Zwischen den Jahren passiert etwas Merkwürdiges: Die Zeit scheint stillzustehen, das Jahr ist eigentlich vorbei, und gleichzeitig noch nicht ganz. Für viele Menschen ist diese Phase gefüllt mit Familienbesuch, Essen und Sofa. Für andere ist sie leer, diffus und bedeutungslos. Dabei bietet gerade diese Zwischenzeit eine besondere Chance: innezuhalten, Energie zu sammeln und sich sanft neu auszurichten.
Was sollten Sie also tun, um gut ins neue Jahr zu starten ohne sich dabei Druck zu machen? Ich gebe Ihnen sechs konkrete Empfehlungen:
1. Gönnen Sie sich echte Ruhe, nicht nur freie Zeit
Gerade in dieser Zeit denken viele: Jetzt ist doch endlich mal Pause. Doch während der Terminkalender leer ist, bleibt der Kopf oft laut. Familie, Besuch, To-Dos – all das kann dazu führen, dass wir zwar frei haben, aber innerlich kaum zur Ruhe kommen.
Psychologisch betrachtet braucht unser Nervensystem trotzdem Erholungsimpulse, also bewusste Pausen, in denen wir nicht funktionieren müssen. Das kann bedeuten: einen Mittag ohne Gespräche verbringen. Einmal morgens allein spazieren gehen. Oder: einfach 30 Minuten länger im Bett liegen bleiben ohne schlechtes Gewissen. Diese echte Ruhe brauchen wir für eine stabile psychische Gesundheit.
2. Kleine Rituale helfen beim Übergang
Der Jahreswechsel ist nicht nur ein Kalenderdatum, sondern markiert auch emotional einen Übergang. Rituale können dabei helfen, diesen bewusst zu gestalten.
Sie müssen nicht groß sein: Vielleicht wollen Sie einen Gegenstand loswerden, der sinnbildlich für etwas Belastendes steht. Oder einen kurzen Brief an sich selbst schreiben mit dem Satz: "Was ich dir für das neue Jahr wünsche, ist..."
Finden Sie ein Ritual, auf das Sie Lust haben und es nicht aus Pflichtgefühl eingehen. Solche kleinen Rituale helfen oft, um das diffuse Gefühl von "irgendwas ist noch offen" loszuwerden.
3. Schaffen Sie sich Inseln nur für sich, besonders wenn Sie nicht allein sind
Viele sind in dieser Zeit permanent von der Familie oder Partnerinnen und Partnern umgeben. Umso wichtiger ist es, dass Sie kleine Zeitfenster ganz für sich schaffen. Das kann heißen:
- 15 Minuten mit Kopfhörern im Lieblingssessel
- ein Spaziergang alleine am frühen Morgen
- eine extra lange warme Dusche
Mit diesen kurzen Auszeiten signalisieren Sie sich selbst: Ich darf mich um mich kümmern und es fühlt sich gut an.
Über Eva Elisa Schneider
Dr. Eva Elisa Schneider ist Psychotherapeutin und Expertin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. Sie arbeitet als Speakerin und Trainerin mit internationalen Unternehmen im Bereich Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung zusammen. Zuvor hat sie umfassende Erfahrungen als Führungskraft in einem HealthTech Unternehmen gesammelt und war viele Jahre in der Wissenschaft sowie im Gesundheitswesen tätig. Hier geht es zu ihrer Webseite.
4. Lernen Sie, bewusst nicht produktiv zu sein
"Eigentlich könnte ich ja jetzt noch …" – dieser Gedanke ist ein Klassiker zwischen den Jahren. Viele kennen das schlechte Gewissen, wenn sie nicht wie geplant vorankommen oder etwas nicht schaffen. Das schlechte Gewissen dahinter nennt man psychologisch "Productivity Guilt" - wir wollen ständig etwas tun, um uns genug zu fühlen.
Doch gerade diese Tage dürfen ein Gegengewicht sein. Seien Sie bewusst unproduktiv. Lassen Sie sich treiben, ohne Ziel. Denn Zufriedenheit entsteht sowohl durch Ziele als auch durch Pausen und Tage ganz ohne Vorhaben.
5. Testen Sie kleine neue Gewohnheiten statt große Vorsätze zu machen
Die meisten Neujahrsvorsätze scheitern nicht an mangelndem Willen, sondern an zu hohen Erwartungen. Viel wirksamer ist es hingegen, kleine, alltagsnahe Veränderungen schon jetzt auszuprobieren. Zum Beispiel:
- jeden Morgen ein Glas Wasser trinken
- jeden Tag zehn Minuten an der frischen Luft
- abends das Handy 15 Minuten früher weglegen
Mit kleinen Schritten signalisieren Sie Ihrem Gehirn, dass Veränderung möglich ist und sie sich leicht anfühlen kann. Der Übergang ins nächste Jahr wird so zum Kinderspiel.
6. Stellen Sie sich eine Frage, die wirklich weiterhilft
Viele Menschen machen sich große Ziele und fragen sich "Was will ich im neuen Jahr erreichen?" – für Ihr Wohlbefinden hilft jedoch eine andere Frage viel mehr: "Wie möchte ich mich fühlen und was unterstützt mich dabei?" Denn hinter jedem Ziel steckt ein Gefühl: Wir wollen disziplinierter sein, um uns geordnet zu fühlen. Oder fitter werden, um uns lebendig zu fühlen. Wenn Sie das Gefühl kennen, das Sie suchen, wird der Weg dorthin klarer und Sie werden sich emotional verbundener damit fühlen.
Mein Fazit: Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr müssen kein Vakuum sein. Sie können ein Geschenk sein, wenn wir aufhören, sie nur als leere Zeit zu sehen. Es geht nicht darum, das Jahr perfekt zu beenden. Es reicht schon, wenn wir uns erlauben, ein bisschen mehr bei uns selbst anzukommen.