Bauer sucht Hof: Landwirt will anpacken – aber das Wichtigste fehlt ihm noch

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Wollen anpacken: Anna Büscher und Michael Haderlein, hier als Betriebshelfer auf einem Hof in Marbach, suchen einen Betrieb, den sie als Nachfolger fortführen können. © THOMAS PLETTENBERG

Mähen, Melken, hin und wieder auch mal Güllefasswaschen: Wenn Michael Haderlein über die Landwirtschaft spricht, hört er so schnell nicht mehr auf. Doch um seinen Beruf wirklich zum Lebensinhalt zu machen, fehlt dem gebürtigen Oberfranken das Allerwichtigste: ein eigener Hof. Den sucht er zusammen mit Anna Büscher aus Niedersachsen genau hier im Oberland.

Bayrischzell – Wenn das Telefon klingelt und sich Michael Haderlein meldet, sind manche Anrufer erstmal skeptisch. Ein Betriebshelfer, der erst 34 ist? „Wir haben aber noch einen ganz alten Stall“, sagen die Bauern dann. Einen, der nicht wie die Lehrbetriebe in München ausschaut, ohne Milchroboter, ohne Melkstand. Einen, wo man noch richtig anpacken muss. „Manche denken, dass sowas kein junger Bauer mehr will“, sagt Haderlein und grinst. Aber da haben sie sich getäuscht in dem jungen Mann, der von sich selbst sagt, er sei halt noch vom alten Schlag. „Ich mach‘ wirklich jeden Handgriff gern“, sagt der Bayrischzeller. Freilich geht er auch mal gern auf den Berg oder zum Skifahren, wie andere in seinem Alter. Aber wenn er woanders gebraucht wird, dann ist das eben so.

„In meinem Kopf war schon immer Landwirtschaft“, sagt Haderlein. „Ich denke immer daran.“ Natürlich gibt‘s auch Arbeiten, die der gebürtige Kronacher (Oberfranken) nicht ganz so schön findet. Güllefasswaschen zum Beispiel. „Aber das mach‘ ich auch gern, weil‘s halt dazug‘hört.“ Und so ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Bauern auf Empfehlung oder über den Maschinenring anrufen und keine Fragen mehr stellen, wenn sie ein neues Knie oder eine Hüfte bekommen. Weil sie wissen: „Ich helfe auf jedem Hof so, wie wenn‘s meiner wäre“, sagt der 34-Jährige. Und das ist auch sein eigenes großes Ziel, der Lebenstraum, den er gemeinsam mit seiner Freundin Anna Büscher anstrebt: einen eigenen Hof im Oberland.

Verliebt ins Oberland – wegen der Almen

Dass der gerade hier sein soll, 355 Kilometer von seinem elterlichen Hof in Neuses bei Kronach und noch viel weiter von Büschers Elternhaus in Norddeutschland entfernt, ist beiden auf der Alm klar geworden. „Almgehen hat mich schon immer interessiert“, erinnert sich Haderlein. Nachdem er mit der Winterschule und der Meisterprüfung fertig war, hatte er erstmal daheim auf dem Hof angefangen. „Das war bis in die 70er-Jahre ein kleiner Milchviehbetrieb“, erklärt der Landwirt.

Doch der Standort in Neuses ist schlecht, der Grund zerschnitten von einer vierspurigen Straße. Gleich dahinter liegt ein Industriegebiet. „Man sucht sich‘s ja nicht aus, wo man hingeboren wird“, meint Haderlein und zuckt mit den Schultern. Der Hof sei nicht mehr zukunftsfähig. Die Viecher sind verkauft, ein wenig Ackerbau und Grünland nur noch ein Notnagel.

Packt gerne an: Michael Haderlein beim Melken als Betriebshelfer.
Packt gerne an: Michael Haderlein beim Melken als Betriebshelfer. © THOMAS PLETTENBERG

Als er dann 2019 aber zum ersten Mal oberhalb von Bayrischzell einen Almsommer verbracht hatte, wollte er gar nicht mehr heim, so viel Bauernstolz und Herzblut habe er hier gespürt, schildert Haderlein. Und später, gleich nach dem ersten Anruf, ob er nicht als Betriebshelfer zurückkommen könnte, blieb Haderlein dann wirklich im Oberland.

