Der Bitcoin ist auf fast 60.000 US-Dollar gefallen und setzt damit seinen Wertverfall weiter fort. Die Sorge vor weiteren Verlusten ist bei Finanzexperten groß – die Gründe für den Schock.
Washington – Unter US-Präsident Donald Trump sollte sich der Bitcoin eigentlich zu einem sicheren Anlagehafen entwickeln – zum digitalen Zwilling von Gold. Nach einem Rekordkurs von 126.000 US-Dollar hat sich der Wind allerdings gedreht und die wichtigste und älteste Kryptowährung erlebt einen Kursrutsch: Am Donnerstag rauschte der Bitcoin-Kurs auf 60.008,52 US-Dollar herab – der tiefste Stand seit Trumps Wahlkampf 2024.
Digitales Gold in der Krise: Zerlegt der Bitcoin-Crash die Idee vom sicheren Hafen der Kryptowährungen?
Damals hatte der US-Präsident massive Unterstützung für Kryptowährungen versprochen. In der Nacht zu Freitag erholte sich der Kurs dagegen minimal und stieg um 3,3 Prozent auf 65.198,20 US-Dollar. Neu ist der Abwärtsstrudel allerdings nicht: Der Bitcoin und viele andere Kryptowährungen wie etwa Ether – seit Jahresbeginn rund 36 Prozent im Minus – haben in den vergangenen Monaten massiv an Wert verloren. Laut Daten von CoinGecko hat sich das Volumen am Markt von fast 4,5 Billionen US-Dollar um mehr als 50 Prozent auf zwei Billionen US-Dollar verringert. Zuletzt beschleunigte sich die Abwärtsbewegung nochmals – Bloomberg verweist darauf, dass binnen weniger Tage Hunderte Milliarden Dollar aus dem Gesamtmarkt verschwanden.
Die Gründe für die Turbulenzen sind vielfältig. Zuletzt hatte der US-Finanzminister Scott Bessent angekündigt, dass die US-Regierung keine Bitcoins kaufen werde. Damit dämpfte er die Erwartungen vieler Krypto-Investoren, die Trumps Wahlkampfversprechen einer nationalen Kryptoreserve nach dem Vorbild von Gold weiterhin als mögliches Kurssignal interpretiert hatten. Die Reserve besteht zwar theoretisch, speist sich aber seit März aus beschlagnahmten Kryptobeständen.
ETF-Flows drehen ins Minus: Warum Abflüsse aus US-Spot-Bitcoin-ETFs den Verkaufsdruck weiter erhöhen
Neben der Reserve-Debatte fiel der Kurs außerdem in eine Phase, in der Anleger weltweit Risiko reduzierten – und vor allem Technologiewerte unter Druck gerieten. In diesem Umfeld verkauften laut Bloomberg viele Investoren Krypto nicht als Schutz, sondern als besonders volatile Risikoanlage.
Ein wichtiger Verstärker kam aus dem ETF-Markt: Aus US-Spot-Bitcoin-ETFs floss zuletzt deutlich Kapital ab. Reuters beziffert die Abzüge allein für Januar auf mehr als drei Milliarden US-Dollar. Fällt diese Nachfragequelle weg, fehlt dem Markt ein stabilisierender Käuferkreis. Die Rückgaben erhöhen den Verkaufsdruck zusätzlich.
Finanzierung per Aktie und Anleihe: Warum fallende Kurse Kreditauflagen plötzlich scharf stellen können
Noch heikler ist der zweite, größere Treiber der vergangenen Monate: Bitcoin-Käufe über Unternehmen, die den Coin als Kern ihrer Bilanzstrategie nutzen – teils über eigene Aktien- oder Anleiheemissionen. Besonders 2025 ist dieses Segment sehr stark gewachsen. Und genau hier liegt das Risiko: Fällt der Kurs, können Finanzierung und Kreditauflagen zum Problem werden. Unternehmen könnten gezwungen sein, Bestände zu verkaufen oder geplante Käufe auszusetzen. In einem ohnehin nervösen Markt kann das die Abwärtsbewegung nur noch verstärken.
Finanzexperte warnt vor „Todesspirale“ beim Bitcoin – Liquidationen beschleunigen den Absturz kurzfristig
Diese selbstverstärkende Dynamik hat auch Michael Burry in einem Beitrag auf dem Branchenportal Substack aufgegriffen. Ein länger anhaltender Preisrückgang könne „eine Todesspirale in Gang setzen, die zu einer massiven Wertvernichtung führt“, erklärte der US-Investor und Hedgefonds-Manager, der als einer der wenigen Experten 2007/08 die Finanzkrise vorhergesehen hat.
Hinzu kommt ein Mechanismus, der Kursbewegungen in beide Richtungen beschleunigt: der Abbau gehebelter Positionen. Analysten verweisen darauf, dass in den vergangenen Wochen zunehmend stark fremdfinanzierte Wetten vom Markt verschwinden werden. Sinkende Kurse lösen dabei automatische Liquidationen aus, die wiederum neue Verkäufe erzwingen. In geballter Form verschärfte diese Dynamik den Absturz kurzfristig.
WeitereKursstürze oder Bodenbildung? Was US-Strategen, Research-Häuser und Investoren jetzt erwarten
Die Experten in den USA sind derzeit gespalten, ob es sich bei dem Kurssturz um eine kurzfristige Ausnahme handelt, die von Faktoren außerhalb der Kryptowelt bestimmt wird. Oder ob sich Bitcoin und Co. tatsächlich nicht als der erhoffte Anlagehafen bewiesen haben. Das Investmenthaus Stifel stellt seinen Kunden eine noch deutlichere Abwärtsprognose in den Raum, in der der Kurs auf bis zu 38.000 US-Dollar fallen könnte.
Zwei Szenarien für die nächsten Wochen: Stabilisierung über Supports – oder Rutsch bis 38.000 Dollar
Regulierungsexperte Zack Shapiro vom US-Thinktank Bitcoin Policy Institute sieht aktuell eine Mischung aus Panikverkäufen und Gewinnmitnahmen. Am Kryptomarkt gebe es allerdings noch immer mehr „Verkäufer als Käufer“. Steve Sosnick, Analyst beim Online-Broker Interactive Brokers, sieht den Kryptomarkt nun endgültig im Mainstream angekommen, da die Kurse weniger ideologisch beeinflusst würden. Aktuell fände eine Portfolio-Rotation statt, die auch in anderen Asset-Klassen zu sehen sei.
Dem stimmt im Grunde auch die Tech-Investorin Cathie Wood gegenüber dem Handelsblatt zu: Sie glaubt, dass „wir das Schlimmste bereits hinter uns haben“. Die Kurse könnten bald wieder steigen. (Quellen: Reuters, Bloomberg, Bitcoin Policy Institute, Handelsblatt, Substack) // (msw)