Mit der telefonischen Krankschreibung ist der Arztbesuch nicht mehr notwendig. Ärzte sehen das als Erleichterung. Arbeitgeber aber haben Bedenken, dass sich ihre Mitarbeiter dann noch öfter krankmelden.
Landkreis - Die Telefone in den Arztpraxen laufen heiß. Seit Wochen rollt eine hartnäckige Erkältungswelle durch den Landkreis. Mit der telefonischen Krankschreibung, die während Corona und jetzt wieder seit knapp einem Jahr möglich ist, reicht inzwischen ein kurzer Anruf beim Hausarzt und die Krankmeldung ist raus. Der Arztbesuch ist nicht mehr notwendig. Arbeitgeber allerdings sorgen sich, dass sich ihre Mitarbeiter mit dieser Erleichterung noch öfter krankmelden. Immer wieder werden Stimmen aus Wirtschaft und Politik laut, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Auch Krankenkassen stellten im vergangenen Jahr einen Rekordwert an Krankschreibungen fest. Ob das allerdings in direktem Zusammenhang mit der telefonischen Krankschreibung steht, ist unklar.
Arzt: „Regelung erleichtert uns die Arbeit“
Doktor Friedrich Kiener aus Unterschleißheim jedenfalls begrüßt die telefonische Krankschreibung. „Sie ist eine der wenigen schönen Dinge aus der Coronazeit“, sagt er. „Sie erleichtert uns die Arbeit.“ In seiner Praxis in Unterschleißheim betreut der Allgemeinmediziner Kiener 10 000 Patienten im Quartal. Er vertraut seinen Patienten. Kaum ein Arbeitnehmer mache heute blau, ansonsten riskiere er Ärger im Unternehmen. Er höre es schon an der heiseren Stimme. „Die meisten haben einen viralen Infekt“, sagt er. Da sei es Blödsinn, eine Stunde im Wartezimmer auf die Krankmeldung zu warten. „Bevor er die Erkältung verschleppt, ist es besser, der Mitarbeiter ruht sich drei Tage auf der Couch aus.“ Währenddessen hat Friedrich Kiener mehr Zeit, sich auf Patienten mit akuten Symptomen zu konzentrieren, sagt er.
Arbeitgeber sind skeptisch
Skeptisch hingegen sind die Arbeitgeber. „Es ist ein zweischneidiges Schwert“, sagt Sebastian Knödlseder. Der Unternehmer führt die Reinigungsfirma „Alles perfect“ in Grünwald. Die Hürde sei geringer, sich wegen eines leichten Schnupfens krankschreiben zu lassen. Der Griff zum Hörer fällt vielen leichter als der Weg zum Arzt, so die Sorge. Bis jetzt habe er noch keine Zunahme bemerkt. Im Bauunternehmen Probat Bau aus Feldkirchen stellt auch Personalleiter Benedikt Strauß bisher keine vermehrten Krankheitsfälle fest. „Jeder, der krankmachen wollte, hat das auch vor der telefonischen Krankmeldung geschafft“, sagt er.
Regelungen bei telefonischer Krankschreibung
Die telefonische Krankschreibung bei leichten Atemwegsinfekten ist seit 7. Dezember 2023 wieder möglich. 2021 wurde sie während der Coronazeit eingeführt, um Arztpraxen zu entlasten. Sie beschränkt sich nicht nur auf Erkältungserkrankungen, sondern gilt auch bei Magen-Darm-Infekten. Voraussetzung für eine Krankschreibung am Telefon: Der Patient muss in der Hausarztpraxis bekannt sein und darf keine schweren Symptome haben. Die telefonische Krankschreibung kann für bis zu fünf Kalendertage ausgestellt werden. Für eine Folgebescheinigung muss man eine Praxis aufsuchen. Eltern können auch eine Bescheinigung beantragen, um ihr krankes Kind zu betreuen.
Ähnliches schildert Christa Weber von Schammer Maschinenbau in Hohenbrunn. „Bei uns ist das noch kein Problem“, sagt die Bürokauffrau des Familienunternehmens mit zwölf Mitarbeitern. Trotzdem zweifelt auch Weber an der telefonischen Krankschreibung. „Es verleitet die Mitarbeiter einfach dazu, sich schneller krankschreiben zu lassen.“ Gleichzeitig mache die elektronische Arbeitsbescheinigung (eAU) dem Betrieb auch mehr Arbeit. Seit Januar 2023 ist die eAU für alle Arbeitgeber verpflichtend. Arbeitnehmer müssen keine Zettel mehr verschicken, sondern Arztpraxen versenden die Krankmeldung digital. Christa Webers Chef muss seitdem bei den Krankenkassen wegen der Lohnfortzahlung nachhaken.
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Krankheitsstand insgesamt zugenommen
Die elektronische Krankmeldung könnte einer der Gründe sein, weshalb der Krankheitsstand insgesamt seit Corona zugenommen hat, erklärt IHK-Vizepräsident Florian Schardt. „Die Daten werden vollständig erfasst“, sagt er. In der alten Zettelwelt sei schon mal etwas untergegangen. Auf Merkur-Anfrage hat sich Schardt extra bei Firmen aus dem Landkreis umgehört. „Mit den Unternehmern, mit denen ich gesprochen habe, ist die telefonische Krankmeldung bisher kein großes Thema.“ Die IHK vertrete eine klare Position: Die elektronische und telefonische Krankmeldung hilft dabei, die Bürokratie abzubauen.
Schardt glaubt nicht, dass Arbeitgeber die telefonische Krankschreibung ausnutzen. Viel mehr stünden die Mitarbeiter unter enormen Druck aufgrund des Fachkräftemangels. „Viele sind in der Arbeit so belastet, weshalb sie sich vielleicht schneller krankmelden.“ Das sei aber wieder ein anderes Thema.