Viele Menschen arbeiten in Teilzeit – doch nur die Hälfte freiwillig. Während die Kanzler-Partei von „Lifestyle“ spricht, zeigen Zahlen: Bei den meisten hat die Teilzeit gute Gründe.
Berlin – „Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten“, sagen die einen. „Familiäre Pflichten sind der Hauptgrund“, meinen die anderen. Mit der Forderung nach weniger Teilzeit hat der Wirtschaftsflügel der Union eine Debatte entfacht. Viele fühlen sich brüskiert. Doch wie ist die Lage wirklich? Wir geben einen Zahlen-Überblick in der Debatte.
Die Union hat den Druck auf Arbeitnehmende in Deutschland weiter erhöht. Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und CSU-Chef Markus Söder mittlerweile abwechselnd fast im wöchentlichen Takt Überstunden und weniger Krankheitstage anmahnen, hat Ende Januar auch der parteiinterne Wirtschaftsflügel seine Meinung dazu kundgetan. Allen voran CDU-Politikerin Gitta Connemann. Die CDU soll nach dem Willen der Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) auf dem Parteitag Ende Februar in Stuttgart beschließen, dass es keinen Rechtsanspruch „auf Lifestyle-Teilzeit“ mehr geben soll. Zwar existiert der Begriff im Antrag so nicht mehr, doch in die Debatten drehen sich darum.
„Lifestyle“-Vorwurf aus Merz-Partei: So viele Menschen arbeiten wirklich immer freiwillig in Teilzeit
„Teilzeit ist richtig und gut, wenn ein Grund besteht. Es geht uns um anlasslose Teilzeit“, ruderte Connemann nach Kritik aus eigener Partei, Opposition und Sozialverbänden schnell zurück. Auch Intensivpfleger Ricardo Lange meldete in der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media wenig Verständnis für den Vorstoß an. „Die Überschrift unseres Antrags hätte besser eine andere sein sollen, weil dieses Wort eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema Teilzeit ganz offensichtlich erschwert hat. Und das bedaure ich“, sagte die CDU-Politikerin dem Tagesspiegel. Die Debatte schwelt dennoch. Zeit, ein paar Fakten zu nennen:
40,1 Prozent – so hoch lag die Teilzeitquote im dritten Quartal 2025 und erreichte damit den höchsten Wert in einem Quartal überhaupt. Diese Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen: Der Teilzeit-Boom in Deutschland setzt sich ungebremst fort. 29 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiteten 2024 in Teilzeit, so das Statistische Bundesamt. Besonders auffällig: Fast jede zweite Frau (49 Prozent) reduziert ihre Arbeitszeit, bei Männern sind es nur 12 Prozent.
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Statistik zeigt: Nicht alle arbeiten freiwillig in Teilzeit
Doch arbeiten alle freiwillig in Teilzeit? Keineswegs. Vor allem viele Mütter würden nach eigenen Angaben gern länger arbeiten, meldet die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Nur rund 28 Prozent der insgesamt 13,1 Millionen Erwerbstätigen in Teilzeit arbeiteten 2024 laut Statistischem Bundesamt aus eigenem Wunsch in Teilzeit. Ein weiterer wichtiger Grund für die Teilzeittätigkeit ist die Betreuung von Angehörigen. Etwa jede zwanzigste Teilzeitkraft wollte eigentlich Vollzeit arbeiten, fand aber keine entsprechende Stelle – besonders junge und ältere Beschäftigte sind davon betroffen.
33 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer nennen familiäre Pflichten als Grund für Teilzeit. „Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen“, erklären die Statistiker.
| 27,9 Prozent | Eigener Wunsch nach Teilzeit |
| 23,5 Prozent | Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen |
| 11,6 Prozent | Aus- und Weiterbildung |
| 4,9 Prozent | Eigene Krankheit oder Behinderung |
| 4,8 Prozent | Wollten Vollzeit, fanden aber keine Stelle |
| 27,4 Prozent | Sonstige Gründe |
Hintergründe des Teilzeit-Booms
Der Teilzeit-Boom verstärkt sich durch Beschäftigungszuwachs in Branchen mit hohem Teilzeitanteil wie Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung. Gleichzeitig sank die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe mit seinen vielen Vollzeitstellen. Seit Mitte der 1990er Jahre ging die Arbeitszeit zunächst durch kürzere Tarifverträge, mehr Urlaub und weniger Überstunden zurück. Seitdem geschieht dies fast ausschließlich durch mehr Teilzeit. Das IAB-Fazit: Während auf dem Arbeitsmarkt Flaute herrscht, steigen nur Nebenjobs und Teilzeitquote.
Müssen Teilzeit-Liebhaber nun Folgen fürchten?
Nicht nur aus der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD und dem CDU-Sozialflügel kommt teils heftige Kritik am MIT-Vorstoß - und die Warnung vor weniger Arbeitnehmerrechten. Für eine Einschränkung des Teilzeitanspruchs wäre aber ein Einvernehmen in der Koalition nötig. Das scheint es nicht zu geben, auch wenn Connemann betont, es gehe ausschließlich darum, „kein einseitiges Recht gegenüber Arbeitgebern zu haben, wenn es darum geht, sein Freizeitinteresse leben zu können. Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten“, sagte sie dem Stern. Wegen dem Mangel an Fachkräften solle „freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung“ nicht dauerhaft „durch den Sozialstaat abgesichert“ werden dürfen, so Connemann, die seit 2025 auch Staatssekretärin bei Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ist.
Die Wortwahl hatte auch innerparteilich für Unmut gesorgt. „Dem Politikverständnis der CDU ist es völlig fremd, den Menschen sagen zu wollen, wie sie ihr Leben zu führen haben“, sagte etwa Kanzleramtschef Thorsten Frei zuletzt mehrfach. Einen anderen Blickwinkel hat Forscher Christoph Desjardins. Ihm zufolge kann der Trend zu mehr Teilzeit Unternehmen und damit der gesamten deutschen Wirtschaft grundsätzlich sogar dabei helfen, erfolgreicher zu sein. (Quellen: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Statistisches Bundesamt, Deutsche Presse-Agentur, Tagesspiegel, Stern) (mke)
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