Nach Gletscherabbruch im Schweizer Blatten: Jetzt droht dem Tal eine Flutwelle

Das Wichtigste in Kürze:

  • Durch den Gletscherabbruch im Lötschental wurde das Dorf Blatten unter den Geröllmassen begraben.
  • Durch den Abbruch ist der Abfluss des Flusses Lonza blockiert. Das Wasser staut sich und steigt weiter.
  • Es könnte jeden Moment überschwappen und am Freitagmorgen eine Flut auslösen.
  • Zudem drohen von den Berghängen weitere Gesteinsabrutsche.
  • Die Behörden evakuieren weitere Menschen talabwärts.

Behörden fordern weitere Bewohner zur Evakuierung auf

7.24 Uhr:  "Wir fordern die Bewohner auf, persönliche Vorbereitungen zu treffen, um innert möglichst kurzer Zeit die Wohnungen verlassen zu können", teilen die Gemeinden Steg-Hohtenn und Gampel-Bratsch auf ihrer Webseite mit. 

Betroffen sind die Gemeinden Gampel und Steg rund 20 Kilometer unterhalb des verschütteten Dorfes Blatten. Insgesamt wohnen in dem Gebiet mehr als 2000 Menschen, aber der Aufruf gilt nur für die Ortsteile am Talgrund, wie die Gemeinden mitteilen. 

Neben Flut droht noch eine Gefahr: Hang weiter instabil

7.16 Uhr: Als ob die drohende Flut nicht schon problematisch genug wäre, können auch an der ursprünglichen Abbruchstelle am Kleinen Nebelhorn immer noch mehrere hunderttausend Kubikmeter Gestein abstürzen. Zudem wurden bei dem Gletscherabbruch Geröll und Schuttmassen über den Talboden hinweg und auf der gegenüberliegenden Hangseite hochgeschoben. Auch sie könnten als Gerölllawine wieder abrutschen. 

Die Behörden können sich zurzeit nur mit der Gefahrenbeurteilung und organisatorischen Maßnahmen befassen, sagte Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren des Kantons Wallis. "Wir können sicherstellen, dass sich möglichst keine Personen in einem gefährdeten Gebiet aufhalten."

Staubecken weiter unten im Tal geleert

7.03 Uhr: Die Schweizer Behörden haben einen weiter unten bei Ferden an der Lonza gelegenen Stausee vorsichtshalber geleert, um als Auffangbecken zu dienen. 

Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren des Kantons Wallis spricht aber auch das Schreckensszenario an, das zwar unwahrscheinlich, aber möglich ist: "Das 'worst case'-Szenario ist, dass plötzlich entgegen den aktuell als eher realistisch eingeschätzten Szenarien viel mehr Wasser und Geschiebe kommt, das das Staubecken Ferden nicht mehr zu schlucken vermag", sagte er. Einzelne Häuser entlang des Flussbettes wurden geräumt.

Banges Warten auf die Flut: Kommt sie "geordnet" oder folgt die nächste Katastrophe?

Freitag, 30. Mai, 6.30 Uhr: Im Katastrophengebiet rund um das verschüttete Bergdorf Blatten in den Schweizer Alpen herrscht weiter großes Bangen. Alle Augen richten sich auf den entstandenen Stausee hinter dem Schuttkegel. Dass sich die Wassermassen einen Weg ins Tal bahnen müssen, steht fest - aber ob das geordnet oder chaotisch abläuft, ist ungewiss. 

Gigantische Fels-, Eis- und Geröllmengen haben seit dem Jahrhundert-Ereignis am Mittwoch das Bett des Flüsschens Lonza blockiert. Das Wasser hat sich zu einem See gestaut. Der Wasserstand stieg zeitweise stündlich um drei Meter. Talbewohner, Katastrophenhelfer und die herbeigerufenen Armeeangehörigen mussten allerdings tatenlos zusehen, wie sich die Lage zuspitzt. 

Mit schwerem Gerät Furchen für einen geordneten Ablauf des Wassers in den Schuttpegel zu fräsen, ist keine Option. "Unternehmen können wir leider wenig, weil die Sicherheitslage vor Ort es nicht zulässt, dass wir mit schweren Maschinen eingreifen können", sagte Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren des Kantons Wallis im Schweizer Fernsehen.

Nach Gletscherabsturz dürfte See "in den frühen Morgenstunden" überlaufen

22.56 Uhr: Die Schweizer Katastrophenbehörden rechnen nach dem gigantischen Gletscherabbruch im Lötschental in den frühen Morgenstunden des Freitags mit einer besorgniserregenden Entwicklung. 

Die gigantischen Geröllmassen haben das Flussbett der Lonza verstopft. Der See, der sich dahinter gebildet hat, dürfte "in den frühen Morgenstunden" überlaufen, wie Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren im Lötschental sagte. Pro Stunde steigt der Wasserpegel demnach um rund 80 Zentimeter, so Studer.

Drama in der Schweiz: Suche nach Vermisstem unterbrochen

Donnerstag, 29. Mai, 19.45 Uhr: Die Behörden haben am Donnerstagabend über den aktuellen Stand im Kanton Wallis informiert. Der im Flussbett des Lorna entstandene See droht überzulaufen.

