Nach der verheerenden Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana herrscht Fassungslosigkeit. Während die Ermittlungen zur Ursache laufen, rücken heikle Fragen in den Mittelpunkt:
Wie sicher sind die Gebäude im Ort wirklich? Wie genau nehmen es die Behörden mit dem Brandschutz? Ist das Hochsicherheitsland Schweiz bei derart elementaren Brandschutz-Standards vielleicht doch laxer unterwegs als angenommen?
Ein Barbetreiber aus dem Katastrophenort, der Crans-Montana und die Gastro-Szene sei Jahren gut kennt, packt nun gegenüber FOCUS online aus – und zeichnet ein erschreckendes Bild von den Schweizer Brandschutzkontrollen.
"Zwei Kontrollen in zehn Jahren": Crans-Montana-Insider erhebt Vorwürfe
Der Gastronom, der anonym bleiben möchte, betreibt seine Bar seit einem Jahrzehnt im Herzen von Crans-Montana. Seine Bilanz zum Brandschutz ist ernüchternd: "Ich wurde in zehn Jahren genau zweimal kontrolliert. Nach der Eröffnung kam jemand von der Gemeinde und sagte, was ich umbauen soll. Dann kam er noch mal, um die Umbauten zu kontrollieren. Das war’s."
Weiter sagt er zu FOCUS online: "Weil meine Tür nach innen aufgeht und ich nicht genügend Fluchtwege habe, darf ich nicht mehr als 60 Gäste im Innenbereich haben. Die von der Gemeinde sagten damals wörtlich: Wenn ich dagegen verstoße, gibt es keine Strafen. Aber wenn etwas passiert, muss ich allein die Konsequenzen tragen."
Dass in einem so hochpreisigen Skiort derart schlampige Brandschutzkontrollen herrschen, wundert ihn selbst. "Nicht alles im Gebäude, in dem sich meine Bar befindet, entspricht dem Brandschutz. Doch die Gemeinde interessiert sich wenig dafür."
Die Feuerkatastrophe im "Le Constellation": Wo waren die Feuerlöscher?
Nach dem Brand im Gebäude "Le Constellation" stellen sich viele Einheimische und Gäste die Frage, ob dort jemals ernsthaft geprüft wurde und ob das schillernde Betreiber-Ehepaar Moretti jemals alle Auflagen erfüllte. "Wo waren die Feuerlöscher? Gab es überhaupt Feuerlöscher?", fragt der Insider verzweifelt. Die menschliche Tragödie dahinter ist immens: "Ich kenne eine der Schwerstverletzten. 60 Prozent ihrer Haut ist verbrannt. Es ist einfach nur furchtbar."
Gemeindepräsident Nicolas Feraud unter Druck
Während die Kritik lauter wird, geben sich die Behörden einsilbig bis abweisend. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag wich Gemeindepräsident Nicolas Feraud konkreten Fragen aus. Er verwies lediglich darauf, dass Prüfungen „jährlich oder zweijährlich“ stattfänden. Wann die letzte Kontrolle im Unglücksobjekt stattfand? Unklar.
Besonders brisant: Auf Nachfragen von Medien reagierte Feraud laut Berichten aggressiv. "Wer sind Sie, so etwas zu verlangen", schmetterte er Journalisten entgegen. Dabei liegt die Verantwortung für die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen in der Gemeinde direkt bei seiner Verwaltung.
Sicherheitsmängel in Schweizer Bars? Untersuchung vor Prävention
Auch die Justiz hält sich bedeckt. Generalstaatsanwältin Pilloud betonte, dass die Untersuchung Vorrang habe, bevor man etwa über Verbote von Wunderkerzen oder strengere Auflagen für Bars und Chalets nachdenke.
In Crans-Montana bleibt das Nachtleben vorerst still: Bis einschließlich Sonntag sollen alle Bars geschlossen bleiben.
„Der Brandschutz wird in der Schweiz nicht konsequent umgesetzt“
Auch andere Experten äußern gegenüber dem Nachrichtenportal „20 Minuten“ drastische Kritik am Schweizer Sicherheitssystem. Thomas Mandler, Brandschutzberater und ehemaliger Feuerwehrmann, zeigt sich über das Ausmaß der Tragödie kaum überrascht: „Der Brandschutz wird in der Schweiz nicht konsequent umgesetzt.“ Laut Mandler sei es fast schon der „Normalfall“, dass vieles schiefgehe, da Behörden oft auf die Eigenverantwortung der Besitzer vertrauen, statt zwingende Kontrollen durchzuführen. „Entsprechend entdeckt auch niemand Mängel und Gebäude werden nicht vorübergehend geschlossen“, so Mandler im Bericht von „20 Minuten“.
Ein weiterer Experte hebt hervor, dass der Kanton Wallis zudem ein „Spezialfall“ sei. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es dort keine obligatorische Gebäudeversicherung; stattdessen liegt die Verantwortung allein bei den Gemeinden.
Ein anonymer Fachmann berichtet bei „20 Minuten“ zudem von einem brisanten Interessenskonflikt: Selbst bei gravierenden Mängeln würden Kontrolleure gegen Schließungen entscheiden, da sie „auch touristische Interessen abwägen“. Sein bitteres Fazit zur mangelnden Ernsthaftigkeit bei Events: „Am Ende ruft ja das Geld.“ Die Walliser Behörden ließen Anfragen zu den letzten Kontrollintervallen im Club bislang unbeantwortet.