Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Einfach gute Manieren" von William Hanson. Es erschien am 16. September im Riva Verlag.
Der große Komiker Kenneth Williams ging bei Partys auf Fremde zu und zitierte eine Zeile aus einem Song, um das Gespräch in Gang zu bringen. Sein Lieblingssatz stammte aus einem Sinatra-Song: "Ich mag New York im Juni, Sie auch?"
Unser Ken hatte natürlich die Berühmtheit auf seiner Seite, sodass seine zwar unüblichen, aber immer witzigen Bonmots sich auszahlten. Aber wenn man Ihnen bei einem Empfang eine derartige Frage stellen würde, dann wären Sie doch sicher eher geneigt, sich auf ein Gespräch mit dieser Person einzulassen, als wenn sie einen Kommentar über das Wetter gemacht hätte?
Allerdings lebte Williams auch in einer Zeit, als sich Songtexte noch für ein nettes Geplauder eigneten. Oder können Sie sich vorstellen, eine andere Person anzusprechen, indem Sie aus Songs von Lady Gaga oder Ariana Grandes "Rain on Me" zitieren?
William Hanson: Worum bei es beim Small Talk geht
Wir Briten haben die unglückliche Neigung, im Gespräch mit Fremden auf Selbstironie oder gar leise Klagen zu setzen. Natürlich wollen wir nicht alles nur übermäßig positiv sehen, wie ein Kalifornier dies tun würde. Doch könnten wir uns hin und wieder von deren Verhalten eine Scheibe abschneiden, sodass die ersten Worte, die wir mit einem Neuling wechseln, im Idealfall gut gelaunt und schlimmstenfalls neutral ausfallen.
Wie würden Sie reagieren, wenn bei einem Fest eine Unbekannte auf Sie zuginge und sagen würde: "Die Band ist reichlich laut, oder?" Und nun stellen Sie sich vor, dieselbe Person spräche Sie an mit den Worten: "Was für eine nette Party!" Sie würden auf beide Sätze jeweils völlig unterschiedlich antworten.
Beim zweiten ist es jedenfalls deutlich einfacher, eine positive Erwiderung zu geben. Briten lieben ihre Klagelieder, aber zu Massenbegegnungen bei Partys und Events passt das nun mal nicht. Wenn Sie nicht tatsächlich jeden Menschen kennen, genießt niemand solche großen Soireen. Aber deshalb den Kopf hängen zu lassen wie "I-Aah", der Freund von Pu, dem Bären, ist auch nicht hilfreich.
Denn worum geht es beim Small Talk? Man will eine gemeinsame Ebene herstellen. "Woher kennen Sie denn unseren Gastgeber?" ist wenig einfallsreich, funktioniert aber immer. Eine solche gemeinsame Basis erlaubt Ihrem Gesprächsgegenüber (hoffentlich), eine witzige oder interessante Anekdote zum Besten zu geben, auf die Sie reagieren können.
Wenn die Frage nach den Gastgebern nicht funktioniert, haben Sie trotzdem noch eine gemeinsame Ebene: der Raum, in dem Sie beide sich aufhalten. Sie können zum Beispiel mit einem Blick nach oben ausrufen: "Was für eine faszinierende Deckengestaltung!" Oder: "Haben Sie die Canapés schon probiert? Welche würden Sie empfehlen?"
Der Konversationstod
Es ist immer noch sozialer Selbstmord, bei einer erstmaligen Begegnung sofort zu fragen, was jemand beruflich macht. Wenn Sie das bei einem beruflichen Networking-Event tun, dann mag das angehen. Schließlich hat Ihr Beruf Sie dorthin geführt. Aber bei einem Kneipenabend oder einem Abendessen ohne jeden beruflichen Bezug ist der Beruf eines Teilnehmers vollkommen unbedeutend für sein Hiersein.
Der Gastgeber hat Michael ja nicht eingeladen, weil er Skulpturen mit dem Presslufthammer macht, oder Stephanie, weil sie super mit Spreadsheets umgehen kann. Jeder bei so einem Ereignis wurde eingeladen, weil die Gastgeber ihn als Person schätzen und annehmen, dass er oder sie dem Abend zusätzliche Würze verleiht. Ich spreche hier aus Erfahrung.
Die meisten Leute reagieren auf meinen Beruf als "Etikettelehrer", indem sie erschrocken ihre Haltung korrigieren oder eine lange Pause folgen lassen, weil sie überlegen, was sie als Nächstes fragen könnten.
