Wie Sie Ihre Neujahrsvorsätze umsetzen – auch in zwei Wochen noch dranbleiben

Schnell noch ins Fitnessstudio – oder doch nicht? "Gerade heute" nicht zu gehen, dafür finden sich oft gute Gründe. Am nächsten Tag wieder. Und eine Woche später ist der Vorsatz Geschichte.

Jedes Jahr erleben viele Menschen etwas Ähnliches. Sie nehmen sich viel vor – und haben dennoch Schwierigkeiten, langfristig dranzubleiben. Dafür wird häufig mangelnde Disziplin verantwortlich gemacht. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz. Denn neben Motivation und Selbstkontrolle spielt die Art, wie wir Entscheidungen treffen, eine zentrale Rolle.

Neujahrsvorsätze: Wie wir uns selbst Steine in den Weg legen

Die Verhaltensökonomie zeigt, dass Menschen selten streng rational entscheiden. Statt jede Option sorgfältig abzuwägen, handeln wir oft unter Zeitdruck, aus Gewohnheit oder in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext. Welche Entscheidung wir treffen, hängt daher stark davon ab, wie und wann uns Optionen begegnen.

Genau hier setzt das Konzept des Nudging an. Es beschreibt die gezielte Gestaltung von Entscheidungssituationen, um Menschen sanft in eine bestimmte Richtung zu lenken. Der Begriff wurde vom Nobelpreisträger Richard Thaler geprägt. Eine seiner zentralen Erkenntnisse lautet: Entscheidungen werden maßgeblich davon beeinflusst, wie Optionen präsentiert, angeordnet oder zugänglich gemacht werden.

Oder anders gesagt: Schwierigkeiten beim Umsetzen von Vorsätzen lassen sich häufig nicht allein auf fehlende Willenskraft zurückführen, sondern auch auf ungünstig gestaltete Entscheidungssituationen.

Willenskraft ist wichtig – aber nicht ausreichend

Viele Menschen nehmen sich vor, sich gesünder zu ernähren. Dennoch landen im Alltag häufig schnell verfügbare, stark verarbeitete Lebensmittel im Einkaufskorb. Das liegt nicht zwangsläufig daran, dass die Menschen ihre Ziele vergessen, sondern daran, dass sie Entscheidungen im Alltag oft unter Zeitdruck, aus Gewohnheit und aus Bequemlichkeit treffen. In solchen Momenten kann der Kontext stärker wirken als der gute Vorsatz.

Ein häufig zitiertes Beispiel aus der Verhaltensökonomie: Werden in einer Cafeteria gesündere Optionen sichtbarer und leichter zugänglich platziert – etwa eine ansprechend gestaltete Salatbar gleich am Eingang –, entscheiden sich Menschen häufiger dafür, als wenn dieselben Optionen weniger präsent sind.

Der entscheidende Punkt dabei ist: Die Wahlfreiheit bleibt vollständig erhalten. Nudging ersetzt keine Verbote, sondern zielt darauf ab, Entscheidungssituationen so zu gestalten, dass gewünschte Optionen leichter gewählt werden können. Damit unterscheidet sich dieser Ansatz klar von moralischen Appellen oder verpflichtenden Maßnahmen.

Aktiv selbst die eigenen Entscheidungen gestalten

Allerdings gibt es viele Situationen, in denen kein externer Entscheidungsarchitekt eingreift – etwa bei Sport, beruflichen Entscheidungen oder persönlichen Gewohnheiten. Genau hier liegt ein großes, oft unterschätztes Potenzial.

Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Entscheidungsforscher Ralph Keeney habe ich das Nudging-Konzept deshalb weiterentwickelt: Jeder Mensch kann lernen, sein eigener Entscheidungsarchitekt zu sein. Denn wir alle beeinflussen selbst, wie wir uns unsere Optionen im Alltag präsentieren – meist unbewusst und nicht immer zu unserem Vorteil.

Fitnessstudio: die Entscheidungsfrage verändern

Ein typisches Beispiel: „Gehe ich heute trainieren – ja oder nein?“ Diese Frage eröffnet viel Raum für Ausreden. Wer sich stattdessen fest mit einem Freund zum Training verabredet, verändert die Entscheidungssituation. 

Die Frage lautet dann nicht mehr „Training oder Sofa“, sondern: „Gehe ich trainieren – oder sage ich meinem Freund ab?“ Allein diese veränderte Entscheidungsarchitektur kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das Training tatsächlich stattfindet. Nicht zusätzliche Disziplin ist hier der entscheidende Faktor, sondern eine bewusst gestaltete Entscheidungssituation.

Joggen im Regen: ein persönliches Beispiel

Ein persönliches Beispiel: Meine Frau mag es nicht, wenn ich mir Dinge kaufe, die ich dann nicht nutze. Also habe ich mir eine vergleichsweise teure Jogging-Regenjacke gekauft. 

Wenn es nun regnet, geht es für mich nicht mehr nur darum, ob ich laufen gehe oder nicht. Es geht auch darum, ob ich mir später entsprechende Kommentare anhören möchte. In der Praxis hat das dazu geführt, dass ich heute häufiger joggen gehe – selbst bei schlechtem Wetter. Auch hier gilt: kein Zwang, keine Selbstkasteiung. Nur eine bewusst veränderte Entscheidungsarchitektur.

Fazit: Vorsätze brauchen gute Entscheidungsarchitektur

Neujahrsvorsätze scheitern nicht zwangsläufig an mangelnder Motivation oder fehlender Disziplin. Häufig scheitern sie daran, dass Entscheidungssituationen im Alltag ungünstig gestaltet sind.

Wer seine Vorsätze ernst meint, sollte deshalb nicht nur auf Willenskraft setzen, sondern auch die eigenen Entscheidungssituationen bewusst so gestalten, dass die gewünschte Option leichter fällt. Denn einen großen Teil dieser Entscheidungsarchitektur können Sie selbst beeinflussen.

FH-Prof. PD Dr. habil. Johannes Siebert ist Entscheidungswissenschaftler und Verhaltensökonom am MCI | Die Unternehmerische Hochschule® und Privatdozent an der Universität Bayreuth. In seinen Forschungen untersucht er menschliches und organisationales Entscheidungsverhalten und publiziert seine Ergebnisse in führenden Zeitschriften. Er hat Forschungs- und Beratungsprojekte für nationale und internationale Auftraggeber aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bearbeitet und geleitet.