75 Jahre lang war das Angerlkircherl in Hauserdörfl ein Gotteshaus für evangelische Gläubige, wenn auch zuletzt kaum genutzt. Jetzt haben sich Kirchengemeinde und Kommune für ein Novum entschieden: Die kleine Kirche wird abgerissen und durch ein Wohnprojekt für Asylbewerber ersetzt.
Waakirchen - Dass kleine Gotteshäuser mangels Gläubiger oder aufgrund hohen Sanierungsbedarfs auch anders genutzt werden, macht bereits Schule. Siehe Kreuth, wo die evangelische Kirche zur Krippe wird. Dass Kirchen aber abgerissen und durch Wohnungen für Asylbewerber ersetzt werden, ist ein Novum. Die evangelische Kirchengemeinde Tegernseer Tal und die Gemeinde Waakirchen gehen diesen Weg. Und so soll das Angerlkircherl in Hauserdörfl schon bald durch ein weiteres Wohnbauprojekt für Asylbewerber ersetzt werden.
Asylhaus statt Gotteshaus: Ein weiteres Gebäude nach dem Schaftlacher Modell
„Für uns war es eine passende Gelegenheit“, sagt Waakirchens Geschäftsleiter Markus Liebl. Er bestätigt, dass die Gemeinde das etwa 760 Quadratmeter große Grundstück mitsamt Kircherl in Erbpacht übernommen hat und nun durch das Kommunalunternehmen (KU) Wohnbaugesellschaft Waakirchen dort eines von den zwei geplanten Asylhäusern bauen lässt. Neben dem Projekt an der Schaftlacher Straße in Waakirchen soll damit in Hauserdörfl das zweite Haus nach dem Schaftlacher Modell entstehen. Das heißt: 15 Jahre soll das Gebäude als Flüchtlingsunterkunft ans Landratsamt vermietet werden, danach wird es die Gemeinde günstig in eigener Regie vermieten. Wie groß der aus Beton-Modulen geplante Bau ausfallen wird, daran arbeite bereits das KU, so Liebl.
„Natürlich macht das traurig, und natürlich würden wir es uns anders wünschen“, sagt Pfarrer Martin Weber, Leiter der Kirchengemeinde Tegernseer Tal. Weber, der sich derzeit verschiedenen Vorwürfen ausgesetzt sieht, hat selbst gestern mit der Neuigkeit überrascht. „Man muss aber nicht so tun, als wäre dies der Untergang des Abendlandes“, ordnet Weber die Entscheidung des Kirchenvorstands ein, die nach Abwägung aller Fakten getroffen worden sei.
Angerlkircherl wird abgerissen: Bergleute in Marienstein haben es erbaut
Gebaut wurde das Angerlkircherl von Bergleuten in Marienstein. Sie hatten anfangs ihre Gottesdienste in der Schule gefeiert. Weil die Kirchenbesucher immer zahlreicher wurden, wurde der Plan für eine kleine Notkirche gefasst. Unterstützt von der Landeskirche, konnten dann zwei gebrauchte Baracken für 2700 Mark erworben und mit einem Tieflader an die jetzige Stelle Am Anger 7 transportiert werden. Alle packten mit an und schufen einen Zweckbau seiner Zeit. Am 3. Advent 1950 wurde mit Gesamtkosten von 7000 Mark die am Ende wohl billigste Kirche Bayerns eingeweiht.
Durch das Ende des Bergbaus in Marienstein und die zentrale Kirche in Bad Wiessee nahm die Bedeutung des Kircherls stetig ab. Hinzu kam die sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern und Besuchern. Ab 2022 wurden nur noch etwa fünf Gottesdienste meist im kleinen Kreis und einige wenige Taufen dort im Jahr gefeiert.
Solange die Finanzsituation der Kirche gut war, konnte die Filialkirche auch Dank der Pflege durch engagierte Gläubige erhalten werden. „Das reicht nicht mehr“, so Pfarrerin Sabine Arzberger, die bis zur Fusion der Kirchengemeinde Tegernsee Tal die Kirchengemeinde Bad Wiessee leitete. Das Gebäude sei inzwischen so stark baufällig, dass eine Sanierung sehr aufwendig und auch finanziell nicht mehr möglich sei, sagt Weber. Hinzu komme, dass die Landeskirche die Gemeinden zur Festlegung einer einzigen zentralen Kirche zwinge, und es nur noch hierfür Unterstützung gebe. „Da haben wir uns schon gefragt, ob wir für das Angerlkircherl noch Geld und Ressourcen aufbringen“, sagt der evangelische Pfarrer, der zudem betont, dass eine Umwidmung für andere Zwecke anstelle eines Abrisses nicht infrage komme.
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Angerlkircherl wird am Ostermontag entwidmet
Am Ostermontag, 21. April, wird das Angerlkircherl in einem Gottesdienst um 10 Uhr offiziell entwidmet. „Alle sind eingeladen, gemeinsam Abschied zu nehmen und den Blick in die Zukunft zu richten“, kündigt Pfarrer Weber an. Die Glocke und eine Gedenktafel sollen im künftigen neuen Waakirchner Rathaus einen Platz finden.