Nun hat sich das Gespräch über den Beruf auch außerhalb der Arbeitsstunden als Thema etabliert, aber es zeugt immer noch von schlechtem Stil, wenn man schon bei den ersten Sätzen danach fragt. Die meisten finden das Thema ohnehin langweilig, und andere denken außerhalb des Arbeitshabitats vielleicht nicht gerne darüber nach.
Sollte jedoch Ihr Gegenüber Sie danach fragen oder zuerst von seiner Arbeit erzählen, dann können Sie darauf ruhig eingehen.
Tabu für den Small Talk sind die "Big Five" der Konversation:
- Sex,
- Politik,
- Geld,
- Gesundheit
- und Religion.
In den Augen so mancher bremst dieses Verbot aber jede andere Form des Gesprächs aus. Daher sollten Sie sich nicht verwirren lassen: Es gibt einen Unterschied zwischen Small Talk und Gesprächen mit Tiefgang. Sobald Sie die ersten fünf Minuten mit positiven Äußerungen überstanden haben, können Sie auch solche Themen sparsam ansprechen.
Was Briten auch nicht mögen, sind ichbezogene Menschen, deren einziges Gesprächsthema nur sie selbst sind. Die Menschen mit den besten Manieren stellen ihrem Gegenüber Fragen und haken im Bedarfsfall auch mal nach.
Mein Mann und ich haben eine Regel: Jeder, der ohne Unterbrechung länger als zehn Minuten über sich spricht, ist es nicht wert, sich mit ihm über dieses erste Gespräch hinaus zu beschäftigen.
Gute Manieren im Gespräch
Die Menschen haben heutzutage eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als früher. Das hat zur Folge, dass viele bei Gesprächen in Echtzeit Schwierigkeiten haben, dranzubleiben und auch den dabei erforderlichen Augenkontakt zu halten.
Wir alle haben das schon erlebt: Wir sind auf einer Party und denken, dass wir uns mit unserem Gegenüber glänzend unterhalten, dabei schaut er oder sie dann ein paar Mal zu oft über unsere Schulter ins Leere.
Um diese Art schlechter Manieren zu überspielen, müssen wir dann mit den Nüssen in unserer Hand spielen oder von etwas Starkem nippen. Man nennt dieses Phänomen auch "Cocktailparty-Augen", und die sind immer unpassend, außer jemand nähert sich, um mit Ihnen zu sprechen. In diesem Fall müssen Sie die neu Hinzugekommenen den aktuellen Gesprächspartnern vorstellen.
Partys sind fluide Angelegenheiten. Den ganzen Abend über nur mit einer oder zwei Personen zu sprechen, kommt dem Fegefeuer gleich. Hier gilt immer noch die alte Regel: Unterhalten Sie sich 10 bis 15 Minuten mit einer Person und lassen Sie diese dann ziehen.
Natürlich ist es unmöglich, mit jeder der anwesenden Personen zu sprechen, aber diese Taktik bewahrt Sie davor, der Monopolkommission gemeldet zu werden, sobald die betreffende Person wieder zu Hause ist. Vermutlich will Ihr Gegenüber sich ja nicht nur mit Ihnen unterhalten, sondern hat durchaus noch mehrere Gesprächspersonen im Sinn.
Bei guten Manieren geht es immer um andere Menschen
Fragen zu stellen muss nicht aufdringlich sein, vor allem, wenn es die richtigen Fragen sind. Aber das Ziel einer Konversation ist es, sich auf die andere Person zu konzentrieren. Bei guten Manieren geht es immer um andere Menschen.
In Großbritannien lautet die Regel für stilvolles Gesprächsverhalten: Andere Menschen sind interessanter als Sie. Statt sofort in den Wettbewerb zu treten und endlos zu spekulieren, welche von Ihren Geschichten es mit der aufnehmen kann, die man Ihnen gerade erzählt, sollten Sie sich selbst vergessen und lieber überlegen, mit welchen Fragen Sie Ihrem Gegenüber echtes Interesse signalisieren.
Beim Zuhören geht es nicht darum herauszufinden, was Sie als Nächstes sagen könnten. Sich immer mal wieder zu fragen: "Wann habe ich das letzte Mal eine Frage gestellt?", ist eine sinnvolle Gewohnheit für gutes Gesprächsmanieren. Was Sie selbst geleistet haben, sollte eher zufällig ans Licht kommen und von anderen Menschen angeschnitten werden. Aus Ihrem Mund ist das eher nicht angebracht.
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Bildquelle: Riva Verlag
Buchtipp
"Einfach gute Manieren" von William Hanson