. "Am Ende frage ich mich einfach, was die Großmutter von ihrer Routine abgehalten hat."

Die Staatsanwaltschaft Schwerin möchte die verschiedenen Theorien, die sich um das Verschwinden der 13-Jährigen ranken, auf FOCUS-online-Nachfrage nicht kommentieren. 

Die meisten vermissten Kinder tauchen wieder auf

Fest steht: Der Fall Katrin Jarosch ist tragisch. Denn die meisten Kinder, die in Deutschland verschwinden, tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) werden hierzulande jährlich im Schnitt 15.800 Kinder als vermisst gemeldet.

Der Anteil der Kinder, die wie Katrin länger als ein Jahr verschwunden sind, macht demnach nur drei Prozent aus. Petermann gibt die Hoffnung dennoch nicht auf. Er ist optimistisch, dass der Fall der vermissten 13-Jährigen noch aufgeklärt werden kann. "Deswegen haben wir auch die ganzen Aktionen vor Ort gestartet", sagt er.

Natürlich weiß der erfahrene Kriminalist, dass der Täter - sollte Katrin einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen sein - womöglich nicht mehr lebt. Doch so schlimm es wäre, zu erfahren, dass Katrin ermordet wurde: Ihr Vater hätte Gewissheit über das Schicksal seiner Tochter. 

Neues Buch

  • Amazon

    Bildquelle: Amazon

    Die Psyche des Bösen - das neue Buch von Axel Petermann (Anzeige)

    Die Psyche des Bösen: Im Kopf der Mörder – ein Profiler ermittelt (True Crime)

    Hier bei Amazon vorbestellen