Wer an Weihnachten im Schwimmbad arbeitet, merkt sehr schnell, dass diese Tage anders sind als der übrige Betrieb im Jahr, obwohl sich an Öffnungszeiten, Technik und Abläufen auf den ersten Blick nichts ändert. Die Türen öffnen wie immer, das Wasser hat die gewohnte Temperatur, die Becken liegen ruhig da – und trotzdem ist spürbar, dass die Menschen, die kommen, mit einer anderen Haltung hereingehen, langsamer, bewusster und oft auch mit weniger Erwartung.
Viele dieser Gäste kommen nicht zufällig. Sie kommen nicht, weil ihnen langweilig ist oder weil sie „noch schnell etwas machen wollen“. Sie kommen bewusst, manchmal auch mit einer gewissen Erleichterung, weil sie wissen, dass dieser Ort offen ist, dass niemand fragt, warum man an Weihnachten hier steht, und dass es keine Erklärung braucht, um einfach da zu sein.
Weihnachten ist nicht für alle ein leichtes Fest. Für manche ist es ein stiller Tag, für andere ein anstrengender, für einige ein Termin, der mehr Druck als Freude erzeugt. Genau das wird im Schwimmbad sichtbar, ohne dass jemand darüber sprechen muss, weil dieser Ort keine Erwartungen stellt und keine Rolle vorgibt.
Ralf Großmann wuchs im Schwimmbad auf und lebt Bäderbetrieb seit Kindheitstagen. Auf H2ohero.de teilt er seine Erfahrung aus deutschen Bädern – authentisch, alltagsnah und mit Herz für Sicherheit und Qualität. Er ist Teil unseres Experts Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
Ein Ort ohne Fragen
Das Schwimmbad ist an Feiertagen einer der wenigen öffentlichen Orte, an denen niemand wissen will, warum man da ist. Es gibt keinen Anlass, kein Programm, kein „eigentlich müsste man doch“. Man kauft eine Eintrittskarte, geht durch die Umkleide, tritt ans Becken – und ist Teil des Raumes, ohne sich erklären zu müssen.
Diese Normalität ist es, die viele Menschen an Weihnachten suchen. Nicht Nähe um jeden Preis, nicht Geselligkeit auf Knopfdruck, sondern einen Ort, der offen ist, ohne etwas zu verlangen. Das Schwimmbad funktioniert genau so, weil es weder privat noch exklusiv ist und weil es keinen festlichen Rahmen braucht, um Bedeutung zu haben.
Wer an Feiertagen wirklich kommt
An diesen Tagen begegnen sich Menschen, die sich sonst kaum wahrnehmen würden. Ältere Gäste, die ihren Tagesrhythmus beibehalten wollen. Menschen, deren Familie weit weg lebt oder mit denen der Kontakt schwierig geworden ist. Einzelne, die bewusst Abstand vom Feiertagstrubel suchen. Und auch Familien, die vor dem großen Essen noch Bewegung brauchen oder einen ruhigen Übergang zwischen Terminen suchen.
Was sie verbindet, ist nicht Einsamkeit, sondern das Bedürfnis nach Ruhe und Selbstbestimmung.
Viele schwimmen nur ein paar Bahnen, bleiben im warmen Wasser stehen oder setzen sich an den Beckenrand, ohne auf die Uhr zu schauen. Gespräche entstehen selten, und wenn, dann leise und kurz. Genau das scheint für viele angenehm zu sein.
Eine besondere Stimmung im Betrieb
Auch für das Personal fühlt sich der Weihnachtsbetrieb anders an. Nicht unbedingt einfacher, aber ruhiger. Es gibt weniger Diskussionen, weniger Ungeduld, weniger Druck. Viele Gäste wirken dankbar, dass geöffnet ist, dass jemand da ist, dass dieser Ort funktioniert, während draußen vieles stillsteht.
Diese Dankbarkeit zeigt sich in kleinen Gesten. Ein freundlicher Gruß an der Kasse, ein ehrliches „Danke, dass ihr heute da seid“, ein paar Worte mehr als sonst. Und manchmal steht im Personalraum plötzlich ein Teller mit selbstgebackenen Plätzchen, ohne großen Zettel, ohne Namen, einfach als Zeichen dafür, dass die Arbeit gesehen wird.
Das sind keine großen Momente, aber sie bleiben hängen – gerade an Tagen, an denen Arbeit sonst oft unsichtbar bleibt.
Warum Offenheit mehr ist als ein Dienstplan
Dass ein Schwimmbad an Weihnachten geöffnet ist, ist mehr als eine organisatorische Entscheidung. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es Orte gibt, die auch dann zugänglich bleiben, wenn vieles ins Private rückt. Orte, an denen man nicht dazugehören muss, um willkommen zu sein.
Diese Offenheit hat eine gesellschaftliche Bedeutung. Sie bietet Teilhabe ohne Verpflichtung, Bewegung ohne Leistungsdruck und Begegnung ohne Zwang. Für manche Menschen macht genau das den Unterschied zwischen Rückzug und Aktivität, zwischen Alleinsein und Dabeisein.
Das Schwimmbad ist der einzige offene Ort, der keine Erwartungen stellt
Das Schwimmbad ersetzt keine Familie und löst keine Probleme, aber es bietet Raum, Zeit und Normalität in Tagen, die für viele alles andere als normal sind. Vielleicht liegt genau darin die stille Stärke öffentlicher Bäder an Feiertagen: dass sie offen bleiben, ohne laut zu sein – und dass genau diese Ruhe für manche Menschen mehr bedeutet als jedes festliche Programm.