„Von historischer Bedeutung“ nennt Dänemark seinen Schritt, Putin die Stirn zu bieten durch ein bilaterales Joint Venture – ein Modell für die Nato?
Kopenhagen – „Es ist eine Hilfe für den Kampf der Ukraine um Sicherheit, ihre eigene Unabhängigkeit und nicht zuletzt für ihre Chance, in Frieden zu leben“, sagt Troels Lund Poulsen – den dänischen Verteidigungsminister zitiert Reuters, nachdem der kleine Nato-Partner jetzt für großen Schub sorgen will im Kampf gegen Wladimir Putins Invasionsarmee. In Dänemark werde der Flamingo Beine gemacht, so die Nachrichtenagentur über eine Mitteilung der dänischen Regierung, die den Ukraine-Krieg mächtig befeuern wird.
Putin zürnt: Russland sieht Dänemarks Schritt als Frontalangriff auf seine Integrität
Das ukrainische Rüstungsunternehmen Fire Point werde in Dänemark mit der Produktion von Treibstoff für die neuen Langstreckenraketen beginnen, hat Dänemarks Regierung wissen lassen: „Die Treibstoffproduktion wird in der Nähe des dänischen Luftwaffenstützpunkts Skydstrup erfolgen, wo die F-16-Kampfjetflotte des nordischen Landes stationiert ist“, schreibt Reuters und weist darauf hin, dass Dänemark damit erneut beweise, zu den unerschütterlichsten Unterstützern der Verteidiger gegen Wladimir Putins aggressiven Expansionismus zu gehören.
Laut dem öffentlich-rechtlichen dänischen Sender DR starte die Produktion am 1. Dezember 2025; von diesem Zeitpunkt an war auch der Beginn der Serienfertigung in Aussicht gestellt worden. Hergestellt werde der für den Start der Rakete nötige Festbrennstoff. Laut dem Magazin Militarnyj verwende der von Lkw gestartete Marschflugkörper in einer späteren Flugphase anderen Treibstoff.
Russland sieht Dänemarks Schritt als Frontalangriff auf seine Integrität, wie Reuters eine Sprecherin von Wladimir Putins Außenministeriums zitiert. „Es birgt das Risiko einer weiteren Eskalation und zeigt Dänemarks Wunsch, sich durch die Fortsetzung des Blutvergießens in der Ukraine zu bereichern“, sagte Maria Sacharowa im Rahmen einer Pressekonferenz.
Ihr zufolge konterkariere Kopenhagen mit dieser Form der Feindseligkeit jegliche Bemühungen, die, wie sie sich ausdrückte, „Krise“ in der Ukraine politisch beziehungsweise diplomatisch zu lösen, wie sie die Nachrichtenagentur wiedergibt. András Rácz allerdings hält den Schritt der Dänen für taktisch geschickt: Durch die Entschlossenheit einzelner Nato-Staaten würde die Effektivität der Gesamtorganisation enorm gestärkt.
Affront für Russland: Einladung in den Westen, „um dort unter friedlicheren Bedingungen zu produzieren“
In seinen Ausführungen für den Thinktank „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP) lobt er das Vermeiden konzertierter Aktionen des gesamten Verbundes, weil das Bündnis damit ein Veto, wie er sagt, „unwilliger“ Partner, vermeidet – dem von Ungarn beispielsweise.
„Die tschechische Regierung hat bereits angekündigt, sich weiterhin auf die Beschaffung von Artilleriemunition für die Ukraine zu konzentrieren – eine Aufgabe, bei der sie in den letzten zwei Jahren große Erfolge erzielt hat“, so Rácz. Dänemark verspreche sich durch sein Handeln allerdings auch Effekte für die eigene Kriegstüchtigkeit, wie die dänische Zeitung Berlingske unter Bezug auf Äußerungen des dänischen Außenministers berichtet: Der Plan der Regierung sehe vor, dass die Ukrainer irgendwann in der Lage sein werden, die dänische Verteidigung mit Ausrüstung zu beliefern.
Laut Berlingske sei die Kooperation mit Fire Point überdies gedacht als Initialzündung beziehungsweise „Einladung“, so das Blatt, an andere ukrainische Unternehmen „nach Dänemark und in andere westliche Länder, um dort unter friedlicheren Bedingungen zu produzieren“, so Berlingske wörtlich.
„Wir zeigen einmal mehr, dass man auch als kleines Land einen wichtigen Schritt in Bezug auf Dinge machen kann, die von historischer Bedeutung sein können.“
Die Regierung rechne allerdings auch mit Gegenwind aus dem Osten, so Troels Lund Poulsen. Während der Pressekonferenz wollte der Verteidigungsminister zwar ausschließen, dass Russland dieses bilaterale Joint Venture verführte zu einem Akt, der Artikel 5 des Nato-Beistandspakts berühre; allerdings schätze Dänemark die Gefahren durch Spionage oder Sabotage hoch ein und wolle sich entsprechend wappnen beziehungsweise auch die Bedenken der Bevölkerung zerstreuen.
