Drei neue Ge(h)denksteine in Bad Tölz: Das traurige Schicksal der Hellmann-Familie

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Das elegante Parkhotel genügte „verwöhntesten Ansprüchen“, schreibt die Tölzer Stadtchronik 1913. Anstelle des 1971 abgerissenen Hotels an der Buchener Straße wurde die heutige Seniorenresidenz Haus am Park errichtet. © cs

Es war jahrzehntelang ein blinder Fleck in der Tölzer Geschichte: Das Schicksal der jüdischen Familie Hellmann, die von 1913 bis 1935 das prächtige Parkhotel in der Buchener Straße in Bad Tölz geführt hat.

Bad Tölz – Heute steht dort das BRK-Seniorenheim Haus am Park. Intensive Recherchen und unglaubliche Zufälle im vergangenen Jahr haben dazu geführt, dass Christoph Schnitzer nun bei einem Vortrag für den Historischen Verein am Mittwoch, 22. November, um 19.30 Uhr im Bürgersaal des Stadtmuseums Bad Tölz die Geschichte von Hotel und Familie erzählen kann.

Traurige Geschichte: Stadt wird drei neue Ge(h)denksteine verlegen

Es ist eine traurige Geschichte und als Fazit steht schon fest: Die Stadt wird drei neue Ge(h)denksteine für die Opfer des Naziterrors vor dem Stadtmuseum verlegen müssen. An 19 Tölzer NS-Opfer wird dort bereits erinnert.

Historischer Rückblick: Als das Parkhotel im Mai 1913 eröffnet wurde, schrieb der Tölzer Stadtchronist Franz von Lobkowitz bewundernd, dass „dieses Haus alle anderen Einrichtungen gleicher Art im Badeteil übertrifft“.

19 Ge(h)denksteine hat die Stadt für Tölzer Opfer des Naziterrors schon gelegt. Nun kommen drei dazu.
19 Ge(h)denksteine hat die Stadt für Tölzer Opfer des Naziterrors schon gelegt. Nun kommen drei dazu. © cs

Der Kopf hinter dem ambitionierten Hotelbauprojekt war Julius Hellmann. Mit fünf von acht Geschwistern war er 1912 aus dem kleinen unterfränkischen Städtchen Marktbreit nach Bad Tölz gekommen, um sich mit seinem 100-Zimmer-Haus gerade auch an jüdische Kurgäste zu wenden. Das Hotel bot koschere Küche und war ansonsten auf Gicht- und Zuckerkranke spezialisiert.

Im Dritten Reich wurde Julius Hellmann immer stärker schikaniert und schließlich zum Verkauf gezwungen. Soweit war das bisher weitgehend bekannt.

Leserbrief in der New York Times bringt neue Recherchen in Gang

Allerdings wusste man nicht, wie es Julius und seinen – ebenfalls bisher im Dunkel der Geschichte gebliebenen – Geschwistern Max, Bertha, Mathilde, Paula und Bernhard weiter ergangen war. Paula und Bernhard hatten überlebt und waren in die Vereinigten Staaten geflohen. Versuche einer Kontaktaufnahme scheiterten an den wechselnden Adressen. Julius, der Hotelchef, soll 1945, so berichteten Tölzer Zeitzeugen in den 1980er-Jahren, in Hamburg Suizid begangen haben. Von den anderen Geschwistern war nie die Rede.

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Es war ein Leserbrief in der New York Times vom 4. November 1992, den Schnitzer vergangenes Jahr von Steve Algorri, einem befreundeten Amerikaner und regelmäßigen Tölz-Besucher, zugesandt bekam, der alle Gewissheiten durcheinander brachte und nochmalige grundlegende Recherchen anstieß.

Bei dem Vortrag wird auch über die Kontaktaufnahme mit Nachfahren der Hellmann-Familie berichtet

In dem Brief greift Alfred Gutmann die renommierte Zeitung wegen eines viel zu freundlichen Berichtes über die Kurstadt in Oberbayern an. Bad Tölz sei, und er habe das selbst noch als Bub erlebt, „eines der ersten Ziele von Hitlers Idee einer ethnischen Säuberung“ gewesen. Gutmann schreibt, dass sowohl sein Onkel Julius Hellmann als auch seine Tante Bertha umgebracht worden seien. Auch sein Onkel Max, das weiß man inzwischen, wurde deportiert und ermordet.

Bei dem Vortrag wird der frühere Kurier-Redakteur auch über seine letztlich erfolgreiche Kontaktaufnahme mit Nachfahren der Hellmann-Familie berichten. Dr. Johny Hellmann ist Mathematik-Professor in New York.

In dem Zusammenhang wird Schnitzer von einem schier unglaublichen Zufall erzählen. Im Mai 2023 hat Hannah Sherak aus New York eine E-Mail an die Tölzer Tourist-Info geschickt, in der sie sich nach Informationen über das Parkhotel erkundigte. Die TI reichte das Schreiben weiter an das Stadtarchiv und Christoph Schnitzer. Hannah Sherak ist die Tochter des 2015 verstorbenen Leserbriefschreibers Alfred Gutmann. Er hat seinen Kindern zeitlebens nur wenig über seine Erlebnisse in der Nazizeit und in Bad Tölz erzählt. Seine Tochter Hannah hat, wie sie Schnitzer erzählte, nach ihrer Pensionierung nun die Zeit als reif empfunden, die Familiengeschichte zu erforschen. Deshalb die E-Mail nach Tölz, die mitten in die Recherchen für den Vortrag Schnitzers im Stadtmuseum eintraf. Viele, nicht alle Mosaiksteine, liegen seitdem am richtigen Platz. (cs)

Der Vortrag „Das Tölzer Parkhotel und die traurige Geschichte der Hellmann-Familie“ findet am Mittwoch, 22. November, um 19.30 Uhr im Tölzer Stadtmuseum (Bürgersaal) statt. Der Eintritt ist frei.

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