Länger arbeiten – Deutschland tastet sich nun doch an ein Wohlstands-Tabu heran. Der erste Schritt passiert noch freiwillig: mit der Aktivrente, die jetzt am 1. Januar in Kraft tritt. Wer länger arbeitet, als er müsste, bekommt einen beachtlichen Steuervorteil – bis zu 24.000 Euro für ein Jahr.
Der nächste Schritt ist bereits in Planung – aber dann ist es mit der Freiwilligkeit vorbei. Für eine gesellschaftliche Gruppe dürfte das besonders schmerzlich werden.
Jens Südekum, Ökonomie-Professor und Berater von Lars Klingbeil, hat das Konzept entworfen; Bärbel Bas, SPD-Politikerin, findet es richtig. Als – wieder einmal – Erster aus der Union hat CSU-Chef Markus Söder vorsichtig Zustimmung signalisiert. Und nun springt Thorsten Frei, der Unions-Fraktionschef, auf den angefahrenen Renten-Zug auf: „Es muss einen Unterschied machen, in welchem Alter man ins Leben gestartet ist.“
Die neue Leistungsrente: Arbeitsjahre statt Lebensalter als Maßstab
Es gibt noch keinen offiziellen Namen dafür – nennen wir sie also „Leistungsrente“: Nicht das Lebensalter bestimmt über die Rentenhöhe, sondern die Lebensarbeitszeit. Wer mit 16 Jahren angefangen hat, in die Rentenversicherung einzuzahlen, kann nach 45 Jahren Erwerbsbiografie in Rente gehen. Wer erst mit 25 Jahren arbeiten geht, muss dies tun, bis er 70 Jahre alt ist. Sonst gibt es Abschläge.
Das neue „67“ heißt dann künftig wohl „45“. Ganz sicher ist das noch nicht, aber wenn man gerecht sein will und gleichzeitig bei der Rente sparen muss, bietet sich der Bezug auf die 45 Beitragsjahre an – ein Modell, das man bereits von der „Rente mit 63“ kennt.
Worauf sich SPD, CDU und CSU offenkundig verständigen können, ist die Bindung der Rente an die tatsächlich geleistete Arbeit und nicht mehr an ein starres Lebensalter. Ob und unter welchen Bedingungen das wirklich gerecht ist, wird die Rentenkommission klären müssen. Nach dem Willen des Bundeskanzlers soll diese nicht bloß palavern, sondern liefern.
Rentenreform 2026: Friedrich Merz und die mathematische Wahrheit
Friedrich Merz will die Rentenreform in der „zweiten Hälfte 2026 politisch auf den Weg bringen“. Das wäre der frühestmögliche politische Zeitpunkt. Mathematisch gesehen käme eine solche Reform ohnehin mehr als 20 Jahre zu spät.
Erste Umfragen zeigen: 60 Prozent der Bürger sind für eine solche Leistungsrente. Noch mehr plädieren dafür, Beamte und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen – eine Lieblingsidee von Bärbel Bas. Ob das der Rente, die in Wahrheit längst pleite ist, wirklich hilft, bleibt umstritten. Beamte bringen zwar Geld in die klamme Kasse, erwerben zeitversetzt aber auch besonders hohe Ansprüche. Eine Rechnung, die auf SPD-Parteitagen gut ankommt, der Rentenkasse aber kaum hilft.
Rente ist eigentlich einfach zu verstehen. Es gibt nur zwei Konstanten: Die eine ist objektiv und heißt Mathematik, die andere ist subjektiv und heißt Politik. Seit 70 Jahren versucht die Politik erfolgreich, die Mathematik außer Kraft zu setzen.
Demografischer Wandel: Warum das Rentensystem vor dem Kollaps steht
Seit Jahrzehnten folgt eine Rentenlüge auf die nächste. Die erste erfand Konrad Adenauer gegen den Sachverstand seines Wirtschaftsministers Ludwig Erhard. Die Adenauer-Lüge lautete: „Kinder kriegen die Leute sowieso.“ Ein Blick auf die Zahlen entlarvt das Problem:
- 1957, als die dynamische Rente eingeführt wurde, lag die Geburtenrate bei 2,3 Kindern pro Frau. Heute liegt sie bei 1,3.
- 1957 lag der Anteil der über 65-Jährigen bei 10 Prozent. Heute sind es 23 Prozent – mehr als doppelt so viele.
- Die Rentenbezugsdauer betrug 1960 etwa zehn Jahre. Heute beziehen die Menschen rund 20 Jahre lang Rente.
Der Freiburger Wissenschaftler Bernd Raffelhüschen nennt diese Verschiebung eine „gewaltige Rentenerhöhung, über die niemand spricht“. Bezahlt wird sie vom Steuerzahler via Staatszuschuss: Zuletzt waren es 130 Milliarden Euro.
Fachkräftemangel und Motivation: Wenn Arbeit zur Belastung wird
Hinter der mathematischen Wahrheit verbirgt sich eine soziale Erkenntnis: Die Mehrheit der Bevölkerung findet es attraktiver, nicht zu arbeiten. Die Uni Wuppertal fand heraus, dass 83 Prozent der Vorruheständler „mehr freie Zeit haben“ wollten. Nur jeder Fünfte nutzt diese Zeit für ehrenamtliches Engagement.
Dass viele Menschen in ein „Rentenloch“ fallen, einsam oder depressiv werden, ist politisch kaum ein Thema. Dabei kann das Ende der Erwerbsarbeit einen herben immateriellen Verlust bedeuten. Der Gegensatz von Arbeit und Freizeit zieht sich durch alle Generationen – von der „Work-Life-Balance“ der Jungen bis zum Vorruhestand der Älteren.
Wirtschaftsministerin Katharina Reiche spricht die unbequeme Wahrheit aus: „Es kann auf Dauer nicht gutgehen, dass wir zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen.“ Eine Chance für Arbeitgeber liegt in der Mitbestimmung: Wer über seinen Arbeitsplatz selbst entscheiden darf, arbeitet motivierter und länger.
Akademiker im Visier: Werden 45 Beitragsjahre zur Pflicht?
Eines scheint klar: Migration allein wird die Rentenfinanzen laut Raffelhüschen nicht retten können. Nur junge, hochqualifizierte Einwanderer helfen der Kasse dauerhaft. Doch ist die Kopplung an die Lebensarbeitszeit gerecht?
Sie trifft vor allem Akademiker. Wer lange studiert, fängt später an zu arbeiten und muss, um auf 45 Beitragsjahre zu kommen, oft bis 70 arbeiten. Das ist der Kern von Südekums Idee. Kritiker wie der Wirtschaftsweise Martin Werding warnen jedoch vor „blinden Flecken“ – etwa bei Menschen mit Lücken in der Erwerbsbiografie.
Thorsten Frei will sogar noch weiter gehen: „Es muss zu einer Individualisierung des Renteneintrittsalters kommen. Es können nicht alle gleich lang arbeiten.“ Das würde bedeuten: Jeder entscheidet selbst, wie lange und wie viel er arbeitet – und danach richtet sich die Rente. Es wäre ein Sieg der Mathematik über die Politik. Es wäre allerdings auch der erste.