67 – so lautet heute die magische Rentenzahl. Wer die volle Rente bekommen will, muss arbeiten, bis er 67 Jahre alt ist. Nun gibt es eine neue Zahl. Und eine neue, große Debatte: um die Gerechtigkeit in Deutschland. Sie ist überfällig.
Bedanken kann man sich dafür erst bei den Jungpolitikern der Union. Ohne den Aufstand der Jung-Unionisten gegen den teuren, ungerechten, weil demografie-widrigen Rentenplan von Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas und ihres Verbündeten, Kanzler und CDU-Chef Friedrich Merz, wäre es wohl kaum zu dieser neuen Gerechtigkeitsdebatte gekommen.
Motto: Erst muss etwas wirklich Ungerechtes passieren – die Sicherung der Älteren zu Lasten der Jüngeren über viele Jahre hinweg – bevor etwas Gerechtes passieren kann.
Die neue, magische Zahl bei der Rente heißt: 45. Sie bedeutet: Wer eine Rente ohne Abstriche will, muss 45 Jahre lang arbeiten. Ganz gleich, ob er eine Lehre absolviert oder studiert hat. Das bedeutet: Die Rente hängt nicht ab mehr vom Lebensalter. Sondern vom Lebensarbeitsalter.
Leistung muss sich wieder lohnen
Das klingt nicht nur gerecht, das ist es auch. Wer länger arbeitet, bekommt eben auch mehr Rente. Das ist schon jetzt so, es bleibt auch so. Neu ist: Wer früher anfängt, darf früher aufhören. Wer später beginnt, arbeitet auch länger – für sich und die Gesellschaft.
Es wäre wünschenswert, wenn dieses Prinzip nun auch im Bürgergeld verwirklicht würde: Wer nicht arbeiten will, obwohl er arbeiten kann, bekommt auch keine Stütze. Oder anders: Leistung muss sich wieder lohnen.
In der Rente führt ein solches System allerdings auch zu einer möglichen augenfälligen Ungleichheit: Wer, um ein Beispiel zu nehmen, das die Arbeitsministerin Bas gewählt hat, mit 16 Jahren anfängt zu arbeiten, etwa, indem er eine Lehre macht, hat die 45 Jahre erreicht, wenn er 61 Jahre alt ist. Wer hingegen bis 25 Jahre studiert, hat die 45 Jahre Rentenarbeitszeit erst geschafft, wenn er 70 Jahre alt ist.
Die neue Rentenformel schafft eine gerechte Ungleichheit
Die neue Rentenformel – Du musst 45 Jahre arbeiten – bedeutet also zwei Klassen von Rentnern: Früh- und Spätrentner. Dazwischen liegen möglicherweise volle neun Jahre. Wer darin eine neue Ungleichheit sehen will, wie der DIW-Chef Marcel Fratzscher, findet einen einleuchtenden Grund – die Ungleichheit im Rentenalter wächst.
Interessant dürfte auch diese gesellschaftspolitische Debatte werden: Führt dieses neue System zu einer Abkehr von der Akademikerflut?
Immer mehr Menschen müssen studieren, das ist seit den Bologna-Reformen, seit mehr als einem Vierteljahrhundert, das gesellschaftspolitische Leitbild. Es hat auch dazu geführt, dass mit der Studier-Nachfrage auch die Zahl der Studiengänge drastisch zugenommen hat. Über manche (Genderstudies etc.) wird kontrovers diskutiert – und es gibt immer weniger Auszubildende für Lehrberufe.
Andererseits hat auch die Zahl derjenigen zugenommen, die nach der Lehre und einigen Jahren im Beruf ein Studium dranhängen. Was allerdings zu einer Vermehrung der praktisch geschulten, bodenstämmig sozialisierten Akademiker im Verhältnis zu den bloßen Theoretikern geführt hat.
Falls dieses neue Modell tatsächlich neue deutsche Wirklichkeit werden würde, dann bekäme eine akademische Spezies ihre – wohl gerechte – Strafe in Form eines späteren Rentenbeginns, oder eben einer Rentenkürzung: der Bummelstudent.
Aber dafür wächst die Leistungsgleichheit – eben über die 45 Jahre für alle. Und wem die 70 Jahre zu lang sind, der kann auch früher aufhören – gegen Rentenabschläge, wie auch heute schon. Was, allgemein gefasst, zeigt: Gerechtigkeit setzt nicht unbedingt Gleichheit voraus. An diesen neuen Grundsatz werden sich wohl viele Menschen erst noch gewöhnen müssen.
