In nur zwei Wochen wurde die Bergwacht Grainau 35 Mal alarmiert – allein 14 Mal an den Gletscher im Höllental. Diese Tour auf die Zugspitze ist derzeit besonders fordernd.
Wo soll er anfangen? Bei 35 Einsätzen in zwei Wochen. Ungläubig schaut Toni Vogg, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau, auf die Übersicht der vergangenen gut 14 Tage. „Das ist ja Wahnsinn.“ Nicht immer stecken hinter den Alarmierungen schwere Einsätze. Wie jener am Dienstag, als ein 61-Jähriger am Jubiläumsgrat ins Höllental stürzte und starb. Hinzu kommen so viele weitere kleine und größere Unfälle, um die sich die Retter kümmern. Genauso wie „telefonische Beratungen“. Nicht selten vermerken Einsatzleiter solche in ihren Berichten. Etwa, wenn mal wieder jemand die Bahn verpasst.
Letzte Bahn verpasst: Telefonat mit der Bergwacht
Im Jahresschnitt einmal pro Woche, schätzt Vogg, meldet sich jemand, der die letzte Talfahrt von der Zugspitze oder vom Osterfelder nicht erreicht. Im August gab es bislang zwei solche Fälle. Was man da macht? Erst mal telefonieren. Wie es den Betroffenen geht, wie gut sie ausgerüstet sind für eine Nacht im Freien. Mal muss die Bergwacht sie holen. Mal haben sie Glück, dass sie noch eine Personalgondel mitnimmt – wie die Anrufer am 12. August –, mal schaffen sie vom Osterfelderkopf den Abstieg zum Kreuzeckhaus. Mal finden sie an der Zugspitze ein geschütztes Plätzchen – wie das Paar am 17. August.
Auch am 10. August benötigte ein Bergsteiger lediglich eine Auskunft. Erschöpft sei er, meldete er vom Höllentalferner. Doch mache er sich Sorgen, wie viel so eine Rettung koste. Nichts, was Vogg und seine Leute noch aufregt oder überrascht. Er lässt sich auf keine Details ein, spricht von einem vierstelligen Betrag, exakte Preise kennt er ohnehin nicht. Meist aber antwortet er mit einer Gegenfrage: „Hast du einen Notfall oder hast du keinen?“ Wenn ja, spiele Geld erst einmal keine Rolle. Der Anrufer hatte offenbar keinen.
Den Eindruck vermeiden, „wir holen nur noch Deppen vom Berg“
Manch ein Einsatz sei „kurios“. Diplomatisch umschreibt Vogg Situationen, die selbst erfahrene Bergretter zum Kopfschütteln bringen. Doch will er den Eindruck vermeiden, „wir holen nur noch Deppen vom Berg“. Jeder habe schon Fehler gemacht. Und manchmal passieren einfach Unfälle. Aktuell vor allem am Höllentalferner. In 14 von 35 Einsätzen zwischen 9. und 20. August waren die Kräfte der Bergwacht dort gefordert. Dreimal am Dienstag. „Ein verrückter Tag“, sagt Vogg. Bezeichnend für diesen Monat.
Gegen 11.30 Uhr ereignete sich besagter tödliche Unfall am Grat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Grainauer bereits zwei Bergsteiger versorgt und per Heli ins Tal transportiert, die auf dem Weg zur Zugspitze an der Randkluft am Höllentalferner abgerutscht und in die Gletscherspalte gestürzt waren. Zudem hatte sich ein Tourist am Eibsee am Fuß verletzt. Fast zeitgleich zur Meldung über den abgestürzten Bergsteiger riefen zwei Kletterer um Hilfe, die sich auf der Mehrseillängentour an der Zwölferkante verstiegen hatten. „Sie kamen nicht mehr vor und zurück.“ Der Helikopterpilot brachte Einsatzkräfte an die Wand, sie retteten den Vorsteiger und seinen Partner aus der Route. „Gerade, als die Mannschaft meinte, es wird ruhiger, kam die nächste Alarmierung rein.“ Kreislaufprobleme am Eibsee, eine weitere Fußverletzung dort. Zuletzt noch eine unklare Situation an den Waxensteinen. Beobachter hatten vom Tal aus gegen 21.15 Uhr Lichter gesehen, es galt abzuklären, ob jemand Notsignale sendet. War nicht der Fall. In 99 Prozent handelt es sich bei solchen Meldungen um Bergsteiger, die in der Dunkelheit absteigen. „Für den einen Fall aber, in dem die Leut‘ wirklich Hilfe brauchen, schauen wir genau hin“, sagt Vogg.
Acht Alarmierungen zählt der Bereitschaftsleiter für diesen Dienstag. Zeitgleich kreisten vier Helikopter über Grainau: Christoph Murnau, Christoph 1 aus Harlaching, RK 2 aus Reutte und ein Polizeihubschrauber wegen des Todesfalls. „Das weiß ich noch nie.“
Bergwacht Grainau: „Wenn das Wetter so bleibt, erleben wir ein Rekordjahr“
Mit einer ruhigen Restsaison rechnet Vogg nicht. Gerade das Höllental bereitet dem Grainauer Sorgen. Das Problem bleibt der blanke Gletscher. Auf der spiegelglatten, harten Eisschicht liegt ein Teppich aus eingefrorenen scharfkantigen Steinen und Kieseln. Hinzu kommen viele kleinere Spalten mit scharfen Eiskanten. „Da oben willst du nicht ausrutschen.“ Doch genau das passiert regelmäßig bei den herausfordernden Verhältnissen. „Wenn das Wetter so bleibt, erleben wir ein Rekordjahr.“ Ein Rekord, auf den niemand Wert legt.