Der eine will weihnachtliche Erotik, der andere seine Ruhe – wie Paare damit umgehen sollten

Weihnachten gilt als Fest der Nähe, der Intimität und der besonderen Verbundenheit. Gerade diese hohen Erwartungen führen jedoch nicht selten zum Gegenteil. Paare berichten in dieser Zeit über Rückzug, Enttäuschung, Streit oder eine plötzliche emotionale und sexuelle Distanz

In der Psychologie spricht man dabei vom Intimacy-Discrepancy-Effekt: Je stärker Nähe erwartet oder eingefordert wird, desto schwerer kann sie entstehen.

Warum tritt dieses Phänomen gerade an Weihnachten so häufig auf? Die Feiertage bündeln viele Belastungen gleichzeitig: beruflichen Jahresendstress, familiäre Verpflichtungen, emotionale Erinnerungen aus der eigenen Kindheit und den gesellschaftlichen Druck, dass "jetzt alles schön sein muss". Nähe wird damit nicht mehr spontan erlebt, sondern zur Leistung – und genau das blockiert sie.

Woran Sie den Intimacy-Discrepancy-Effekt erkennen

Typisch ist eine Diskrepanz zwischen Wunsch und tatsächlicher Fähigkeit zu Nähe. Ein Partner sehnt sich nach Intimität, Erotik oder Sexualität, während der andere emotional oder körperlich schlicht erschöpft ist. Häufige Anzeichen sind:

  1. Gereiztheit oder emotionale Rückzüge
  2. unausgesprochene Kränkungen
  3. ein Gefühl von "nicht gesehen werden"
  4. sinkende sexuelle Lust ohne fehlende Liebe
  5. Konflikte über Kleinigkeiten, die eigentlich etwas Größeres verdecken

Besonders schwierig: Die Beteiligten sprechen selten offen darüber. Stattdessen entstehen Missverständnisse, Schuldgefühle und gegenseitige Vorwürfe – oft leise, aber nachhaltig.

Fallbeispiel: Wenn Nähe zur zusätzlichen Anforderung wird

Markus (39) ist leitender Angestellter in einem mittelständischen Unternehmen. Die letzten Wochen vor Weihnachten sind für ihn arbeitsintensiv, gleichzeitig freut er sich auf die ruhigeren Feiertage. Für ihn bedeutet Weihnachten: Zeit zu zweit, Nähe, Intimität, auch Sexualität. "Endlich wieder wir", sagt er.

Seine Partnerin Anna (35) arbeitet als Erzieherin. In der Vorweihnachtszeit ist sie beruflich besonders gefordert: Feste organisieren, emotionale Gespräche mit Eltern, kranke Kolleginnen vertreten. Zusätzlich kümmert sie sich intensiv um ihre zweijährige Tochter, die schlecht schläft und viel Nähe braucht. Anna stammt aus einer Familie geschiedener Eltern. Ihre Mutter lebt allein, ist emotional stark auf Anna bezogen und erwartet gerade an Weihnachten viel Zuwendung.

Schon Tage vor Heiligabend fühlt Anna sich innerlich leer. Sie funktioniert, organisiert, tröstet, plant – für sich selbst bleibt kaum Raum. Markus hingegen spürt mit jedem Tag stärker sein Bedürfnis nach Nähe. Er sucht körperliche Annäherung, wünscht sich erotische Momente, möchte sich als Paar erleben. Als Anna ausweichend reagiert oder Berührungen abblockt, fühlt er sich zurückgewiesen.

Anna wiederum empfindet Markus' Wunsch nach Sexualität als zusätzlichen Druck. Nicht weil sie ihn nicht liebt, sondern weil sie sich überfordert fühlt. In ihr entsteht das Gefühl: "Ich kann gerade nicht mehr geben." Statt das auszusprechen, zieht sie sich zurück. Markus reagiert verletzt, wird stiller, innerlich gekränkt. Beide leiden – und keiner benennt klar, was eigentlich los ist.

Hier zeigt sich der Intimacy-Discrepancy-Effekt deutlich: Markus wünscht sich mehr Erotik, Anna wünscht sich Sicherheit und Entlastung. Beide wünschen sich Nähe – aber auf völlig unterschiedlichen Ebenen.

Warum Weihnachten diesen Effekt verstärkt

An den Feiertagen verdichten sich emotionale Erwartungen. Unbewusst werden alte Bilder aktiviert: harmonische Familienfeste, Geborgenheit, romantische Zweisamkeit. Gleichzeitig steigen reale Belastungen. Der Körper reagiert mit Erschöpfung, Schlafmangel und Überreizung – Zustände, die Nähe biologisch erschweren.

Hinzu kommt der innere Satz: "Jetzt müsste es doch schön sein." Dieser Druck verhindert Spontaneität. Nähe lässt sich jedoch nicht erzwingen. Sie entsteht dort, wo Sicherheit, Entspannung und Freiwilligkeit herrschen.

Was Paaren jetzt hilft

Der wichtigste Schritt ist Benennung statt Rückzug. Nicht Vorwürfe, sondern Ich-Botschaften:

"Ich merke, dass ich Nähe will, aber gerade überfordert bin."

Oder: "Ich wünsche mir Erotik, fühle mich aber zurückgewiesen."

Hilfreich ist außerdem, Nähe breiter zu definieren. Nähe bedeutet nicht automatisch Sexualität. Für den erschöpften Partner kann ein Gespräch, eine Umarmung oder Entlastung im Alltag der erste Schritt sein. Für den anderen ist wichtig zu verstehen: Ablehnung ist nicht gleich Liebesentzug.

Weihnachten muss kein Beweis für eine gelungene Beziehung sein. Oft ist es eher ein Stresstest. Wer den Intimacy-Discrepancy-Effekt erkennt, kann ihn entschärfen – und Nähe wieder als das erleben, was sie sein sollte: freiwillig, lebendig und verbindend.

Dr. med. Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München. Als Psychodramatherapeut, Autor und Beziehungsexperte der Plattform „50plus-Treff.de“ begleitet er Menschen in Einzel-, Paar- und Gruppentherapien. Er ist Teil unseres Experts Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.