Flamingo ist der jüngste in Eigenregie entwickelte Langstrecken-Marschflugkörper, dem eine Reichweite von 3.000 Kilometern zugeschrieben wird – ein Vielfaches des deutschen Taurus. Das wäre dann mindestens die dritte schwere Luft-Boden beziehungsweise Boden-Boden-Waffe aus ukrainischer Produktion neben der Palyanitsya-Raketendrohne und dem Neptune-Marschflugkörper. „Heute stammen Schätzungen zufolge 30 bis 40 Prozent der Waffen, die unsere Truppen an der Front einsetzen, aus der Ukraine“, sagte Oleksandr Kamyschin gegenüber Kyiv Independent.
Der Industrielle aus dem Kreis um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wollte mit dieser Aussage auch über den aktuellen Frontverlauf hinausblicken: „Ich bin zuversichtlich, dass wir nach unserem Sieg ukrainische Waffen in die ganze Welt exportieren werden.“
Selenskyj hoffnungsvoll über Flamingo: „Es ist derzeit unsere erfolgreichste Rakete“
Das hieße, dass mit der Flamingo auch dem deutschen Taurus-Marschflugkörper Konkurrenz für einen kommenden Waffengang der Nato gegen Russland erwachsen könnte. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte eine Lieferung dieser Luft-Boden-Langstreckenbombe an die Ukraine immerhin für möglich gehalten – und damit das konsequente Nein des vorherigen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) aufgeweicht.
Die Flamingo macht jetzt möglicherweise den bisher als „Gamechanger“ herbeigesehnten Taurus überflüssig. „Es ist derzeit unsere erfolgreichste Rakete“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Rede, woraus Newsweek zitiert. Obwohl bisher keine belastbaren Ergebnisse vorliegen, kann die Ukraine damit das russische Hinterland angreifen, ohne sich von ihren westlichen Verbündeten in ihre Taktik hineinreden lassen zu müssen.
„Mit einer angegebenen Reichweite von 3.000 Kilometern, einem 1.150 Kilogramm schweren Sprengkopf und einem maximalen Startgewicht von 6.000 Kilogramm gehört die Flamingo zu den weltweit größten und reichweitenstärksten bodengestützten Marschflugkörpersystemen“, schreibt Fabian Hinz.
Der Analyst des US-Thinktanks „International Institute for Strategic Studies“ (IISS) hebt in seiner Analyse hervor, dass die Waffe trotz ihrer hervorstechenden Leistungsparameter als kostengünstige Lösung konzipiert worden sei und wiederverwendete Komponenten nutze – beispielsweise Flugzeugtriebwerke anstatt einer eigenen Triebwerksentwicklung. Anscheinend geht die Ukraine damit einen entgegengesetzten Weg zu westlichen Rüstungsprodukten – und das möglicherweise mit einem durchschlagenden Erfolg. Damit aber nicht genug, offenbar will die Ukraine so schnell wie möglich den Himmel mit ihrer neuen Waffe bevölkern.
Ukraine in Eile: Flamingo-Schmiede „plant, die tägliche Produktion bis Oktober auf sieben zu erhöhen“
„Fire Point gibt an, derzeit eine Kapazität von bis zu einer Rakete pro Tag zu haben und plant, die tägliche Produktion bis Oktober auf sieben zu erhöhen“, schreibt Hinz über den Prozess der Vorserien- beziehungsweise Serienproduktion. Der Analyst sieht in der Waffe einen Entwicklungsschritt von kleinen und günstigen Kamikazedrohnen hin zu solchen mit größerer Reichweite und größerer Sprengkraft, die letztendlich den hochpräzisen und damit teuren Marschflugkörpern westlicher Rüstungsdoktrin den Rang ablaufen könnten. Laut Hinz ist das Schwert allerdings zweischneidig: Flamingo könnte Marschflugkörper „demokratisieren“ – Preis wie Produktion ermöglichten auch Terrorgruppen den Zugang zu einer Waffe mit enormem Zerstörungspotenzial.
Zudem würde der Ukraine-Krieg das Feuer der ukrainischen Rüstungsproduktion derart schüren, dass sich Vitaliy Goncharuk vor dem Ende des Krieges beinahe fürchtet: Für den US-Thinktank „Atlantic Council“ hat er Mitte des Jahres gefragt, wohin mit den Rüstungsbauern und dem immensen Waffenarsenal, wenn die Waffen in ihrer Heimat schwiegen? Bildete beides die Saat für einen neuen Krieg irgendwo anders auf der Welt? Goncharuk erinnert an die latenten Vorwürfe von Korruption in der ukrainischen Wirtschaft – ein Vorwurf, der übrigens auch dem Flamingo-Bauer Fire Point anhafte, wie die dänische Zeitung Berlingske vermerkt. Für Vitaliy Goncharuk erscheint die Lösung einfach – das, was Dänemark jetzt initiiert, hatte dem Analysten auch vorgeschwebt.
Die möglicherweise künftigen Überschüsse der ukrainischen Rüstungsproduktion sollten der westlichen Verteidigungsallianz zufließen, wenn die NATO ihre Märkte öffnete und dem Land helfe, dessen Know-how in NATO-Standards zu transponieren, was Goncharuk angeregt hat. Wie ihn Berlingske zitiert, scheint Dänemarks Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen so etwas im Sinn zu haben: „Wir zeigen einmal mehr, dass man auch als kleines Land einen wichtigen Schritt in Bezug auf Dinge machen kann, die von historischer Bedeutung sein können.“ (Quellen: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, International Institute for Strategic Studies, Atlantic Council, Reuters, Berlingske, DR, Militarnyj, Newsweek, Kyiv Independent) (hz)