Georg Michailoff floh nach dem Ersten Weltkrieg nach Bad Tölz. Seine Nachfahrin erforscht die bewegte Geschichte ihrer Familie.
Bad Tölz – Russe wird auch Klein-Wien genannt und ist die sechstgrößte Stadt Bulgariens. Mitten im Zentrum der 120 000-Einwohner-Stadt finden sich Touristen heutzutage vor einem monumentalen neo-klassizistischen Prachtbau wieder. 1902, bei der Eröffnung, befanden sich dort ein Theater, Konzertsaal, Casino, Bibliothek und Geschäfte.
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Vom heutigen Schauspielhaus, eine viel besuchte touristische Sehenswürdigkeit, spannen sich Verbindungen bis nach Bad Tölz. Einen entscheidenden Anstoß für den Bau hat nämlich Georg Michailoff gegeben, der damalige Bürgermeister der Stadt. Und Michailoff war ab 1923 auch Bürger der Stadt Bad Tölz. Mit seiner Frau Agda führte er die Pension Emilia in der Schützenstraße, die äußerlich kaum verändert heute als „Schlössl“ firmiert. Michailoff starb 1940 mit 74 Jahren und wurde am Tölzer Waldfriedhof bestattet. Das Familiengrab ist inzwischen aufgelassen.
Vor kurzem hat sich die Ururur-Enkelin Michailoffs, Maria-Antoaneta Nikolova, an das Tölzer Stadtarchiv gewandt, um Informationen über ihre Vorfahren und ihre Familiengeschichte zu erfahren. Viele Archive in Bulgarien sind zerstört. Sie ist Doktorandin in der Geschichtsabteilung der Neuen Bulgarischen Universität und möchte mehr über ihre Vorfahren in Erfahrung bringen. Andere Familienmitglieder besuchten vergangenes Jahr persönlich Bad Tölz und das „Schlössl“, wie der heutige Inhaber Inhaber Reinhard Sieberer erzählt. Ihm gehört das Anwesen seit 1990.
Wer war Georg Michailoff, dem die Tölzer Stadtchronik bei seinem Tod einen ausführlichen Nachruf widmete? Er habe in Wien und Brüssel Rechts- und Staatswissenschaft sowie Finanzen studiert und sei „in jungen Jahren in die vorderen Linien des politischen Lebens“ in seiner Heimat gelangt. Schon der Vater war Bürgermeister von Rustschuk (heute Russe). Der Sohn folgte ihm ab 1893 in zwei Amtsperioden zunächst als stellvertretender Bürgermeister. Er war Unternehmer, im Vorstand der bulgarischen Handelsbank sowie in der Industrie- und Handelskammer. 1914 wurde Michailoff jun. dann zum Oberbürgermeister der Donau-Stadt gewählt. Politisch sei er, so seine Nachfahrin, in der „sehr konservativen“ Volkspartei tätig gewesen.
Die Machtübernahme durch eine autoritäre agrarpolitische Bewegung (Bauernbund) nach dem Ersten Weltkrieg führte zu politischen Umbrüchen. Michailoff, der wohl ausgezeichnet Deutsch sprach, floh nach Deutschland. Wie er ausgerechnet nach Tölz kam, wo er die gut eingeführte Pension Clara Jäger (das heutige „Schlössl“) erwarb, ist unbekannt. Er erwarb sich, so die damalige Stadtchronik, „aufgrund seines freundlichen Wesens, seiner steten Hilfsbereitschaft und seiner Liebe zum Oberland und den Bergen viele Freunde“.
Ihr Vorfahr war, so berichtet seine Nachfahrin Maria-Antoaneta, ein „kosmopolitischer Mensch“ und reiste als Geschäftsmann und Politiker viel herum in Europa. Einige Rätsel gibt der Familie bis heute sein Privatleben auf. Auf alten Familienfotos ist eine Frau zu sehen, die als Clara bezeichnet wird. Die Familie wusste bis zur Nachfrage im Tölzer Stadtarchiv gar nicht, dass es sich um seine erste Ehefrau aus Schweden handelte, die wohl auch Mutter seiner Töchter Anny und Iwanka war. Michailoffs heiratete seine zweite Frau Agda, ebenfalls eine Schwedin, erst in den 1920er-Jahren. Agda starb jedenfalls in Bad Tölz und ist hier auch bestattet.
Stieftochter Anny Daskaloff führte die „Villa Emilia“ – woher der Name kommt, ist unklar – noch bis 1967 und hat ebenfalls am Tölzer Waldfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Nachfahren der Familie leben heute über Bulgarien, England und Kanada verstreut. Wer mehr Informationen über das „Emilia“ und die Michailoffs oder Daskaloffs hat, kann sich gerne unter der E-Mail-Adresse mantimova@icloud.com direkt an die Nachfahrin Maria-Antoaneta Nikolova wenden. (Christoph Schnitzer)