"Ziel ist es, diesen Prozess möglichst gut zu antizipieren und die Sicherheit der Bevölkerung weiter unten sicherzustellen", sagte Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren bei einer Pressekonferenz in Ferden im Lötschental. Was genau passieren könnte, versuchen Spezialistinnen und Spezialisten nun rund um die Uhr mit Erfahrung und Computermodellen vorauszusagen. 

Die Suche nach dem vermissten Einheimischen wurde unterdessen aufgrund der widrigen Bedingungen unterbrochen. „Aufgrund der anhaltenden Instabilität des Absturzmaterials aus Eis, Fels und Wasser und der damit verbundenen Gefährdung der Einsatzkräfte“, so die Begründung.

  • Im Video oben: Massive Lawine kracht ins Tal - Tödliche Mischung aus Geröll und Schnee geht auf Schweizer Dorf nieder

Was ist in den Schweizer Alpen passiert?

Ein großer Teil des Birchgletschers im Kanton Wallis ist am Mittwochnachmittag abgebrochen. Rund drei Millionen Kubikmeter Gestein und Eis stürzten nach Einschätzung der Kantonalbehörden bei dem Gletscherabbruch ins Tal und auf die Häuser in Blatten. Der Ort war zuvor aber bereits evakuiert worden. Nach Behördenangaben wurde am Donnerstag weiter ein 64-jähriger Mann vermisst.

Nach dem Gletscherabbruch in der Schweiz spitzte sich die Lage hinter der riesigen entstandenen Geröllhalde zu: Das Flussbett der Lonza ist blockiert. Deshalb bildet sich dort ein See, der überzulaufen droht.

Nach dem Gletscherabbruch ist von dem Dorf Blatten nur noch wenig übrig.
Nach dem Gletscherabbruch ist von dem Dorf Blatten nur noch wenig übrig. Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Nach Gletscherabsturz in der Schweiz: Flutwelle oder Gerölllawine möglich

Dass eine riesige Flutwelle das Tal hinunter donnert, sei zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen, sagte Staatsrat Stéphane Ganzer, Mitglied der Walliser Kantonsregierung. Der Druck durch das nachfließende Wasser der Lonza sei da, insofern könnten sich die Wassermassen auch plötzlich einen Canyon durch den Schuttberg brechen. Zudem werde am Freitag oben im Tal mit 20 Grad Temperatur gerechnet. Dann schmelze der Schnee, was die Wassermengen noch erhöhe. 

Nach Angaben von Studer ist aber ein Szenario wahrscheinlicher mit einem langsameren Abfluss, "dass der See sich schrittweise entleert, dass das in geordnetem Rahmen abläuft". Gut sei, dass das Gefälle am Schuttkegel eher flach ist, sagte Studer. Möglich sei auch, dass das Wasser das abgelagerte Material verflüssigt und mit ins Tal reißt. Aber auch dabei sei zu erwarten, "dass nicht allzu viel Geschiebematerial auf einmal abgeht." Im Ort Ferden weiter unten im Tal gibt es ein Staubecken und eine Staumauer. Experten gingen davon aus, dass dort sämtliches Material aufgehalten werde.

Gefahr in den Schweizer Alpen nicht vorbei: Weitere Felsstürze möglich

Die Lage am Berg ist nach wie vor gefährlich. Zum einen drohen am Berg Kleines Nesthorn weitere Hunderttausende Kubikmeter Fels abzustürzen. Von dort waren Felsbrocken auf den Birschgletscher gestürzt, der unter der Last am Mittwochnachmittag abbrach und ins Tal donnerte. 

Von den gigantischen Mengen Geröll wurde ein Teil auf der gegenüberliegenden Talseite hochgeschoben. Dort drohen nun Gerölllawinen. Wie stabil der eigentliche Schuttpegel ist, weiß auch niemand. Weil darin Eis ist, könnten sich Wassertaschen bilden. Räumtrupps der Armee stehen zwar bereit, aber das Gebiet zu betreten sei noch zu gefährlich, so die Behörden. 

Drama in der Schweiz: "Die Leute haben alles verloren"

Der Abgeordnete Beat Rieder aus dem Nachbarweiler Wiler sprach im Schweizer Fernsehen von einer Jahrhundertkatastrophe. "Es ist ein Ereignis, das das Tal seit Beginn der Geschichtsschreibung nie erlebt hat", sagte er. "Die Leute haben alles verloren, was man sein ganzes Leben aufgebaut hat."

Auf Drohnenbildern war zu sehen, dass ein Großteil des Dorfes Blatten unter einer meterhohen Schuttschicht liegt. Die meisten der wenigen zunächst verschonten Häuser sind von der Lonza überflutet. Die rund 300 Einwohner waren vergangene Woche in Sicherheit gebracht worden. Ein Einheimischer, der sich am Mittwoch im Katastrophengebiet aufhielt, wird vermisst. Blatten ist das letzte Dorf im 27 Kilometer langen Lötschental. Es liegt auf rund 1.500 Metern. 

Betroffen ist auch der Weiler Ried nur einen Kilometer vor Blatten. Anwohner Daniel Ritler sagte dem Portal "20 Minuten": "In ein paar Sekunden war die ganze Heimat kaputt." Hof und Haus habe er auf Bildern nicht mehr gefunden. "Es sah so aus wie auf dem Mond." 

Blatten Gletscher
Massive Gesteinsmassen waren bei dem Gletscherabbruch ins Tal gerauscht. Nun droht auch noch eine Flutwelle. Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa