Gas-Bohrung in Reichling: Drohen jetzt Enteignungen für den Leitungsbau?

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Groß war der Protest gegen die Gas-Probebohrungen in Reichling: Jetzt wird das Ergebnis abgewartet, und © dpa

Die Gasförderung in Reichling könnte Enteignungen nach sich ziehen. Denn niemand will Flächen für eine Pipeline freiwillig hergeben.

Reichling – In der wegen der Suche nach Erdgas bundesweit bekannt gewordenen Gemeinde Reichling wächst die Sorge vor möglichen Enteignungen. „Wenn die das durchziehen, wird es Enteignungen geben. Deshalb wächst hier schon mit jedem Tag die Sorge vor dem, was uns jetzt erwartet“, fasst Claudia Danner von der Bürgerinitiative Reichling-Ludenhausen die Stimmungslage zusammen.

Um die Gemengelage verstehen zu können, muss man Folgendes wissen: Zwar ist der etwa 40 Meter hohe, rot-weiße Bohrturm schon seit Monaten wieder verschwunden. Für die dahinterstehende „Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH“ gilt dies aber keineswegs. Derzeit wird in einem Labor analysiert, ob sich wirklich wie vermutet in rund 3400 Metern Tiefe unter der Gemeinde nennenswerte Mengen an förderfähigem Erdgas befinden. Das Ergebnis könnte im ersten Quartal des neuen Jahres veröffentlicht werden. Sollte dem so sein, wird in Reichling so schnell keine Ruhe einkehren. Im Gegenteil.

Wohin mit dem Gas?

Das Unternehmen, das im Besitz der MRH Mineralöl-Rohstoff-Handel GmbH und von der Genexco GmbH ist, plant nach eigenen Angaben eine Förderung von Erdgas über zehn bis 15 Jahre. Es wird nach den ersten Untersuchungen eine Gasmenge von 400 bis 500 Millionen Kubikmetern vermutet, diese könnte den Bedarf von 10 000 bis 15 000 Haushalten decken.

Und genau hier gibt es noch immer ein ungelöstes Problem mit einem großen Konfliktpotenzial: Denn wie das Gas vom Bohrfeld ins bayerische Gasleitungsnetz eingespeist werden soll, weiß derzeit niemand. Denkbar wären Leitungen zu den Anschlussstellen in Denklingen (rund sieben Kilometer entfernt), Landsberg (rund 17 Kilometer) oder Schongau (rund 15 Kilometer). Doch weder die anliegenden Privatgrundstück-Besitzer, noch der Landkreis Landsberg wollen dafür freiwillig Flächen bereitstellen.

Dieses Problem ist keineswegs neu, aber es wurde bisher eher ausgeblendet. Anwohner – darunter auch viele Landwirte –, fürchten wegen der Gasförderung um ihre Heimat und die unweit der Bohrstelle gelegene Trinkwasserquelle der Gemeinde. Derzeit sind somit alle Grundstücke um den Bohrplatz nicht als Leitungskorridor verfügbar. Laut Danner liegen bisher auch keine finanziellen Angebote vor, um die Leitungen bauen zu dürfen.

Theoretisch denkbar wäre auch ein Abtransport per Lastwagen. Dafür müsste das Gas aber erst verflüssigt werden. Diese Variante ist aber sehr kostspielig, langsam und aufwändig. Da hinter der Förderung am Ende wirtschaftliche Interessen stehen, dürfte diese Option wohl ausscheiden.

Rechtlich ist die Enteignungsfrage alles andere, als leicht zu beantworten. Tatsache ist, dass das Energieprojekt einen Rechtsanspruch nach Paragraf 20 des Energiewirtschaftsgesetzes hat. Laut hiesigem Wirtschaftsministerium wird hier auch der Netzanschluss geregelt. Anders als die Förderung des Gases sei dies nicht Sache des Bergrechts, das in der Vergangenheit – etwa beim Braunkohletagebau Garzweiler – Grundlage für Enteignungen war.

Saskia Reinbeck, Klimaschutzaktivistin von Greenpeace Bayern, forderte von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, sich für die Eigentumsrechte der Bauern starkzumachen: „Die Landwirte leiden schon heute unter den Auswirkungen der Erderhitzung. Ausgerechnet auf ihren Feldern Pipelines für den Abtransport von klimaschädlichem Erdgas verlegen zu wollen, ist an Zynismus kaum zu überbieten.“

Wird es noch weitere Gasbohrungen geben?

Das Wirtschaftsministerium betonte auf Nachfrage, es habe sich mit „mit Fragen der Enteignung aus bergrechtlicher Sicht im vorliegenden Fall bisher nicht befasst“. Dazu bestehe keine Veranlassung, da der Abtransport „nach unserer Einschätzung“ nicht mehr der Gewinnung oder Aufbereitung zuzurechnen sei. „Auch im Hinblick auf etwaige Netzausbaumaßnahmen, liegen uns keine Informationen zu möglichen Enteignungen vor.“

Für das „Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH“ ist auf Nachfrage das Thema Enteignungen nicht von Relevanz. „Gegenwärtig konzentrieren wir uns auf die Auswertung der im Rahmen der Erkundungsbohrung gewonnenen Daten“, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Die Planung der Einspeisung ins Netz werde „aktuell nicht konkret diskutiert“.

Ungeachtet von Bohranalyse und Leitungsfrage beschäftigt die Menschen in der Gegend aber noch ein anderes Thema: Nicht weit entfernt vom Bohrplatz liegt noch bis Ende Juli eine Konzessionserlaubnis für das Gebiet „Lech-Ost“ vor. Ob dort aber wirklich auch gebohrt wird, ist nicht klar. Da die Genehmigung zur Probebohrung aber Mitte des Jahres ausläuft, wird in der Region mit Spannung erwartet, ob es einen Verlängerungsantrag gibt. Dieser liegt bisher jedenfalls nicht vor.

Für Claudia Danner und ihre Mitstreiter in Reichling geht es deshalb mit einem unguten Gefühl ins Jahr 2026. „Wir hängen hier in der Luft“, sagte sie. „Wir besprechen uns jetzt, wie es weitergeht. Für uns steht aber fest, wir geben nichts her.“