„Polizist zum Anfassen“: Ebersbergs letzter Dorfschandi verabschiedet sich

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Diesen Faschingsganoven ließ Schedo beim Gaudiwurm 2015 unbehelligt ziehen. Es drückte ab: der EZ-Fotograf. © Stefan Rossmann

Verkehrserzieher und schmunzelnder Lenker der Menschenmassen: Hauptkommissar Martin Schedo kennt in Ebersberg jedes Kind und jeder sonst. Jetzt geht er in Pension und sagt: „Ich würde es wieder machen.“

Ebersberg – Am Schreibtisch von Martin Schedo sind die Segel schon gehisst: Im Rücken des Polizeihauptkommissars hängen Fotos von seiner Skippi 650, dem Segelboot, das auf dem Chiemsee auf ihn wartet und dem er künftig mehr seiner Zeit widmen kann: Schedo, bei dem jeder Grundschüler aus der Gegend den Radlführerschein gemacht hat, geht mit knapp 62 Jahren in Pension.

Der leuchtende Fels in der Menschenbrandung

In der Kreisstadt kennt den hünenhaften Hauptkommissar nicht nur jedes Kind, sondern auch jeder sonst. Egal, ob Faschings-Gaudiwurm, Ukraine-Demo, Volksfesteinzug oder Christopher Street Day: Wann immer in Ebersberg etwas geboten ist, steht am Rand – oder noch öfter mittendrin – Martin Schedo wie ein leuchtender Fels in der Menschenbrandung und schmunzelt gutmütig zwischen seiner Polizeikappe und der signalgelben Verkehrspolizistenuniform hervor. „Ein Polizist zum Anfassen“, so umreißt er sein Selbstbild.

Polizist zum Anfassen: Martin Schedo kennt in und um Ebersberg quasi jeder – als TSV-Vorstand, CSU-Stadtrat und vor allem als gut gelaunten Polizei-Verkehrserzieher und Uniform-Ansprechpartner auf Demos, Festzügen und Co.
Polizist zum Anfassen: Martin Schedo kennt in und um Ebersberg quasi jeder – als TSV-Vorstand, CSU-Stadtrat und vor allem als gut gelaunten Polizei-Verkehrserzieher und Uniform-Ansprechpartner auf Demos, Festzügen und Co. © Stefan Rossmann

Und das meint er ernst. Nicht jeder Polizist lebt sein Privatleben dort, wo er arbeitet, aus offensichtlichen Gründen. Schedo ist anders. Sein Foto findet sich auf der Homepage der örtlichen CSU, für die er seit Jahren im Stadtrat sitzt. Seine Handynummer steht auf der Homepage des TSV Ebersberg, den er seit Jahren als 1. Vorstand leitet. Beides, CSU und TSV, wolle er übrigens weitermachen, so er gewählt werde. Er steht im Telefonbuch. „Die Leute rufen mich auch an!“, sagt er schmunzelnd. Das soll aber keine Einladung sein; in seiner Freizeit pfusche er den Kollegen im Dienst nicht hinein. Und auch wenn er sagt: „Wegschauen geht nicht!“, habe ihn die Nähe von Amt und Wohnort glücklicherweise nie in die Zwickmühle gebracht, auf einmal im Privatleben dienstlich werden zu müssen.

Der Erwachsene schaut auf deine Uniform. Die Kinder schauen dir ins Gesicht.

Im Dienst ist Martin Schedo dafür vielleicht der letzte Dorfschandi der Gegend. Der schon einmal einen volltrunkenen Faschingsbesucher fix nach Hause fährt, bevor der vor ein Auto läuft – weil er weiß, dass den jungen Mann die zwiederne Mama daheim besser einnordet als die Ausnüchterungszelle im Inspektionskeller. Der einen Streit am Tresen schlicht dadurch entschärft, dass ihn der Hauptaggressor als seinen Verkehrserzieher aus der Grundschule wiedererkennt und schon vor lauter nostalgischer Begeisterung klein beigibt. Der mal eine Bürgerin im gemütlichen Beisammensein damit aufgezogen hat, dass die Drehbuchautoren von „Hubert und Staller“ manchmal mit ihm auf Streife fahren, damit sie auf frische Ideen kommen. Sie hat es geglaubt, bis er den Scherz aufgelöst hat, erzählt Schedo. Man möchte ihm die Geschichte auch glauben, weil sie stimmen könnte. „Warum soll ein Polizist nicht lachen dürfen?“, findet er.

Das freundliche Gesicht der Polizei: Martin Schedo als regenfester Verkehrserzieher für den Radlführerschein.
Das freundliche Gesicht der Polizei: Martin Schedo als regenfester Verkehrserzieher für den Radlführerschein. © SRO EBERSBERG

Zu lachen hatte er mehr als die Kollegen, die nachts auf Streife Ehestreitigkeiten schlichten, Promillesünder stoppen oder Randalierer bändigen müssen. 16 Jahre lang war Martin Schedo Verkehrserzieher – machte mit Grundschulkindern den Radlführerschein, erklärte Kindergartenkindern die grundlegenden Verhaltensregeln als Fußgänger. „Da habe ich viel positive Energie rausgezogen“, sagt er. „Der Erwachsene schaut auf deine Uniform. Die Kinder schauen dir ins Gesicht.“ Und der Ebersberger machte gern dieses freundliche Gesicht der Ebersberger Polizei. „Nirgends sonst können wir so ausschließlich positive Berührungspunkte mit der Polizei schaffen“, argumentiert Schedo, warum es die polizeiliche Verkehrserziehung nicht nur der Verkehrssicherheit halber brauche. Sie sei gleichzeitig die wirksamste und reichweitenstärkste Imagekampagne, die man sich ausdenken könne.

Wackersdorf als Auszubildender: „Das war Krieg.“

„Ich würde es wieder machen“, sagt der scheidende Hauptkommissar über seinen Beruf. Auch wenn er sagt: „Das ist nicht mehr unsere Polizei von früher.“ In seiner Ausbildung war er mit den Protesten gegen die Atomwiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf konfrontiert. Krähenfüße unter den Reifen, Stahlkugeln auf Kopfhöhe: „Das war Krieg.“ Entsprechend „militarisiert“ sei die Ausbildung gewesen. Inzwischen gebe es eine andere, gemäßigtere Generation Demonstranten. Und eine andere Generation Polizisten, bei denen die Work-Life-Balance eine größere Rolle spiele.

Apropos. Auf mehr Life und weniger Work freut sich Schedo inzwischen richtig. Auf die Urlaube mit seiner Partnerin, mehr Zeit für seine Enkelkinder. Und darauf, sein Segelboot öfter in echt zu sehen, statt auf den Fotos über dem Schreibtisch.

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