Dass der Landwirt hier Anna Büscher kennenlernte, war vielleicht schon ein Wink des Schicksals. Auch die 35-jährige Krankenschwester, die hauptberuflich im Krankenhaus Agatharied arbeitet und am Wochenende gerne Schafkopf spielt, hat seit 2018 schon vier Sommer auf der Alm verbracht. „Ich hab‘ viel gelernt und bin reingewachsen in die Arbeit“, sagt sie. Mit der „städtischen Mode der Aussteiger“, über die Haderlein manchmal schmunzelt, hat das nichts mehr zu tun.

Anna Büscher: „Meine Familie sieht, dass es mich glücklich macht“

Im Gegenteil: Wenn ihr Papa aus Niedersachsen zu Besuch in die Wohnung in einem Bayrischzeller Bauernhaus kommt, rümpft der Maschinenbauingenieur zwar schon mal die Nase. „Aber meine Familie sieht, dass mich das glücklich macht“, sagt Büscher. Bäuerin sein, dafür tritt sie gerne kürzer als Krankenschwester. „Bauer sein kann man nicht lernen“, sagt Haderlein dazu. „Das hat man in sich.“

Fehlt nur noch der Hof. Und da hoffen die beiden, dass sie zusammenfinden mit denen, die genau das gegenteilige Problem haben: einen Hof ohne Bauern (siehe Infobox unten). Freilich wissen Haderlein und Büscher, dass es da auch andere Interessenten gibt. Ein paar Mal schon haben sie im Landwirtschaftlichen Wochenblatt inseriert, einmal haben sie einen Hof angeschaut. „Wir sind fleißig, bodenständig und sehen die Arbeit“, sagt Büscher. Aber manchmal seien die Oberlandler halt doch etwas eigen. Eine Preußin und ein Franke – „was wollen die denn?“, fragt sich da vielleicht mancher. Manche lassen den Hof lieber brach liegen, als Fremde darauf zu lassen.

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Dabei geht‘s den Zweien nicht um Grund oder Geld – „davon kann man eh nicht abbeißen“, meint die 35-Jährige. „Wir wollen die Kinder werden, die die Hofeigentümer nicht haben.“ Eine Win-win-Situation soll es sein, bei der sie gemeinsam in den Stall gehen und nichts verändern, sondern zusammen wirtschaften, um das zu erhalten, was Generationen zuvor geschaffen haben. Welcher Hof dafür infrage kommt? „Alle“, sagt Haderlein.

Menschlich soll‘s passen – und ein Schweinemastbetrieb am Münchner Stadtrand sollte es nicht sein, scherzt der Landwirtschaftsmeister. Wie die Übergabe selbst dann ausschaut, dafür gibt‘s mindestens genauso viele Varianten. „Jeder braucht halt sein Auskommen.“ So wie das in anderen Familien auch geregelt wird. nap

Landwirte werden gebraucht

Fast jeder zweite Betriebsleiter von familiengeführten Höfen in Bayern ist über 55 Jahre alt. Und über die Hälfte dieser Betriebe haben keine oder eine ungewisse Hofnachfolge. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2020 hervor. „Auf der anderen Seite gibt es viele junge Leute, die sich als Berufswunsch nichts sehnlicher wünschen als Landwirt zu werden“, sagt Susanne Krapfl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Holzkirchen. „Eigentlich eine einfache Sache, wenn sich die beiden Seiten finden würden. Aber genau das ist das Problem.“ Bei der Frage, wie junge Landwirte zu einem Hof kommen, ohne hineingeboren zu werden, berät das AELF zwar nicht direkt. Über sozioökonomische Beratungen könne die Übergabe im Sinne der zukünftigen betrieblichen Entwicklung aber auch Thema sein, sagt Krapfl. Das AELF stehe für Fragen zur Entwicklung gerne zur Verfügung.

Kontaktdaten

Zum Kennenlernen oder bei Hinweisen auf Höfe, die einen Nachfolger suchen, freuen sich Michael Haderlein und Anna Büscher über einen Anruf unter Tel. 01 62 / 3 34 69 59.

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