Am Computer und mit GPS-Technik simuliert, auf der Wiese umgesetzt: Mit einer beeindruckenden Choreografie verliehen Landwirte aus der Region am Sonntagabend ihrem Ärger Ausdruck. Kreisbauer und Kreisbäuerin hoffen, dass die Proteste friedlich bleiben, zugleich aber auch die gewünschte Wirkung zeigen.
Erling – „Es reicht!“: Die so einfache wie klare Botschaft der Bauern an die Bundesregierung war am Sonntagabend auf der Wiese neben dem Feuerwehrhaus in Erling zu lesen. Aber nur aus der Luft. Rund 300 leuchtende und blinkende Traktoren bildeten den Schriftzug, ein Buchstabe alleine 25 Meter hoch, die komplette Choreografie breitete sich auf 1,5 Hektar aus. Der Clou: Auf ein Hupsignal erschien die überdimensionale Verärgerung im Schnee. Drohnen-Videos des Spektakels kursierten in zahlreichen Whatsapp-Status und Instagram-Kanälen. Weitere Motivation für die Landwirte im Landkreis, die vorerst keine weitere Aktion geplant haben – aber dranbleiben wollen, bis die Ampel-Koalition auch die schrittweise Abschaffung der Agrardiesel-Hilfe wieder zurücknimmt.
Die Idee für die kurzfristig anberaumte Aktion in Sichtweite des Andechser Klosters hatte Michael Ludwig aus Meiling. Max Stürzer, Präzisionsackerbauer vom Gut Schwaige bei Starnberg, erwies sich dann als idealer Mann, um zum Gelingen beizutragen. „Als alle relativ simultan die Lichter anschalteten, war ich fast ein bisschen baff“, sagt er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Mit seinem modernen Schlepper war er die Fläche vorher abgefahren und hatte per GPS-Tracker die Umrisse aufgezeichnet. Die Größenverhältnisse übertrug er in seinen Computer, um dort „wie ein Grafikdesigner ein bisschen rumzuspielen“. Die Skalierung der Choreo schickte Stürzer dann wieder in seinen Traktor, der die Buchstaben automatisiert in den Erlinger Schnee pflügte. Nach und nach und zentimetergenau nahmen die schweren Fahrzeuge, koordiniert von Einweisern, ihre Plätze ein – damit die Buchstaben-Spuren erkennbar blieben. Der Vorgang dauerte etwa eineinhalb Stunden. Laut Kreisbauer Georg Holzer hätten etwa 85 Traktoren für das „Es reicht!“ genügt. Weil aber rund 300 aufkreuzten (auch aus Nachbarlandkreisen), unterstrichen die Bauern ihre Forderung. Doppelt. Und sie setzten dem Schriftzug noch einen Halbkreis oben drauf. „Wir haben immer wieder den Parkplatz geleert, aber ich hatte das Gefühl, die Bulldogs stehen auf der Landstraße bis Landstetten“, sagt Mitorganisator Stürzer zur großen Resonanz.
Zwischen noch viel mehr als den 500 Menschen in ihrer Heimat Erling stand Kreisbäuerin Sonja Frey am Montag bei der Demonstration am Brandenburger Tor in Berlin. „Die Politik muss sich jetzt ernsthaft mit uns an den Tisch setzen“, betont sie am Telefon. „Und ich hoffe, dass wir den Atem haben weiterzumachen. Das war schon wahnsinnig viel Arbeit zuletzt.“ Wie Holzer bestätigt sie, dass der Kreisverband aktuell keine weiteren Protest-Pläne habe. Es gelte nun abzuwarten, ob die Ampel-Regierung einlenke. Frey räumt ein: „Ich habe etwas Angst vor dem, was noch kommen kann.“ Gegen Straßenblockaden oder ähnliches spricht sie sich aber nicht aus. Vielleicht müsse man ja mal zeigen, „wo das Essen herkommt“, sagt sie. Grundsätzlich sollten die Bauern-Demos aber die Bürger abholen.
Das ist das oberste Credo von Kreisbauer Georg Holzer aus Diemendorf. „Die, die das Land am laufen halten und täglich in die Arbeit fahren, dürfen wir nicht verlieren“, sagt er mit Verweis auf mögliche Blockaden. „Ich werde als Kreisvorsitzender des Bauernverbands nicht zu so etwas aufrufen.“ Ein paar Verkehrsbehinderungen ließen sich nicht vermeiden im Rahmen des Protests: „Der Mitbürger macht das schon mal mit. Aber wir können jetzt nicht ständig auf Kreisverkehren herumfahren.“
Während der Es-reicht!-Aktion musste die Erlinger Feuerwehr übrigens zu einem Einsatz ausrücken. Die Bauern standen nicht im Weg. „Das hat super funktioniert, darauf bin ich stolz“, sagt Holzer. Auch Kommandant Josef Pfänder lobt die Organisatoren. Holzer war am Montag noch immer beseelt von der Atmosphäre und vom Zusammenhalt der Landwirte am Sonntagabend: „Es war überwältigend.“
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