Urlauber auf Menschenjagd im Krieg: Erster „Sniper-Tourist“ wohl enttarnt – Zeuge nennt grässliche Details
Bis zu 100.000 Euro sollen „Touristen“ für Ausflüge in den Bosnienkrieg bezahlt haben, um dort Menschen zu töten. Ein Italiener steht nun unter Verdacht.
Mailand – Ein 80-jähriger Rentner aus der Provinz Pordenone soll am 9. Februar in Italien befragt werden. Der Vorwurf der Mailänder Staatsanwaltschaft: Totschlag mit besonderer Schwere der Schuld. Er wird verdächtigt, als sogenannter „Sniper-Tourist“ während der Belagerung von Sarajevo in den Bosnienkrieg gereist zu sein, um gegen Geld auf Menschen zu schießen.
Er wird zur Befragung erscheinen, meldet die italienische Presse. „Ich habe keine Angst. Das ist nur eines von vielen Ereignissen, ob groß oder klein, die mir im Leben widerfahren sind“, erklärt der Mann der Nachrichtenagentur Ansa. Er sei während des Kriegs aus beruflichen Gründen in Bosnien gewesen, „nicht zur Jagd“.
Urlauber auf Menschenjagd im Bosnienkrieg – „Wir sollten Kinder erschießen“
Gleichzeitig werden neue Einzelheiten über die organisierten „Safaris“ bekannt. Ein Mann aus Triest will damals Kontakt zu den Organisatoren gehabt haben. „Sie schlugen vor, wir sollten Kinder erschießen, aber wir haben es gemeldet“, sagt er gegenüber Ansa. Je drei Kugeln seien ihm und seinen Begleitern gegen Bezahlung angeboten worden. Für „ein paar Millionen Lire“ wären sie nach Sarajevo gefahren worden und hätten dort ein Scharfschützengewehr bekommen. Er und seine Freunde lehnten nach seinen Angaben ab und erstatteten umgehend Anzeige. Bis heute hatte sich aber nichts getan.
„Sniper-Touristen“ schossen auf Zivilisten in Sarajevo
Der Mann soll während der Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1995 den „Tod von wehrlosen Zivilisten verursacht haben, darunter Frauen, ältere Menschen und Kinder“, wie es in der Anklage heißt, aus der verschiedene italienische Medien zitieren. Die Ermittler gehen davon aus, dass er mit Präzisionsgewehren von den Hügeln rund um die belagerte Stadt geschossen haben soll.
Den Anstoß für die Untersuchung gab der Journalist und Schriftsteller Ezio Gavazzeni. Nach der Dokumentation „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanić aus dem Jahr 2022 ging er der Sache weiter nach und stellte schließlich Strafanzeige bei der Mailänder Staatsanwaltschaft. In dem Film werden Vorwürfe über sogenannten „Sniper-Tourismus“ erhoben – reiche Ausländer sollen hohe Summen gezahlt haben, um an Wochenendausflügen zum Töten von Zivilisten teilzunehmen.
„Menschen-Safari“ kostete rund 100.000 Euro
Die Ermittlungen fördern erschreckende Details zutage. Laut Medienberichten, unter anderem von Reuters, der BBC und Al Jazeera, sollen die „Touristen“ bis zu 100.000 Euro für ihre makabren Trips bezahlt haben. Die Teilnehmer trafen sich angeblich in Triest, reisten über Belgrad nach Bosnien und wurden von serbisch-bosnischen Soldaten zu den Hügeln um Sarajevo eskortiert. Auch der serbische Präsident wird beschuldigt, an den „Menschen-Safaris“ teilgenommen zu haben.
Der 80-jährige Rentner ist der erste namentlich bekannte Verdächtige in den Ermittlungen, die im November 2025 begannen. Die Staatsanwaltschaft arbeitet mit internationalen Behörden zusammen, um weitere Täter zu identifizieren. Während der 1.425 Tage dauernden Belagerung Sarajevos wurden etwa 11.000 Zivilisten durch Granaten- und Scharfschützenfeuer getötet.
Ermittlungen in Italien zu organisierten Touren in den Bosnienkrieg
Der Mann aus Pordenone bleibt vorerst auf freiem Fuß, es gilt die Unschuldsvermutung. Die Ermittler müssen klären, ob er selbst geschossen hat oder nur bei Transport und Logistik half. Der Fall könnte ein jahrzehntelanges Schweigen über eines der dunkelsten Kapitel des Bosnienkriegs brechen. (Verwendete Quellen: La Stampa, Reuters, BBC, Al Jazeera) (moe)