Isolation und kaum Medikamente: Putin-Gegner Alexej Nawalny ist unter harten Haftbedingungen gestorben. Steckte dahinter eine bewusste Strategie vom Kreml?
Moskau – Jede Hilfe kam am Ende zu spät: Alexej Nawalny ist wohl tot. Diese Meldung aus Russland verbreitete sich am Freitag (16. Februar) rasend schnell um die Welt. Zwar sollen Notfallsanitäter aus dem Krankenhaus Labytnangi laut russischen Justizangaben innerhalb von sieben Minuten im Gefängnis eingetroffen und noch eine halbe Stunde um das Leben des Kremlgegners gekämpft haben – doch vergeblich.
Aber kann das stimmen? Denn gemäß den offiziellen Angaben hätten die Einsatzkräfte in den sieben Anfahrtsminuten rund 35 Kilometer zwischen Krankenhaus und Haftanstalt zurückgelegen müssen, schreibt die unabhängige russische Medienplattform Novaya Gazeta – und bezweifelt deswegen die Informationen zu den Hintergründen in dem Todesfall an. Und Zweifel scheinen tatsächlich mehr als angebracht zu sein.
Nach Tod von Nawalny: Biden wirft Putin direkt die Verantwortung zu
Der Fall ist heikel: Alexej Nawalny galt als der größte Widersacher von Russlands Präsident Wladimir Putin. Den Angaben der russischen Justiz zufolge war der 47-Jährige, der seit 2021 eine 19-jährige Haftstrafe verbüßte, am Freitag nach einem Hofgang zusammengebrochen und gestorben. Vom Nawalny-Mitarbeiter Iwan Schdanow hieß es am Abend, Nawalny sei „höchstwahrscheinlich“ tot. Eine offizielle Bestätigung durch die Anwälte stand aber noch aus.
Der Tod des Oppositionspolitikers, der nach einem Giftanschlag trotz drohender Haft 2021 nach Russland zurückgekehrt war, löste in vielen Ländern Bestürzung aus. Politiker warfen Putin und dem russischen Justizsystem einen politischen Mord vor – allen voran US-Präsident Joe Biden. Man wisse zwar nicht genau, was passiert sei, aber es gebe keinen Zweifel daran, dass der Tod Nawalnys eine Folge von Putins Handeln und dem seiner Verbrecher sei, sagte Biden am Freitag im Weißen Haus. „Putin ist verantwortlich.“
Ähnlich deutlich äußerte sich auch die deutsche Bundesregierung. So nannte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den Tod Nawalnys bedrückend. Dass dieser zurück nach Russland gegangen sei, sei sehr mutig gewesen. Nun habe er diesen Mut „mit dem Leben bezahlt“, sagt Scholz in Berlin. Man wisse jetzt genau, was in Moskau für ein Regime regiere. „Alexej Nawalny hat für ein demokratisches Russland gekämpft“, erklärte auch Finanzminister Christian Lindner über den Kurznachrichtendienst X und fügte hinzu: „Putin hat ihn dafür zu Tode gequält. Das ist ein neuer, erschütternder Beleg für den verbrecherischen Charakter dieses Regimes.“
Krank in der Haftanstalt: Hat der Kreml Nawalnys Tod bewusst organisiert?
Hatte der Kreml tatsächlich seine Finger im Spiel? Das wird wohl schwierig sein, zu beweisen. Doch die Unterstützer des Oppositionellen prangerten schon seit langem eine gezielte, langwierige Tötungsstrategie an. Es sei durchaus möglich, dass die Behörden in Russland Nawalny gezielt schwächen und krank machen wollten – und zwar „nicht plötzlich, sondern schrittweise“, hatte Nawalny-Anwalt Wadim Kobsew bereits im April 2023 gewarnt. Damals hatte der Kremlkritiker innerhalb weniger Tage mehr als acht Kilo abgenommen – und war offenbar nicht medizinisch behandelt worden. Arzneien, die von seiner Mutter in die Haftanstalt geschickt worden waren, seien einfach wieder zurückgegeben worden sein, teilte Kobsew damals mit.
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Nawalny hatte 2020 eine Vergiftung mit Nowitschok nur knapp überlebt. Nach einer Behandlung in Berlin war er aber zurück nach Russland gekehrt – und war in Moskau direkt verhaftet worden. Es folgten mehrere Verurteilungen zu insgesamt 19 Jahren Lagerhaft. Dennoch meldete sich Nawalny weiterhin kritisch zu Wort über seine Anwälte und Unterstützer, weswegen er durchaus Drangsalierungen im Gefängnis hinnehmen musste. Mehrfach wurde er in Isolationszellen verlegt – ungeachtet dessen sein Gesundheitszustand immer wieder Rückschläge verkraften musste. Seit März meldeten seine Anwälte immer wieder verschiedene Krankheiten, ob Rückenschmerzen, Lähmungserscheinungen im Bein, zu hohe Kaliumwerte im Blut, Fieber oder drastischen Gewichtsverlust. Die Sorge um Nawalny wurden stets größer und nicht kleiner.
Im Kreml nahm man das offenbar billigend in Kauf. Die Nachrichtenseite Meduzza zitierte am Freitag zwei hochrangige Sicherheitsbeamte, die durchaus die schlechten Haftbedingungen für Nawalnys Tod verantwortlich machten: Der Oppositionspolitiker „wusste, worauf er sich einließ, als er 2021 nach Russland zurückkehrte“, hieß es in dem Bericht. Und weiter: „Früher oder später musste es passieren.“ Auch andere bizarre Reaktionen kamen aus Russland.
Nawalny ist weiterer Eintrag auf der Liste von Putin-Opfern
Der Tod von Alexej Nawalny reiht sich dabei ein in eine lange Liste von Oppositionellen, die in den vergangenen Jahren verschwunden, ausgewandert oder ums Leben gekommen sind. Die Todesfälle haben fast alles gemein: die genauen Todesursachen und Umstände sind bis heute stets im Dunkeln geblieben. Andere Kremlgegner leben zwar noch, mussten aber in Ausland und ins Exil fliehen. Hier ein Überblick:
- Alexej Nawalny: In Haft gestorben
- Boris Nemzow: Mit vier Kugeln erschossen
- Anna Politkowskaja: In ihrer Wohnung erschossen
- Wladimir Kara-Mursa: Zu 25 Jahren Haft verurteilt
- Xenia Fadejewa: Zu neun Jahren Haft verurteilt
- Oleg Orlow: Steht aktuell vor Gericht
- Michail Chodorkowski: Ins Exil nach London geflohen
- Boris Akunin: In Exil als „ausländischer Agent“ eingestuft
Quelle: AFP
Schuld an Nawalnys Tod? Kreml weist Vorwürfe zurück
Unabhängig überprüfen lassen sich die Geschehnisse in Russland derzeit nicht. Der Kreml wies seinerseits jedoch die Anschuldigungen aus dem Westen zurück. Die Reaktionen seien „überdreht“ und „inakzeptabel“, teilte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut der Nachrichtenagentur Interfax mit. Es gebe noch gar keinen genauen Informationen von Gerichtsmedizinern und dem Strafvollzug. Mehr habe man deswegen nicht zu dem Thema zu sagen.
Doch stören wird es Putin wahrscheinlich auch nicht. Im März steht die Wiederwahl zum Präsidentenamt in Russland an. Und neue Zwischenrufe von Nawalny aus dem Lager muss er jetzt nicht mehr fürchten. Man gehe nicht davon aus, so verrieten es die Kreml-Beamten dem Magazin Meduzza, dass die Wahl durch die jüngsten Ereignisse wirklich beeinflusst werden könnten. (jkf)