FAZ-Herausgeber Berthold Kohler lobt den CDU-Spitzenkandidaten Friedrich Merz auf Seite eins seiner Zeitung für etwas, das Merz gar nicht getan hat, nämlich für sein „Durchhalten im Meinungskampf“.
Es ist gut für Merz, dass er in seiner Hauszeitung Verbündete besitzt, die ihm durch dick und dünn folgen. Aber es ist schlecht für den Journalismus, dass für derartige Freundschaftsdienste die Wirklichkeit kuratiert und die Wahrheit verbogen wird.
Merz hat nichts durchgehalten, sondern hat sich in den vergangenen zehn Wochen gedreht wie der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze. Derselbe Mensch begegnete uns mit drei Gesichtern.
Akt 1: Merz, der Strikte
Kein Pakt mit Rechts, das war die Parole wenige Wochen vor Weihnachten. Keine Koalition, keine Zusammenarbeit, keine Kommunikation – und auch keine Zufallsmehrheiten im Deutschen Bundestag. Merz klang glasklar, als er am 13. November im Deutschen Bundestag sagte:
„Wir sollten mit Ihnen, den Sozialdemokraten, und Ihnen, den Grünen, vereinbaren, dass wir nur die Entscheidungen auf die Tagesordnung des Plenums setzen, über die wir uns zuvor mit Ihnen von der SPD und den Grünen in der Sache geeinigt haben, sodass weder bei der Bestimmung der Tagesordnung noch bei den Abstimmungen in der Sache hier im Haus auch nur ein einziges Mal eine zufällige oder tatsächlich herbeigeführte Mehrheit mit denen da von der AfD zustande kommt. Denn das hätten diese Damen und Herren von Rechtsaußen doch gerne, dass sie plötzlich die Mehrheiten besorgen. “
Akt 2: Merz, der Bewegliche
Nach den Morden von Aschaffenburg versucht der CDU-Chef, sich aus der strategischen Umklammerung von Grünen und Sozialdemokraten zu befreien und verkündet die Rolle rückwärts in Sachen rechts. Er wolle sich seine Mehrheit jetzt überall holen. Zur Not auch rechts. Der Spitzenkandidat kennt fortan keine Parteien mehr, nur noch die reine Vernunft. Das klingt dann so:
„Wir werden nächste Woche in den Deutschen Bundestag Anträge einbringen, die ausschließlich unserer Überzeugung entsprechen. Und wir werden sie einbringen, unabhängig davon, wer ihnen zustimmt. Ich gucke nicht rechts und nicht links. Ich gucke in diesen Fragen nur geradeaus.“
Akt 3: Merz, ein Mann im Rückwärtsgang
Nach der Intervention von Angela Merkel, dem Spektakel im Deutschen Bundestag und den Demonstrationen im Lande verschwand die neue Beweglichkeit des Friedrich Merz so schnell wie sie gekommen war. Unter dem Druck der Ereignisse versteifte sich Merz wieder auf das Strikte und begab sich erneut in die strategische Gefangenschaft von SPD und Grünen. Auf dem Parteitag vom Wochenanfang klang das dann so:
„Ich kann den Wählerinnen und Wählern in Deutschland versichern: Wir werden mit der AfD nicht zusammenarbeiten, vorher nicht, nachher nicht, niemals. Es gibt keine Zusammenarbeit, es gibt keine Duldung, es gibt keine Minderheitsregierung!“
Der Kanzlerkandidat der Union hat nacheinander vor seinen Konkurrenten Alice Weidel und dann vor Olaf Scholz den Knicks gemacht. Wenn Adenauer, Erhard und Kohl, auf deren Festigkeit sich Friedrich Merz auf dem Parteitag berief, so wankelmütig gewesen wären wie Merz, hätte es die Westbindung, die D-Mark und die deutsche Einheit vermutlich nie gegeben.
Fazit: Diese Episode des Wahlkampfes hat gezeigt, dass es sich bei dem Holz, aus dem dieser Kandidat geschnitzt ist, vermutlich eher um Weichholz handelt. Oder wie der Redaktionsausschuss der britischen Financial Times gestern in einer Stellungnahme schrieb, die in ihrer offenen Wahrhaftigkeit den FAZ-Herausgeber beschämen sollte:
„Statt sich auf die Versäumnisse der scheidenden Regierung und Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands zu konzentrieren, hat Merz die Wahlkampagne in ein Referendum über seine eigene Urteilsfähigkeit und sein impulsives Temperament verwandelt.“