Nun sagt Fratzscher, der Vorschlag seines Düsseldorfer Kollegen, des Ökonomie-Professors Jens Südekum, „wird die Altersarmut nicht reduzieren“. Das stimmt sicher, aber: Es ist auch nicht die Absicht von Südekum, die Altersarmut zu reduzieren. Sondern ein ungerechtes durch ein gerechteres System zu ersetzen – die Lebenszeit durch die Lebensarbeitszeit als Grundlage für die Bemessung der Rente.
Altersarmut über Rentenformel anzugehen, wird kaum gelingen
Wer die Altersarmut reduzieren will – hiervon sind besonders alleinerziehende Frauen betroffen – ,muss andere Hebel in Bewegung setzen. Dieses – wichtige – Problem über die Rentenformel zu lösen, wird kaum gelingen – oder führt zu neuen Ungerechtigkeiten.
Der Ausgleich für die geringere Erwerbszeit alleinerziehender Mütter kann innerhalb des Rentensystems gerecht kaum gelöst werden, vereinfacht gesagt: Wer länger arbeitet, ist für die Probleme, die jemand hat, der weniger arbeitet, nicht verantwortlich (zu machen).
Südekum berät den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil. Der Beifall von Bärbel Bas, der SPD-Co-Vorsitzenden, ist deshalb kaum verwunderlich. Inzwischen stimmte auch der SPD-Generalsekretär ein. Die Idee mit der Lebensarbeitszeit sei „deutlich besser“ als die bloße Anhebung des Rentenalters, sagt Timm Klüssendorf.
Noch nie waren sich Sozial- und Christdemokraten so schnell einig
Mittlerweile gibt es dazu auch die ersten positiven Signale aus der Union, wenngleich auch vorsichtig. Darüber werde die neue Rentenkommission sicher debattieren, sagte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Positive Reaktionen gibt es Focus Online gegenüber auch von Fachpolitikern der Union, die sich seit Jahren mit Sozialpolitik befassen.
Umso bemerkenswert, dass ein hartes Nein - schon jetzt - von den Arbeitgebern kommt. BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter, selbst einmal einflussreicher Unionsmann, verglich die neue Rentenarbeitszeit mit der Rente mit 63: „Dieses war falsch, bleibt falsch – und wird auch zukünftig unter einer neuen Überschrift falsch.“
Falsch- dieses Etikett klebt auch die Linke auf den neuen Vorschlag. Allerdings aus anderen Gründen wie die Arbeitgeber. Die Linke hebt ab auf die Ungleichheit im Renteneintrittsalter, die der Südekum-Vorschlag zur Folge hat. Akademiker müssten länger arbeiten, weil sie auch erst später mit der Erwerbsarbeit anfangen. Ist das jetzt eine Diskriminierung?
Die Linke sagt: Ja. „Die Idee, Akademikerinnen und Akademiker pauschal länger arbeiten zu lassen, ist ein fatales Signal in Zeiten des Fachkräftemangels“, meint Linken-Fraktionsvize Nicole Gohlke. So richtig leuchtet das Argument nicht ein: Wer künftig 45 Jahre arbeiten muss, um die volle Rente zu erreichen, bleibt dem Arbeitsmarkt als Fachkraft in der Regel länger erhalten.
Wer früher anfängt, hat seine 45 Jahre auch früher voll
Richtig klingt dagegen ein anderes Argument der Linken. Es lautet: „Wer studiert, darf dafür im Alter nicht bestraft werden.“ Nur: Weshalb ist die Konsequenz aus einer selbstbestimmten Lebensentscheidung – zu studieren, anstatt eine Lehre zu machen, später zu arbeiten anstatt früher – eine Bestrafung? Alle persönlichen Entscheidungen haben eben Konsequenzen:
Wer früher anfängt, hat eben seine 45 Jahre auch früher voll. Wer später anfängt, muss eben länger arbeiten – nachdem er sich in freier Wahl entschieden hat, erst sein Abitur noch machen und danach zu studieren.
Der Südekum-Vorschlag ist auch deshalb gerecht, weil Akademiker ihr Studium gebührenfrei bekommen, was eigentlich eine beachtliche soziale Ungerechtigkeit ist. Aber Studiengebühren, die eigentlich gerecht wären, waren in Deutschland bislang eben nicht durchsetzbar – mit dem sozialpopulistischen, aber falschen Argument, sie seien ungerecht. Dabei: Weshalb sollte die Krankenschwester mit ihrem niedrigen Gehalt die guten Verdienstmöglichkeiten eines Arztsohnes finanzieren?