„Kacke am Dampfen“: Polizeigewerkschafter warnt vor Sicherheits-Kollaps – weil immer mehr Beamte krank sind

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Die psychische Belastung von Polizeikräften steigt, heißt es aus der Polizeigewerkschaft. GdP-Vorstand Hagen Husgen hat eine klare Forderung an die Bundesregierung.

Überstunden, hohe Arbeitsverdichtung, Zeitdruck – und emotionale Extremsituationen: Die psychische Belastung von Polizistinnen und Polizisten ist im Vergleich mit anderen Berufen besonders hoch, wie eine Auswertung des „Index Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes durch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigt, die dieser Redaktion exklusiv vorliegt. Hagen Husgen vom GdP-Bundesvorstand sagt: Der Krankenstand steige deshalb merklich an – der Gewerkschafter spricht von einem „Teufelskreis“.

Bundeskanzler Friedrich Merz sagte neulich, die Deutschen würden sich zu oft krankschreiben lassen. Wie fanden Sie das, Herr Husgen?

Ich fand das völlig daneben. Schwarze Schafe gibt es natürlich überall, und manche nutzen vielleicht die telefonische Krankschreibung aus. Aber für sehr viele Menschen war das ein Schlag ins Gesicht. Auch gerade für sehr viele Polizistinnen und Polizisten. Die Kollegen sind engagiert und haben so viele neue Aufgaben, die haben gar keine Zeit, krank zu spielen. Weil sie viel unterwegs sind, sind sie Krankheitserregern besonders ausgesetzt. Und wenn Polizisten mit Influenza in die Dienststelle kommen und auch noch alle anderen anstecken, dann bricht das System ja völlig zusammen. Wer krank ist, soll sich zu Hause ins Bett legen und erst mal gesund werden. 

Hagen Husgen
Polizeihauptkommissar Hagen Husgen ist seit 1987 bei der Polizei. Seit 2010 ist er Mitglief im Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei und kümmert sich dort u.a. um das Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz. © Müller-Stauffenberg/imago

Der Krankenstand bei der Polizei ist in den letzten Jahren insgesamt gestiegen. Woran liegt’s? 

Diese Entwicklung sehen wir seit gut zehn Jahren. Allein bei uns in Sachsen sind bei den Beamten bis 50 Jahre die Krankentage in dieser Zeit von 20 auf 22 gestiegen. Und bei den über 50-Jährigen sogar von 38 auf 50 Tage. Weil viele Polizistinnen und Polizisten ständig an ihre Belastungsgrenze gehen, steigt auch die Zahl der Langzeitkranken, die länger als zwölf Wochen ausfallen, immer weiter. Und daraus entsteht ein Teufelskreis. 

Inwiefern? 

Andere Kollegen müssen das ausgleichen. Das führt zu noch mehr Überstunden und Überlastung – und am Ende zu Krankheiten. Das ist ein Rattenschwanz ohne Ende. Und es geht nicht nur um körperliche Erkrankungen, sondern vor allem um Folgen psychischer Belastung. Wir nähern uns dem Punkt, an dem die noch gesunden Beschäftigten das Fehlen der Erkrankten nicht mehr auffangen können. Beispiel Sachsen: Wir haben über 12.000 Polizeibeamte, davon sind am Tag durchschnittlich 1.000 krank. Das ist eine enorme Zahl. Und die Gesunden müssen deren Aufgaben irgendwie noch mit übernehmen. 

Sie sprachen die psychische Belastung an. Ist die für Polizistinnen und Polizisten größer geworden? 

Ja. Polizisten müssen oft dahin, wo es wehtut. Das ist nicht immer angenehm. Zusätzlich sehen wir, dass der Respekt gegenüber Einsatzkräften sinkt. Immer öfter gibt es Übergriffe gegen Polizisten. „Die Kollegen werden bespuckt, beleidigt, körperlich attackiert. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Für viele ist es auch ein Problem, dass sie im Berufsalltag ständig ihre Gefühle unterdrücken müssen. Im Einsatz müssen sie sich beherrschen. Manche fressen das in sich hinein, Polizistinnen und Polizisten sind ja auch nur Menschen. Und ein anderes Problem, das immer größer wird: Viele leiden an oft völlig widersprüchlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden. 

Was bedeutet das? 

Es gibt immer neue Aufgaben, die oft dem widersprechen, was die Polizisten eigentlich für den Zweck ihrer Arbeit halten. Plötzlich sollen Grenzen gesichert werden und die Beamten müssen dann dahin. Die Polizei ist getrieben von immer neuen politischen Vorgaben, von der Bundesregierung, vom Innenminister. Und viele sagen dann: „Ich kann gar nicht mehr das machen, was meine originäre Aufgabe ist.“ Das macht einen auf Dauer kaputt. 

Was wäre ihre Forderung an die Bundesregierung? 

Eine klare Linie. Und wenn die Polizei immer mehr Aufgaben übernehmen soll, brauchen wir mehr Personal. So ist es nicht zu schaffen. 

Wie viele neue Polizisten braucht Deutschland denn aus Ihrer Sicht?

Mindestens 20.000, um die derzeitigen Aufgaben zufriedenstellend erfüllen zu können, und ohne, dass noch mehr Einsatzkräfte krank werden. Aber das Gegenteil ist der Fall, es wird ja sogar gekürzt. In Sachsen etwa gibt es eine Organisationsstrukturuntersuchung und es wird überlegt, das Personal im öffentlichen Dienst um zwischen 6.000 und 11.000 Stellen abzubauen. Das beträfe auch die Polizei. Und das ist ein Unding. 

Werden die psychische Belastung und der steigende Krankenstand bei der Polizei zum Sicherheitsproblem für alle?

Klares Ja. Natürlich ist das so. Die innere Sicherheit gehört zu den wichtigsten Aspekten für das Funktionieren unseres Staates. Wenn wir die innere Sicherheit nicht mehr gewährleisten können, weil immer mehr Polizisten in den Burnout schlittern, dann haben wir ein Problem. Die Bundesregierung hat ein schönes Sondervermögen für die Bundeswehr. Es gibt Geld für die Wirtschaft, für die Infrastruktur. Alles wichtig. Aber warum nicht auch für die innere Sicherheit? Das wird stiefmütterlich behandelt. Was die innere Sicherheit in Deutschland betrifft, ist die Kacke am Dampfen. Aber so richtig. Deutschland ist ein sicheres Land. Aber wenn die Politik jetzt nicht handelt, wird es bergab gehen. 

Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/politik/polizist-warnt-vor-sicherheits-kollaps-wegen-hohem-krankenstand-zr-94162892.html